Kalevala – die Sprache des Polarlichts

Kalevala – die Sprache des Polarlichts

Werde von der Lust getrieben,
Von dem Sinne aufgefordert,
Daß ans Singen ich mich mache,
Daß ich an das Sprechen gehe,
Daß des Stammes Lied ich singe,
Jenen Sang, den hergebrachten.

Mit diesen ausdrucksstarken Versen beginnt die Kalevala, das „finnische Nationalepos“. Zumindest vom Begriff ist sie den meisten Literaturinteressierten bekannt, doch wohl nur wenige haben sich schon einmal vollständig durch das achtteilige Lyrikwerk gearbeitet. Ein Lesebericht.

Direkt von der Ofenbank

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Runensänger, Uhtua 1894. © Wikimedia Commons

Die Handlung der Kalevala steht ganz in der Tradition heidnischer „Urdichtung“ wie zum Beispiel des Nibelungenliedes. Keine von politischen Idealen durchdrungenen Freiheitskämpfer oder durchtriebene Intriganten sind die Helden des Epos, sondern einfache, grob gezimmerte Charaktere wie der Schmied Ilmarinen oder der Jäger Lemminkäinen. Nicht weltbewegende Götterschlachten, sondern Hochzeiten, Ernte oder Fischfang bestimmen ihr Tagwerk. Natürlich strotzt die Sage nur so von fantastischer Zauberei, grausligen Ungeheuern und geheimnisvollen Artefakten, aber anders als homerische Dramen oder Goethes Welt-Sinn-Suchen rankt sich um alles ein grob gezimmertes Gerüst einfacher Begebenheiten, welche die Denkwelt der Landbevölkerung bestimmt. Eifersucht, persönlicher Wohlstand oder der Wunsch nach einem ruhigen Leben sind die Motive, von denen die Charaktere angetrieben werden. Sehr oft lesen sich die Zeilen wie direkt aus dem Mund eines Bauern gesprochen, direkt, unkompliziert und äußerst bildhaft. Dies kommt nicht von ungefähr, denn der Autor des Werkes, Elias Lönnrot, sammelte ähnlich den Gebrüdern Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts bei seinen Reisen durch Karelien die mündlich überlieferten Volkslegenden von den „Runensängern“, den finnischen Skalden, auf und versuchte diese dann überwiegend originalgetreu in einer einheitlichen Form wiederzugeben.

Vom Goldmahlen

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Das Schmieden des Sampo, von Akseli Gallen-Kallela © Wikimedia Commons

So erklärt sich auch die relativ zusammenhanglose Handlung, trotz der Gesamtform eines durchgehenden Zyklus. Von einer Schöpfungsgeschichte über die Fahrt ins Totenreich bis hin zu Aussaat-Anweisungen ist so ziemlich die ganze Bandbreite des Mythen- und Lebenskosmos vertreten. Bekanntestes Motiv ist das Schmieden des Sampos, einer goldproduzierenden Mühle. Ebenfalls eine große Rolle spielen Zauberlieder, dessen Kenntnis ihrem Sänger gottgleiche Schöpferkräfte geben können. Dabei kommt oft eine Kantele zum Einsatz, das typische Begleitinstrument der Runensänger. Bei richtiger Beherrschung kann der Spieler dieser finnischen Zither einen träumerischen Klang entlocken, was sich ideal als Hintergrundmusik für Erzählstunden am Lagerfeuer geeignet haben dürfte. Das bereits beispielhaft präsentierte Versmaß kennzeichnet das gesamte Werk und wurde in seiner Kompliziertheit von den Runensängern so tatsächlich benutzt. Um Neulingen das Lernen zu erleichtern, ziehen sich außerdem zahlreiche Stabreime und Wiederholungen durch sämtliche Passagen. Insgesamt liest er sich daher sehr prägnant und trotz der fehlenden Prosaform recht eingängig. Wer die Aufmerksamkeit aufbringt, dem nicht ganz anspruchslosen Text auch über mehrere Seiten zu folgen, wird mit eindrucksvollem Kopfkino und einer Stimmung zwischen lakonischer Einsamkeit und depressiver Schönheit belohnt, welche des Öfteren als „typisch“ für jene Länder in der Nähe des Polarkreises angesehen werden mag.

Unterschätztes Juwel

In ihrem Heimatland erlangte die Kalevala im Zuge des damals europaweit zunehmenden Nationalbewusstseins gigantische und kontinuierliche Popularität, viel größer als selbst hierzulande Goethe oder in England Charles Dickens. Bis heute besitzt das Epos teilweise politische Wirkung. Kinder, Unternehmen oder Stadtviertel werden mit Begriffen daraus benannt, während einprägsame Textstellen zu Sprichwörtern geworden sind. Leider erweist es sich aber als anstrengend, eine aktuelle deutsche Übersetzung der Kalevala aufzufinden, vielfach sind nur gekürzte Ausgaben oder antiquarische Exemplare erwerbbar. Angesichts der guten Verfügbarkeit vergleichbarer Klassiker eine ziemliche große Lücke und längst überfällig. Immerhin durfte selbst Donald Duck sich schon durch die Feder des Comiczeichners Don Rosa nach dem Sampo machen.

Autor: Niklas Gaube

 

DIY – Buchumschlag selbstgemacht

DIY – Buchumschlag selbstgemacht

Ihr wollt eure Lieblingsbücher unterwegs gut schützen, findet aber die erhältlichen Schutzumschläge einfach nicht hübsch? Oder keiner passt wirklich zu euren Büchern? Dann macht einfach selbst einen! Ich zeige euch wie es geht.

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© Maxi Pfeil

Was braucht ihr?

Auf alle Fälle Stoff – genauer gesagt Baumwollstoff. Der lässt sich schön verarbeiten und verzieht sich nicht beim Nähen. Außerdem empfehle ich euch ein Vlies zu kaufen, das man auf den Stoff aufbügeln kann. Das verleiht der Hülle am Ende extra Festigkeit und bietet zusätzlichen Schutz, falls euch zum Beispiel mal das Getränk im Rucksack ausläuft. Ich persönlich habe mich für zwei verschiedene Stoffe entschieden, einen für die Außen- und einen für die Innenseite des Umschlags. Das macht meiner Meinung nach die ganze Optik interessanter.

Ihr braucht außerdem noch ein elastisches Band, das am Ende das Buch mit Umschlag zusammen hält. Und wenn ihr gleich ein Lesezeichen mit einbauen wollt, besorgt noch ein anderes (unelastisches) Band, das ihr dafür verwendet.

Weiterhin braucht ihr eine Stoffschere, ein Maßband, Stecknadeln, Faden und natürlich eine Nähmaschine.

Bevor ihr jetzt aber in den nächsten Stoffladen stürzt, vergesst nicht ein Referenz-Buch für die Höhe und den Umfang zu messen, nicht dass euch am Ende Stoff oder Vlies fehlt.

 

Schritt 1: Messen und Schneiden

Für den Schnitt des Stoffes messt ihr zuerst Höhe und Umfang eines Buches, das am besten dem Durchschnitt eurer Bücher entspricht – damit sollten dann die meisten perfekt in die Hülle passen.

Bei mir haben die Bücher z.B. eine Höhe von 22 cm und einen Umfang (beide Umschlagseiten und der Einband) von 35 cm.

Für die endgültigen Maße muss dann noch etwas dazugegeben werden. In der Höhe sollte man etwas Bewegungsfreiraum einplanen, am besten oben und unten je 1 cm, dann kommt nochmal je 1 cm für die Naht oben und unten dazu. Insgesamt also in meinem Fall 26 cm.

Für den Umfang werden auch insgesamt 2 cm für die Naht zugegeben. Außerdem muss noch ein Umschlag gemacht werden, der das Buch in der Hülle hält. Dafür eignen sich 6 oder 7 cm auf beiden Seiten. Wenn ich also die 7 cm nehme, komme ich dann auf 51 cm. Ich habe dann nochmal 2 cm zugegeben, damit sich der Umschlag leichter anziehen lässt.

Jetzt kann geschnitten werden: 26×53 cm aus den Stoffen für Außen und Innen, sowie dem Vlies.

 

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© Maxi Pfeil

 

Schritt 2: Den Vlies aufbügeln

Als nächstes wird der Vlies auf die linke Seite des Außenstoffes (die man nicht mehr sieht, wenn alles fertig ist) aufgebügelt. Achtet darauf, dass er auch wirklich fest ist, sonst kann er sich eventuell später wieder lösen.

 

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© Maxi Pfeil

 

Schritt 3: Zusammen nähen

Nun werden Außen- und Innenstoff aufeinander gelegt und zwar so, dass die Seiten, die Außen sein sollen, aufeinander liegen. Wollt ihr ein Lesezeichen, platziert ihr es in der Mitte der langen Seite und näht es an einer mit fest, wenn ihr Außen- und Innenstoff verbindet. Dann näht ihr es an drei Seiten – einer kurzen und den beiden langen Seiten – zu, mit einem Nahtabstand von 1 cm, damit das Ganze auch gut hält.

Wenn Ihr damit fertig seid, dreht Ihr den Stoff um und schließt die letzte Seite von außen. Dafür faltet ihr die Ränder nach innen und setzt die Naht so nah wie möglich an den Rand.

 

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© Maxi Pfeil

 

Schritt 4: Umschläge nähen

Zuletzt legt ihr euch die Umschläge von 7 cm zurecht und fixiert sie mit Stecknadeln. Setzt die Stecknadeln dorthin, wo später die Nähte sitzen sollen und lasst euer Referenzbuch den Umschlag anprobieren. So geht ihr sicher, dass am Ende auch alles passt. Falls es mit den Nadeln zwar passt, aber etwas eng ist, macht euch keine Sorgen, die Stecknadelköpfe nehmen etwas mehr Platz weg, als die Naht selbst.

Wenn das Buch gut passt, könnt ihr den Umschlag von der Vorderseite (des Buches) zunähen. (Nehmt dafür das Buch am besten wieder aus dem Umschlag raus.)

 

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© Maxi Pfeil

 

Bei der Rückseite wird nun das elastische Band mit eingenäht. Dafür könnt ihr entweder schätzen oder das Buch wieder zu Hilfe nehmen: Ein Ende des Bands wird unten in den Umschlag gesteckt und schon festgenäht. Dann wird das Buch wieder in den Umschlag gesteckt und das Band außen herum gezogen und oben in den Umschlag gesteckt und fixiert. Dann wird oben auch zugenäht.

 

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© Maxi Pfeil

 

Und das war es auch schon! Damit habt ihr einen individuellen und praktischen Schutzumschlag, der euer Lieblingsbuch auf Reisen beschützt und der garantiert passt.

P.S.: Lasst euch bei den Maßen nicht davon abschrecken, dass der Umschlag auf dem Bild oben übersteht. Ich hatte mich beim ersten Mal vermessen und dann beim zweiten Versuch lieber 1 cm mehr zugegeben (also 27 cm in der Höhe) und das ist der Zentimeter der hier übersteht.

Autorin: Maxi Pfeil

Schwellenländer – neue Chancen für Verlage?

Schwellenländer – neue Chancen für Verlage?

Gewalt, vermüllte Slums und Billigschuhe – das sind die ersten Bilder, welche bei der Erwähnung des Begriffs „Schwellenland“ auftauchen. Doch abseits dessen wächst in diesen Staaten unbemerkt ein Buchmarkt mit riesigem Potential heran. Wie gehen deutsche Verlage mit den neuen Möglichkeiten um? Lohnt es sich überhaupt, dort zu investieren?

Zwischen dem hochindustrialisierten Westen und den bettelarmen Ländern der Dritten Welt rangieren diese sogenannten Schwellenländer. Bekanntestes Beispiel sind die „BRICS“, ein Zusammenschluss von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Vor allem große Technologiekonzerne wie Siemens sind bereits seit Jahrzehnten mit Standorten vertreten und machen dort, nicht zuletzt aufgrund der niedrigen Löhne, einen wichtigen Teil ihres Geschäftes. Doch für die deutsche Verlagswelt war Internationalisierung außerhalb des anglo-amerikanischen Raums bisher selten ein großes Thema. Politisches Chaos, Unterdrückung und religiöser Fanatismus schrecken viele ab, außerhalb sicherer Gewässer ihr Glück zu wagen.

Die schlafenden Riesen

Ein näherer Blick auf die Zahlen zeigt aber das große Potential dieser Gebiete. Selbst wenn in Indien Millionen Analphabeten leben, so gibt es doch eine kleine gebildete Mittelschicht von 10% – was bei dem Subkontinent mehr Menschen sind, als Deutschland Einwohner hat. Diese fragen auch tatsächlich Bücher nach, denn sie sind bestrebt, auch ihren Kindern einen gesellschaftlichen Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Beispielsweise werden auf der Buchmesse in Rio de Janeiro jedes Jahr aufs Neue deutsche Kinderbücher heiß begehrt, die aufgrund ihrer hochwertigen Gestaltung viele Liebhaber finden. Da der gesamtwirtschaftliche Trend eines Schwellenlandes sowie die Bevölkerungszahl beide durch starkes Wachstum gekennzeichnet sind, ergeben sich vor allem für die Zukunft beachtenswerte Alternativen zu einem seit Jahren kriselnden, schrumpfenden Buchmarkt in Deutschland. Das haben auch große Verlagshäuser erkannt und mit ihrer Finanzkraft Marktanteile abgesteckt. Der spanisch- und portugiesischsprachige Ableger von Penguin Random House ist mittlerweile der größte Buchanbieter in Lateinamerika, während der Hauptkonzern selbst im Jahr 2014 bereits 16,5% seines Umsatzes außerhalb westlicher Länder erwirtschaftete – Tendenz weiter steigend.

Schwellenländer Bild Hanoi Buchladen
Buchladen in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © piqs.de: Michael McCauslin

Digitale Unternehmen auf dem Vormarsch

Natürlich sind Investitionen in solch einem unbekannten Buchmarkt mit beträchtlichem Risiko verbunden. Abseits wirtschaftlicher Schwankungen und fehlender Erfahrung hängen die publizierbaren Inhalte nicht selten vom Willen der Machthabenden ab. Doch insbesondere die verteufelten Medien-Konkurrenten Amazon, Google und Facebook lassen sich davon nicht abschrecken und werfen sich mit all ihrer Kapitalmasse in diese Märkte. Facebook erregte erst vor kurzem in Indien Aufsehen mit seinem Plan, Gratis-Internet für alle (unter dem wachsamen blauweißen Auge) zur Verfügung zu stellen. Hier ist Eile geboten: wenn nicht die klassischen Verlage in die neuen Buchmärkte investieren – die digitalen Konzerne werden es auf jeden Fall tun. Und danach stehen die Chancen schlecht, noch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Gerade deutsche Verlage mit genügend Finanzkraft sollten sich dringend die Frage stellen, warum sie ihre meißt hochqualitativen Inhalte nicht außerhalb der internationalen Komfortzone vertreiben. Und sei es nur in elektronischer Form, gerade in Schwellenländern sind viele Menschen den neuen Medien gegenüber aufgeschlossen. Wer nicht in einigen Jahren von einem noch mächtigeren Amazon überrollt werden will, sollte das Risiko auf sich nehmen und den gern selbst propagierten Sprung über den Tellerrand auch tatsächlich wagen.

Autor: Niklas Gaube

Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

„Aber welcher Ruhm wartete meiner, wenn es mir gelang, die Krankheiten vom menschlichen Geschlechte fernzuhalten und jeden unverletzlich zu machen.”, schwelgt Frankenstein noch verklärt vor sich hin, bevor er in Nürnberg einige Kapitel später (filmisch gern mit einem bebenden „Leeeebe!!!” inszeniert) sein Monster aus zusammengeflickten, elektrisierten Leichenteilen erweckt. Während Frankenstein in Bälde Zweifel an seiner Schöpfung kommen, sucht diese nach Liebe, wird mit Mistgabeln und Fackeln gemobbt, schwört Rache an ihrem „Vater“ und eskaliert.

Der Wunsch Krankheit und gar den Tod zu bezwingen ist ein kulturelles Leitmotiv. Die Blinden sehend, die Lahmen gehend zu machen, ist mehr noch als theologische Mythenbildung Ziel der Wissenschaft, die aus dem Unverstehen der Zeitgenossen mystizistische Blüten treibt und Stoff literarischer Verarbeitung wird. Während in Mary Shelleys Zeiten der morbide Charme der Anatomie die Fantasie beflügelte, findet auch die Gegenwartsliteratur ihre Inspiration in den Errungenschaften moderner Forschung, wie etwa Thea Dorns Anfang des Jahres erschienener Roman „Die Unglückseligen“ bezeugt. Freilich gebärdet sich die heutige Forschungsarbeit und damit die literarische Aufarbeitung subtiler als die eindrückliche Zerstückelung von Verstorbenen und das Zusammenpuzzeln ihrer Teile. Die Axt sowie Nadel und Faden wurden durch das CRISPR/Cas9-System ersetzt.

Es geht halt nicht immer mit dem Teufel zu

CRISPR klingt erstmal nach Frühstücksflocken, sind aber Teile des Erbguts von Bakterien, die für Resistenzen gegen Viren sorgen. Und weil der Mensch ein Mikrokosmos für Bakterien ist, hat er alle Veranlassung CRISPR toll zu finden. Das CRISPR/Cas9-System wiederum ist eine seit 2012 angewandte Methode, um DNA-Stränge – perspektivisch auch von Menschen – zu zerschneiden, ggf. mit dem Ziel Gene zu ergänzen, zu manipulieren oder zu entfernen. So könnten beispielsweise Erbkrankheiten beseitigt oder gar richtig fiese Gene verändert werden, die für Schlupflider, Faltenbildung und eventuell gar Altern im Allgemeinen sorgen. Kurzum: es geht um die Zukunft von Menschheit und Menschsein.

Ob des gesellschaftlichen Unwissens oder Desinteresses um diese Entwicklung veröffentliche Dorn kürzlich einen Artikel auf ZEIT Online, in dem sie ihr Unverständnis über eben diesen Mangel an Auseinandersetzung mit der sogenannten „roten Biotechnologie“ äußert. Im Gegensatz zur Genmais-Kontroverse („grüne Biotechnologie“) käme die öffentliche Diskussion über genetische Eingriffe beim Menschen zu kurz.

Bild Dorn Buch
Thea Dorns neuestes Werk: ein Mash-Up aus Frankenstein, Faust und etwas Dan Brown.

Bereits Dorns Roman, dessen Protagonistin, eine Biotechnologin, in bester frankensteinscher Manier danach trachtet Krankheit und Tod zu bezwingen, wirft die Frage auf, ob die Schöpfung oder das Handeln selbst monströser, teuflischer, ist. Erwähnte Biotechnologin trifft auf einen ominösen Mann, der behauptet, im Jahr 1776 geboren und des ewigen Lebens mittlerweile überdrüssig zu sein. Es entwickelt sich eine Tändelei. Sie möchte seine DNA analysieren, die Unsterblichkeit entschlüsseln (was definitiv romantisch ist) und schließlich fliehen sie vor einem drohenden Akademikermob nach Deutschland. Warum Deutschland? Weil – so deutet es der Klappentext an – Deutschland Faustland ist, „Die Unglückseligen“ sich, nicht zuletzt dank der Präsenz einer teuflischen Entität, in die Faust-Tradition stellt und sie fortführt. Des Teufels bedient sich Dorn als scheinbar einziger vernunftbegabter Instanz, die dem affektierten Treiben nicht ohne Hoffnung auf einen ihr genehmen Ausgang zuschaut. Es scheint als würde sie nur dem ultraschlauen Höllenfürsten die Kompetenz zuschreiben, die wahre Tragweite der Unsterblichkeitsforschung zu (er)kennen.

So ist es doch prinzipiell nicht verwunderlich, dass der von Dorn geforderte „Aufschrei“ ausbleibt, stoßen sich schlichtere als die teuflischen Gemüter bereits an der Abstraktion: weg vom Hantieren mit Leichenteilen hin zur DNA-Manipulation, gleichwohl beides in der Reflexion zeitgeistige Zukunftsangst repräsentierte und repräsentieren kann. Das Thema muss nur populärer auf‘s Tableau – drohende Freiheit von Krankheit und Tod ist zu positiv. Wo bleibt der Schaden, der den Volkszorn entfacht?

Geht’s auch infernal-banal?

Vielleicht könnte Dorn deshalb hoffen, wenn in deutschen Kinos am 13. Oktober 2016 die Verfilmung von Dan Browns 2013 erschienenem „Inferno“ anläuft. Auch diesmal geben sich in bester Brown’scher Fasson Antagonismen und Gleichnisse in Religion, Wissenschaft und Humanismus ein Stelldichein. Freilich wieder mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Am Ende ((Achtung, Spoiler!) ist es ausgerechnet ein menschgemachtes, mithilfe einer DNA-Schere erzeugtes Mutagen, das einen Großteil der Erdenbürgerinnen und -bürger unfruchtbar macht. Das Ziel des Schurken: der Überbevölkerung Herr zu werden und damit die menschliche Spezies zu retten. Frankenstein, ick hör dir crisprn. Bei Brown zugegebenermaßen massenkompatibler als bei Dorn in Buch und ZEIT. Man stelle sich das am 13. Oktober in einem deutschen Kinosaal vor:

Dunkelheit und Stille. Wer nicht ohnehin gebannt auf die Schwärze der Leinwand starrt (und sich fragt, wie Tom Hanks mit 60 noch so fit aussehen kann), schrickt mit einem Grunzen aus dem Schlaf und sieht am Ende des Films die Worte: „Im Jahr 2012 haben Wissenschaftler erstmals eine neue Methode angewendet um DNA zu manipulieren.“ Manche Kinobesucher werden womöglich jetzt schon versucht sein lieber schnell noch das eigene Erbgut weiterzugeben, ehe es zu spät ist. Dann weiter: „Im Gegensatz zu früheren Möglichkeiten kann CRISPR/Cas9 unter vergleichsweise günstigen Bedingungen in vielen Laboratorien angewendet werden.“ Die dumpfe Hoffnung, dass dies nur plumpe Angstmacherei ist, zerschlägt sich mit den Worten: „Das Science-Magazin ernannte das CRISPR/Cas9-System zum Durchbruch des Jahres 2015.“ Wer jetzt also nicht reproduktiv agiert, wird sich Babys bald nur noch aus dem Katalog bestellen können, aber: „Immerhin“, wird man sich triumphierend denken, „an Überbevölkerung sterb‘ ich nicht!“

Hm, ob das mal zur Debatte reicht? Womöglich kann sich der Geist des Sehenden nicht an all den mehr oder weniger schaurigen Aussichten entzünden, die ihm die Literaten der Zeit so flammend vorwerfen. Shelley, Goethe, Brown und Dorn stimmen nachdenklich, schockieren vielleicht, aber rütteln nicht wach. Selbst das Lassen-Sie-uns-mal-ernst-werden in einem Onlinemedium bleibt wenig mehr als Unterhaltung, die schon ganz schwere Geschütze auffahren muss, um einen großen Diskurs loszutreten. Wenn sich Dorn also nicht öffentlichkeitswirksam ein Gen-Baby made in China anschafft, wird sich das deutsche Gemüt nicht regen.

Gegebenenfalls genügt ja aber schon ein Bekloppter, der sich Zebrafisch-Gene in der DNA platzieren lässt und das Schwarz-Weiß-Denken zur Gentechnik so eindrücklich viral gehen lässt. Dass dies jedoch in Faustland passiert, darf – so auch die bittere Erkenntnis des Teufels in „Die Unglückseligen“ – bezweifelt werden. Da vermutlich noch etwas Zeit vergeht, bis mithilfe des CRISPR/Cas9-Systems das Gen für Kleingeistigkeit aus der menschlichen DNA entfernt wird, bleibt an dieser Stelle nur Thea Dorns berechtigtem Wunsch zur Diskussion Unterstützung angedeihen zu lassen. Da Mary Shelley zeigt, dass auch der Mob ein bisschen Monster ist, halten wir es mit ihr und dem elektrisierenden Weckruf an die Geisteskraft der Deutschen:

„Leeeebe!!!“

 

Autor: Martin Mai

Somewhere over the Whatever!

Somewhere over the Whatever!

„Sieh da“, sagte er. „Der Regenbogen, so wunderschön, voller Vielfalt und Facetten in all seinen Farben, so zum Greifen nah als müsse man nur die Hand ausstrecken und zugreifen!“ Doch war er es nicht. Es war ein Mysterium der Natur, welches man nicht zu greifen und begreifen vermag. Später wurde ein weiterer Regenbogen gesehen und wieder sagte er : „Der Regenbogen, so wunderschön, voller Vielfalt und Facetten in all seinen Farben, so zum Greifen nah als müsse man nur die Hand ausstrecken und zugreifen!“ Doch er bemerkte, dass einige Farben fehlten, so wandte er sich zu jenem zu, welcher ihn auf seiner Reise begleitete und fragte ihn: „Wo sind die Farben hin verschwunden, warum hat der Regenbogen sie abgestoßen?“

Sein Begleiter entgegnete: „Nein, er hat sie nicht abgestoßen. Es war nur Zeit für sie gewesen zu gehen, um Platz zu machen für einen neuen einzigartigen Regenbogen, welcher die Gemüter derjenigen erhellt, die ihre Seele für jenen öffnen und ihn in ihre Herzen hereinlassen. So vermag er Gemüter zu erhellen, indem er etwas neues, so wunderbares und einzigartiges erschafft.“ Der Kleine sah Ihn kurz, mit seinen fragenden und leicht verwirrten Augen, an, erwiderte dann aber: „Achso, ich verstehe ihn nun, diesen Regenbogen. Er möchte uns die Einzigartigkeiten aufzeigen, welche in jedem einzelnen Streifen von ihm stecken, seine ganze Vielfalt und Herrlichkeit, seine Kraft an Frieden, Freude und Liebe allen gegenüber ohne dass man ihn greifen, sondern ihn nur hineinlassen muss.“ Der Begleiter sagte nur kurz, „Ja mein Kleiner, man muss nicht versuchen, alles zu greifen oder zu begreifen, es benötigt oft auch nur ein offenes Herz für die wunderbaren Dinge, welche uns der Regenbogen aufzeigt.“

Autor: Michael Kroschwald

Musikverlage auf dem Smartphone – wie soll das gehen?

Musikverlage auf dem Smartphone – wie soll das gehen?

Im deutschen Musikverlegerverband DMV sind am heutigen Tag 432 Verlage registriert, die mit dem Druck und Vertrieb von Noten ihre Brötchen verdienen. Leider machen dies klassischen Musikverlage wie Edition Peters oder Breitkopf & Härtel immer weniger Umsatz. Das liegt vor allem daran, dass ihnen die Lizenzen an klassischen Komponisten auslaufen und viele Musiker ihre Noten kostenlos von Online-Plattformen beziehen. Musikverlage müssen also ihre Produkte und Konzepte überdenken und mit dem digitalen Trend der Zeit gehen. Einige Verlage nutzen hier die Möglichkeit von eigenen Apps, die mit verschiedenen Funktionsweisen Umsätze generieren und die Musikverlage bekannter machen sollen.

 

Carus Music App

Carus App
© Carus-Verlag

Der Carus-Verlag aus Stuttgart hat sich in seinem Verlagsprogramm auf geistliche & weltliche Chormusik spezialisiert. Er bietet seit dem 15.04.2015 eine App im App- und Google-Play-Store an, mit der man seine Chorstimme mit oder ohne Notenkenntnisse lernen kann. Zurzeit sind etwa 50 bekanntere Werke erhältlich, die man im Verlag auch gedruckt erwerben kann, zum Beispiel das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Im Menü findet man Informationen zum Werk und zur Einspielung, welche von renommierten Chören eingesungen wurde. Hat der Sänger eine Ausgabe seiner Stimmgruppe für einen Preis zwischen 4,99€ und 14,99€ erworben, so kann er sich seine Stimme langsamer, lauter oder einzeln vorsingen lassen und einfach mit dem blauen Balken per drag-and-drop zu der Stelle springen, die er üben möchte. So geht kein Chorsänger mehr unvorbereitet in eine Chorprobe.

 

Musikverlag Richard Grünwald

Musikverlag Richard Grünwald App
© Tobit.Software

Auch über Neuigkeiten im Verlag kann über eine App informiert werden. Der Musikverlag Richard Grünwald bietet ausschließlich Noten, digitale Downloads, Workshops und Zubehör für alle Musiker an, die das Instrument Zither spielen. In seiner am 22.03.2016 auf den Markt gebrachten App informiert der Verlag alle Interessenten über aktuelle Projekte, Neuausgaben, die verlegten Komponisten, gibt über Bilder Einblick in den Verlagsalltag und bietet die Möglichkeit zur direkten Kommunikation mit dem aktuellen Verlagsinhaber. Leider ist die App durch ihre Neuheit noch sehr wenig bespielt und bis jetzt nur im App-Store erhältlich, doch auch Android soll bald nachziehen.

Artist Ahead Apps

Wieder etwas anders gestaltet der artist ahead Musikverlag aus Wiesloch bei Heidelberg seine App bzw. Apps. Dieser Verlag bietet nämlich nicht nur eine, sondern viele kleine Apps an, mit denen mal multimedial und innovativ ein Instrument lernen soll. Erhältlich sind hier nicht nur Apps für „normale“ Instrumente, sondern auch für Nischeninstrumente wie Blues-Harfe oder Rockabilly Gitarre. Ein Beispiel für eine weniger spezielle App ist „Weihnachtslieder in C“, welche im November 2014 passend zur Vorweihnachtszeit erschienen ist. In dieser App erhält man 1 Weihnachtslied gratis und 71 weitere, sobald man bei den In-App-Käufen 1,99€ bezahlt hat. Der Musiker kann hier ein- oder zweistimmig mit seinem in C gestimmten Instrument (zum Beispiel dem Klavier) bekannte Weihnachtslieder gemeinsam mit Metronom und wohlklingender Klavierbegleitung spielen. Leider gibt es noch keine Funktion, mit der man ein Feedback für seine vorgetragene Leistung erhält, aber auch das wird bei unserer fortschreitenden Technisierung sicherlich nicht mehr lange ein Problem sein. Bis jetzt sind die Apps allerdings nur für das iPad erhältlich.

 

Fazit

Apps sind auch für Musikverlage eine tolle Möglichkeit, um ein breiteres, internetbegeistertes Publikum zu erreichen und zu den klassischen Verlagen zurück zu holen. Leider wird diese Möglichkeit momentan noch zu selten oder nicht ganz durchdacht genutzt. Prinzipiell werden Musikverlage mit Apps, die ein gutes Design, eine einfache Bedienung, faire Preise und nützliche Nebenfunktionen (Hintergrundinformationen zum Stück, Videos, etc.) auszeichnen in ein sinnvolles Marketing-Mittel investieren.

 

Autorin: Lina Al Ghori

Videospiele: Bücher werden in der Games-Branche neu verwertet

Videospiele: Bücher werden in der Games-Branche neu verwertet

Ihr wolltet schon immer der Lieblingscharakter aus euren Büchern sein? Anstelle von Zauberei braucht ihr bald nur noch zum Controller greifen. Während Buchverfilmungen schon seit Anbeginn der Filmtechnik zum festen Repertoire des jährlichen Kino-Kalenders gehören, beginnt eine andere Branche gerade erst mit dieser Art der Zweitverwertung. Den Inhalt von Büchern als Videospiele zu veröffentlichen, ist bisher noch eine seltene Erscheinung. Allerdings birgt es gewaltiges Umsatzpotenzial und daher probieren sich immer mehr Verlage und Publisher daran.

Crossmediale Hexerei mit Erfolg

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Das Videospiel „The Witcher 3“ hat eine unbekannte Buchreihe in ein erfolgreiches Franchise verwandelt. © Maxi Pfeil

Das bekannteste Beispiel der vergangenen Jahre dafür ist die Witcher-Reihe des polnischen Entwicklerstudios CD Project Red. Die Spiele basieren auf den Büchern des ebenfalls polnischen Autors Andrzej Sapkowski, welche bis vor wenigen Jahren außerhalb unseres Nachbarlandes allenfalls ein Geheimtipp waren. Auch der erste Teil der Videospiel-Reihe änderte daran wenig, aber sein Nachfolger „Assassins of Kings“ heimste zahlreiche Preise ein und gewann zumindest im Genre Rollenspiel viele Fans. Der Durchbruch kam schließlich letztes Jahr mit dem dritten Teil „Wild Hunt“, der sich nicht nur über 10 Millionen mal verkaufte, sondern von Kritikern als neue Messlatte für Rollenspiele definiert wurde. Eine herausragende Gemeinsamkeit der Reihe ist die packende Inszenierung. Die Handlung wurde durch die Entscheidungen beeinflusst, die der Spieler in der düsteren und stimmungsvollen Welt traf.

Ein solcher Erfolg schlug natürlich auch auf die ursprünglichen Bücher zurück, denn plötzlich wollten viele Spieler auch die Vorgeschichte lesen und die früher unbekannten Titel gehören heute zur Grundausstattung eines Fantasy-Regals im Buchhandel. Sapkowski selbst beteiligt sich aber nicht daran, für ihn ist crossmediales Publizieren keine Option. Allerdings starten vor allem bekannte Buch- Marken damit gerade voll durch. Bastei-Lübbe hat bereits mit Daedalic Entertainment ein eigenes Spiele-Entwicklerstudio im Portfolio, welches zurzeit an einer Umsetzung von Ken Follets „Säulen der Erde“ für den Bildschirm arbeitet. Und auch die Leser der „Zwerge“ von Markus Heitz werden wohl noch in diesem Jahr mit ihren Helden in die digitale Schlacht ziehen können.

Ein neuer Markt fürs Geschichtenerzählen

Sieht man einmal davon ab, dass der US-Autor Tom Clancy mehrere Shooter mit lediglich seinem Namen veredelt hat, ist diese Art der Buchverwertung aber momentan noch ein auffällig mitteleuropäisches Phänomen. Das liegt an der besonderen Beschaffenheit der „Buchverspielungen“: die Leser wollen hier erneut in ihre liebgewonnene Welt eintauchen und erwarten ein auf Story und Stimmung fokussiertes Erlebnis. So etwas zu entwickeln verlang eine Menge Herzblut und Zeit, das Produkt jedoch wird nicht auf dem eher action-orientierten Massenmarkt punkten können. Beides Dinge, an denen ein großer internationaler Publisher wenig Gefallen findet, denn auf seinem Wunschzettel steht die durchdesignte Erfolgsformel für den jährlich erscheinenden Millionen-Kracher. Die einzige amerikanische Ausnahme bildet der Independent- Publisher Telltale, welcher für ein Episoden-Spiel im Universum von „Game of Thrones“ verantwortlich zeichnet.

Eine zweite Auffälligkeit ist die Genre-Vielfalt. Natürlich bedienen sich insbesondere Rollenspiele schon immer am reichen Quell der Märchen- und Sagenliteratur, aber es gibt kein typisches „Buchspiel“. Je nach Vorlage wird das gewählt, was am passendsten scheint. Die aufstrebenden Sherlock-Holmes-Spiele sind so, wie könnte es anders sein, Rätsel-Adventures.

Auch in der anderen Richtung haben Oliver Bodens „Assassin’s Creed“-Bücher und zahlreiche Titel zum Warcraft-Universum veritable Erfolge gefeiert. Der wachsende und mit jungen Menschen bevölkerte Videospiel-Markt könnte sich also in Zukunft für die schwächelnde Buchbranche als ertragreiche Fundgrube fürs Geschichtenerzählen erweisen.

Autor: Niklas Gaube

 

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

„Ich denke nicht, dass man ein Held sein muss um heldenhaft zu handeln, vielleicht muss man einfach nur ein Sturkopf sein um ein Held zu werden.“    Michel Houellebecq – Autor des Romans „Unterwerfung“

Mit diesen Worten würdigte Michel Houellebecq die am 7. Januar 2015 ermordeten Schriftsteller und Karikaturisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, wozu auch einer seiner Freunde Bernard Maris zählte. Am selben Tag publizierte der Autor sein Buch „Unterwerfung“, mit dem er die Ängste der Gesellschaft zum Islam sowie der identitären Bewegung in Frankreich direkt aufgreift.

Die Vorfälle in Paris, welche dem Roman zusätzliche Sprengkraft verliehen, konnte der Autor wohl kaum vorhersehen.

Paris am 07. Januar 2015

Terroristen stürmen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. 14 Menschen kommen dabei ums Leben. Auf dem Titelblatt der damaligen Ausgabe ist der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq mit den ihm in den Mund gelegten Worten „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan“ zu sehen.

Die zeitgleichen Ereignisse in Paris, welche mit der Veröffentlichung des Romans „Unterwerfung“ einhergingen, wirken dabei fast surreal und werfen auf das Buch einen schockierenden Schatten. Und obwohl das Buch nichts mit den Anschlägen in Paris zu tun hat ging das Cover der Zeitschift um die Welt. Schnell kursierten Vorwürfe, es handle sich bei Unterwerfung um ein islamophobes Werk und noch bis heute lebt der Bestseller-Autor unter Polizeischutz. Doch was wollte Houellebecq wirklich mit seinem Buch „Unterwerfung“ bewirken?

Unterwerfung – Worum geht es?

Michel Houellebecq © Wikipedia
Michel Houellebecq

Der umstrittene Autor umschreibt in seinem Roman eine Zukunftsvision Frankreichs im Jahre 2022. Dabei spiegelt er eine völlig dekadente Nation wider in welcher gesellschaftliche sowie moralische Werte austauschbar geworden sind. Der Islam bietet hier mit seinen strengen Prinzipien sowie seinen islamisch, konservativen Vorstellungen von Familie, Religion und dem Verhältnis von Mann und Frau einen Ausweg. Frankreich steht in diesem Jahr zudem kurz vor den Wahlen. Houellebecq spielt nun in Unterwerfung ein sehr realistisches, politisches Machtkampf-Szenario zwischen der rechtsextremen Partei Front National und der muslimischen Partei Ben Abbes durch. In Folge der Wahl des neuen muslimischen Staatspräsidenten Ben Abbes findet in Frankreich eine Änderung der laizistischen Verfassung als auch die Einführung der Polygamie, Scharia, Patriarchat und Theokratie statt.

Parallel zu der politischen Abbildung Frankreichs, erzählt der Autor die Geschichte des 44 jährigen Protagonisten Francois, welcher aus einer katholisch, gebildeten und wohlsituierten, französischen Familie stammt. Als Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor verliert er zunächst seinen Job, da er als Nicht – Konvertit in den Vorruhestand geschickt wird. Der Leser erlebt durch ihn nun bürgerkriegsähnliche Zustände, welche innerhalb der Medienlandschaft vertuscht werden. Seine Freundin, eine deutlich jüngere Studentin, wandert angesichts der Ereignisse in Frankreich gemeinsam mit ihrer Familie nach Israel aus, worauf hin er in zunehmende Einsamkeit abrutscht. Doch ändert sich seine Situation als er von seiner alten Universität ein Angebot unterbreitet bekommt, da renommierte Wissenschaftler durch die Kündigungswelle nach der Machtergreifung Ben Abbes, fehlen. Im Zuge des Angebotes entschließt sich Francois der Karriere wegen zum Islam zu konvertieren und genießt noch unter anfänglichem Hadern des Scharia Zwangs und Co. die Vorteile der Polygamie und eine deutlich besser Bezahlung.

Unterwerfung – Resümee des Werkes

9783832197957Der Leser erlebt mit Hilfe des Romans ein spannendes Polit-Drama. Houellebecqs Genialität liegt darin, dass er die Wahlen von 2022 unter bekannten Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der Demokratie feinfühlig behandelt und genaustens darstellt. Er umschreibt selbstverständlich eine Utopie, doch ist diese aufgrund der realen Persönlichkeiten der aktuellen Politlandschaft in Frankreich, welche in seinem Werk mit richtigen Namen behandelt werden, sehr authentisch dargestellt. Durch die Erlebnisse und eindringlichen Gedankenwelten des Protagonisten kannst du dich in den Prozess der persönlichen, sowie auf der politischen Ebene, stattfindenden Unterwerfung sehr gut einfühlen. Sein Werk greift die Stimmung und Probleme nicht nur Frankreichs, sondern auch ganz Europas auf und regt zum permanenten Nachdenken an. Dem Schriftsteller Michel Houellebecq ist mit Unterwerfung ein Meisterwerk gelungen.

Autor: David B. 

Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Fernsehmoderator und Publizist Roger Willemsen ist tot und hat damit bedauernswerterweise das letzte Ende seiner Welt gefunden. Mit gerade einmal 60 Jahren erlag er den Folgen seiner erst im August 2015 diagnostizierten Krebserkrankung. Er hinterlässt weder eine Frau noch Kinder, aber dafür ein beeindruckendes Lebenswerk.

Willemsen galt als einer der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland. Er beschäftigte sich schon früh als Kind mit den Werken des Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett und studierte später dann Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, München, Wien und Florenz. Nach Abschluss seines Studiums promovierte er über die Literaturtheorie von Robert Musil. Anschließend arbeitete er ca. drei Jahre als Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten in London.
Mit seinem Ende der 80er erschienenen Buches „der Selbstmord“ wurde er zwar nicht zum Bestsellerautor, dafür jedoch mit Titeln wie „die Enden der Welt“ und „das hohe Haus“. Für Letzteren setzte er sich sogar ein Jahr auf die Zuschauertribüne des Deutschen Bundestages und beobachtete das Geschehe akribisch.

Roger Willemsen
Roger Willemsen (Quelle: Wikimedia/blu-news.org)

Er war aber bestimmt kein klassischer Stubenhocker, welcher das Gesicht nur in gehobener Literatur vergrub. Vielmehr konnte man ihn schon als Rebellen seiner Zeit bezeichnen. Von sich selbst sagte er, er hatte schon ziemlich früh all das, was wirklich alle haben sollten: Alkohol getrunken, gekifft und politische Parolen an Häuserwände gesprüht. Ebenso Partys im Bonner Maddox (eine Untergrunddisco) gehörten als Jugendlicher zu seiner Freizeitbeschäftigung, wie auch der ein oder andere Bordellbesuch. Einen dieser Besuche beschrieb er auch in seinem Buch „Momentum“, wo es heißt:“Als ich alt genug war, ging ich ins Bordell und stellte fest, dass ich nicht alt genug war, denn ich war zu nichts gut“.

1991 startete er seine Fernsehkarriere beim damaligen Bezahlsender Premiere. In seiner Show „0137“ interviewte er zwei Jahre im Wechsel mit Sandra Maischberger eine Vielzahl von Gästen. Darunter auch Assir Arafat, einen Mann der durch seine eigene Mutter vergewaltigt wurde und einen Kannibalen. Tabuisierte Themen gab es beim ihm nicht. So hat er z.B. auch einen Pornostar gefragt:“Ob die Pornodarstellerin wirklich im Kopf ihren Einkaufszettel schreibt, während sie von hinten durchbohrt wird“.
Für seine feine Balance zwischen Boulevard und Politik wurde er Unteranderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dies sollte sein absoluter Durchbruch in der deutschen Medienbranche sein. Später wechselte er zum ZDF und moderierte nicht nur einige Talkshows, sondern auch Kunst- und Kulturveranstaltungen. Da aber die glücklichsten Entscheidungen in seinem Leben stets Kündigungen waren, entschloss er sich 2001, jedenfalls zum Teil, sich aus der Fernsehlandschaft zurückzuziehen.

Willemsen versuchte seinen Fokus von nun an mehr auf das Schreiben und Reisen zu legen. Für sein Buch „die Enden der Welt“ besuchte er die entlegensten Orte. Von Borneo über Patagonien, bis hin zum Nordpol und Kinshasa. Kein Weg auf seinen Reisen schien ihm zu beschwerlich. Auf seinen langen Wegen traf er dann auch mal den Dalai Lama. Dennoch behielt er das Geschehen der Medien hier zu Lande immer im Auge. Dann und wann kam er auch nicht umhin seine Meinung zu Personen oder Formaten im Fernsehen zu äußern. So bezeichnete er z. B. Das Format Germany’s Next Topmodel als eine moderne Art des „Mädchenhandels“ und sagte über Heidi Klum folgendes: „Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Sein soziales Engagement beschreibt seinen Charakter wohl am detailreichsten. Als Bürger des öffentlichen Lebens und mit einer beachtlichen Reichweite, empfand er es als seine Pflicht zu helfen wo er nur konnte. Er war nicht nur Mitglied bei Attac (ein globalisierungskritisches Netzwerk), sondern brachte sich auch bei Amnesty International, der UN-Flüchtlingshilfe, Terre des Femmes und „Deine Stimme gegen Armut“ ein. Seit 2005 half er in Afghanistan Schulen und Brunnen für die vom Krieg gebeutete Bevölkerung aufzubauen. Dabei traf er sich dann für Verhandlungen mit dem ein oder anderen Al-Qaida-Führer. Auch deshalb weil er Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e. V. war, welcher ihm sehr am Herzen lag. Genauso sprach er mit Ex-Insassen über die Haftbedingungen in Guantanamo und schrieb dies in einem weiteren Buch nieder. Für ein Kinderhospiz in Bielefeld war er Unteranderem auch noch Pate. In einem Interview erzählte er die herzergreifende Geschichte eines kleinen Jungen, der kurz nach dem er die Nachricht über seinen bevorstehenden Tod erhielt, zu ihm kam und sagte: „Mir ist langweilig“.

Roger Willemsen – Intellektueller, Weltbürger und Menschenfreund: Die Geschichte seines Lebens war beispiellos und man kann nur hoffen das es ihm noch viele mehr gleich tun werden. Denn mit ihm starb eine der wohl bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Deutschen Medienlandschaft.

„Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten“

Roger Willemsen spricht über sein Buch „die Enden der Welt“:
https://youtu.be/3JM19bhNl18

Autor: R.Wenzel

Poetry Slam – aufblühender Trend in Leipzig?

Poetry Slam – aufblühender Trend in Leipzig?

In Veranstaltungsplanern findet man immer häufiger Poetry-Slam-Events. Woran das liegt, wie man zum Slammen kommt und wie das aus der Sicht eines Slammers ist, habe ich mit Karl-Georg Gräfe besprochen. Er schreibt Texte und trägt sie vor, früher in Delitzsch, heute in Leipzig. 

Karl-Georg Gräfe im Interview
Karl-Georg Gräfe im Interview

Stell dich kurz einmal vor.

Ich bin Karl. Ich arbeite hauptberuflich im BFW Bau und schreibe nebenbei. Inzwischen bin ich 26, habe Anglistik studiert, bei Amazon Päckchen gepackt, als Küchenhilfe gejobbt, auf dem Bau gearbeitet und keinen Wehrdienst ableisten müssen. (lacht)

Wie hast du mit dem Slammen angefangen?

Zum Schreiben an sich bin ich durch Musik gekommen – Rap. Mit 13/14 habe ich angefangen selber zu schreiben und weil ich kein Taktgefühl habe, habe ich dann nur noch geschrieben ohne die Musik ringsum. Dann ist dieses Phänomen Poetry Slam aufgetaucht.

Wann war das?

Schon eine ganze Weile her. Aber ich habe erst vor 2 Jahren angefangen und den Schritt gemacht auf der Bühne zu erzählen. Ich habe vorher schon ein Weilchen darüber nachgedacht und es ist einfach der leichteste Weg seinen Quatsch unters Volk zu bringen. Wenn man versuchen wollen würde ein Buch rauszubringen, ist das auf dem Lyrikmarkt sehr schwierig. Hinzukommt, dass es echt Arbeit ist einen Verlag zu finden. Man könnte es zwar auch selbst bezahlen, aber das ist echt teuer. Deswegen habe ich Poetry Slam als mein Sprachrohr entdeckt.

Wie ist es vor versammelter Mannschaft zu sprechen? Warst du das erste Mal sehr nervös und aufgeregt?

Mein erster Slam war in Torgau im Oktober 2014 glaube ich. Da stand etwas in der Zeitung, dass die sowas machen. Da hat es sich angeboten da hin zu fahren und einfach mitzumachen. Nervös war ich schon, aber dadurch, dass man sich durchaus an seinem Zettel festhalten kann, ging das schon.

Ich habe noch nie einen Poetry Slammer mit Zettel gesehen.

Doch gibt es. Wenn ich das ganze schon schreibe, dann lern ich das doch nicht noch auswendig. Das war noch nie meine Stärke Gedichte auswendig zu lernen. Selbst wenn es meine eigenen Texte sind, macht es das nicht einfacher. Passagenweise kenn ich meine Texte schon, aber so hat man nochmal eher die Möglichkeit auf den Ausdruck zu achten und es nicht gerade runter zu leiern wie in der Schule.

Gibt es beim Poetry Slam Regeln die man beachten muss?

Grundsätzlich ist es ein Dichterwettstreit, wo man sich vergleichend gegenübertritt. Poetry Slam ist in in den 50er, 60er Jahren in New York zum ersten Mal aufgetreten, damals noch als Spoken Word tituliert. Es gibt eine Zeitbegrenzung von 7-10 min. Es darf nicht gesungen und keine Requisiten benutzt werden. Es geht um den Vortrag und den Text an sich, dass das eben im Mittelpunkt steht.

Was glaubst du wer meistens bei den Contests gewinnt? Eher die lustigen Beiträge oder die ernsthaften?

Ich glaube was am meisten Aufmerksamkeit am Ende bekommt, ist das was lustig ist. Die Leute gehen dahin um unterhalten zu werden und nicht um ihr Weltbild umstoßen zu lassen. Das ist ja auch okay so. Aber wer am Ende gewinnt, ist immer unterschiedlich, weil es ja auch immer ein wechselndes Publikum und am Ende Massenentscheid ist. Wenn über Applausometer entschieden wird, ist das eh ein bisschen schwammig, da es dann im Ohr des Moderators liegt. Tendenzen würde ich da nicht festmachen wollen.

Welche Themen interessieren dich? Worüber schreibst du selber?

Ich bilde mir ein, zumindest einen gewissen Humor mit reinzubringen, aber ich versuche schon die Themen die mich am ehesten bewegen abzuarbeiten mit einem ernsten Hintergedanken und einem Anliegen. Ich habe einen Text der heißt Generation Copy &Paste. Das ist mein Blick auf meine Generation. Es gibt einfach wichtigere Dinge für unsere Altersgruppe als Arbeit und Karriere. Damit mein ich mehr Leben als Leistung bringen. Dann habe ich noch einen anderen Text den ich sehr mag – Diptychon, wie das zweiteilige Heiligenbild. Da geht es um die Rolle der Frau heutzutage und auch die der Männer. Was ist männlich, was ist weiblich? Und macht das Sinn das so einzuteilen? Das ist ein Thema, dass mich persönlich sehr interessiert. Das sind auch durchaus Themen die ernster Natur sein können, da bring ich halt lieber noch ein bisschen Situationskomik mit rein, anstatt das wissenschaftlich abzuarbeiten.

Warum zeigen zurzeit so viele Leute Interesse an Poetry Slams? Das gibt es ja schon länger.

Ich glaube es ist eine relativ kostengünstige Variante sich einen Abend lang unterhalten zu lassen und viele verschiedene Themen geboten zu bekommen. Und dann natürlich auch durch sowas was sehr große Aufmersamkeit erregt wie Julia Engelmann mit ihrem Text „Eines Tages werden wir alt sein“. Was punktuell eine recht große Aufmerksamkeit bekommt, da entsteht auch ein allgemeines Interesse.

Wer verdient bei den Poetry Slam Veranstaltungen oder ist es eine Ehrensache?

Daran verdienen die die Location bieten, zum Beispiel das Westwerk hier in Leipzig. Die verdienen natürlich an den Getränken an dem Abend. Diejenigen die das selbst veranstalten, kriegen ein bisschen mehr rein als die Kosten durch die Eintrittsgelder. Die Künstler an sich bekommen vielleicht ihre Fahrtkosten wieder aber machen das im Großen und Ganzen aus Spaß an der Freude und für die Sache. Dann hat man ja noch ein paar Bekanntere wie Julia Engelmann und Sebastian 23, die vielleicht davon leben können.

Kannst du mir abschließend eine Anekdote erzählen?

Beim Westslam wo ich war, war einer der für „Die Partei“ tätig ist, der sehr viel von Zahlen gesprochen was Schwarzverschuldung und EZB Bankenrettung betrifft. War durchaus auch amüsant. Er musste von der Bühne getragen werden, weil er sein Zeitlimit rigoros überschritten hat und sich auch davon nicht abhalten lassen hat, als das Mikro abgestellt wurde. Der war voll bei der Sache, der wollte erzählen. Manchmal ist einer auch mal betrunken der vorträgt, aber die meisten sind relativ gut erzogene Mittelstandskinder. Die Zeiten von nackt über die Bühne rennen sind vorbei.

Karl, vielen Dank für das Gespräch.

Autorin: Viktoria Gamagina