Buchmarktforschung: Iran

Die ersten Redaktionssitzungen nach Erscheinen einer neuen Lerche sind immer von tollen, lustigen und auch albernen Ideensprüngen geprägt. Das Spezialthema muss festgelegt und erste Artikelthemen besprochen werden. Was könnte unsere Leser interessieren? Was interessiert uns? Welche aktuellen Entwicklungen sind in der Branche der Buchstaben und Wörter zu beobachten?
In jeder Ausgabe wollen wir in der Buchmarktforschung neue Eindrücke ganz abseits unseres vertrauten Buchmarktes erleben. In den letzten Ausgaben gab es sehr spannende Berichte über die Buchbranchen anderer Länder, unter anderem über Litauen, Kanada oder Schweden.

In der Jubiläumsausgabe wurde die Buchmarktforschung also nun mir übertragen. Ich habe mir sehr lange überlegt, über welches Land ich wohl berichten möchte. In welchem Land ist den Lesern und auch mir der Buchmarkt völlig fremd? Welches Land steht derzeit auf politischer Ebene im medialen Fokus? Finde ich Literatur zum Buchmarkt mancher Länder? Diese Fragen haben mich einige Wochen beschäftigt. Brasilien war Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2013 – hier hätte man jede Menge Pressematerial und Ansprechpartner gefunden. Und doch wollte ich es mir aus irgendeinem Grund schwerer machen.

Bei einem Blick auf den Globus stieß ich letztendlich auf den Iran und dachte mir… Dieses Land wird schon seit Jahren, ja gar Jahrzehnten aufgrund seiner politischen Aktivitäten stark diskutiert. Wieso also nicht mal den Blick auf ein anderes Thema lenken und gleichzeitig mehr über die Geschichte des Landes erfahren?

Mit der Ausstellerliste iranischer Messestände, Diktiergerät und Wikipedia-Ausdrucken im Gepäck fuhr ich nach Frankfurt zur Buchmesse. Ich suchte mir Vorort meinen Interviewpartner. Der opulente Stand des Tehran Book Garden stach mir sofort ins Augen und als ich die Beschreibung dieses Mammutprojektes las, wollte ich mehr darüber erfahren. Ich vereinbarte mit dem Initiator des Tehran Book Garden Herrn Dr. Shahramnia einen Termin und führte ein paar Stunden später das Interview mit ihm. Ich muss zugeben, dass ich vor dem Gespräch höllisch aufgeregt war. Ich habe nie zuvor ein semiprofessionelles Interview geführt. Und dann das Ganze noch auf Englisch! Das Interview war dann aber sehr angenehm und nett, die Sprache war absolut keine Barriere und ich erfuhr interessante Dinge über den iranischen Buchmarkt. Zum Beispiel, dass das Teheraner Vertriebssystem für Bücher schneller ist als Amazon oder das Barsortiment. Die Bücher werden nach Bestellung innerhalb von zwei bis drei Stunden mit Motorrollern zum Kunden nach Hause geliefert. Oder, dass es wesentlich mehr Verlage und veröffentlichte Bücher gibt als ich erwartet habe: Im Iran existieren um die 7 000 Verlage und jährlich werden ca. 70 000 Titel veröffentlicht. Auch E-Books werden immer populärer.

Für mich persönlich ist die Buchmarktforschung das schönsten redaktionell zu bearbeitende Thema. Es zwingt dazu, die Fühler auszustrecken und sich mit völlig neuen Gebieten unserer Bücherwelt auseinander zu setzen. Wie sagt man so schön: „Über den Tellerrand hinaus schauen.“ Dadurch erlebt man ein Land völlig neu; der Blick und so manches Vorurteil verändern sich komplett.
Die Welt ist groß und es müssen noch viele Lerchen entstehen, um jeden internationalen Buchmarkt beleuchten zu können.

Anika Matzke

Den Artikel über den iranischen Buchmarkt findet ihr auf den Seiten 6 und 7 der aktuellen Ausgabe.

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