Indies: Interview mit dem Sternsammler Verlag

27 Jahre und schon Verleger? Das geht doch gar nicht. Doch. Ein Beispiel dafür ist Julius Späte vom Sternensammler Verlag. Er studiert Medien- und Kulturwissenschaft an der Hochschule Merseburg. Den Verlag führt er nebenberuflich seit mehr als fünf Jahren und bringt Anthologien und Lyrikbände heraus. Außerdem betreibt er aktiv sein Literatur-Blog julius-spaete.de.

Leipziger Lerche: Wie bist du darauf gekommen den Sternsammler Verlag zu gründen und wer hat dich unterstützt?

Julius Späte: Mit 14 habe ich angefangen Texte zu schreiben und mit 18 habe ich mein erstes Buch beim Engelsdorfer Verlag herausgebracht. Danach habe ich mit einem Underground-Verlag zusammen gearbeitet und dort meine Bücher verlegen lassen. 2010 habe ich eine Schreibwerkstatt im Leipziger soziokulturellen Zentrum „Die Villa“ aufgebaut. Gefördert wurde das Projekt von der Bürgerstiftung Leipzig. Nach einem Jahr haben wir eine Anthologie herausgebracht, aber es war sehr schwer einen Verlag zu finden und deswegen habe ich einen eigenen gegründet. Unterstützt wurde ich von niemandem, aber so einen Verlag zu gründen und zu halten, kostet nicht viel. Das ist stemmbar.

2014 war für dich ein Jahr des Umbruchs. Warum?

Erst seit 2014 stelle ich E-Books kostenlos zur Verfügung, davor habe ich Bücher herausgebracht und über das Internet und Amazon verkauft. Aber der Absatz war nie groß und der Arbeitsaufwand war zu hoch. Seit 2015 werden alle Bücher, die bisher erschienen sind, in E-Books umgewandelt. Das hat natürlich auch einen enormen Kostenvorteil, weil E-Books herzustellen quasi kostenlos ist.

Wie ist nun der Absatz?

Als ich das letzte Mal geschaut habe, waren es über 500 Downloads, das ist natürlich mehr als das, was ich je als Absatz bei den Büchern hatte.

Verleger Julius Späte © Oliver Baglieri
Verleger Julius Späte © Oliver Baglieri

Wie suchst du deine Autoren und wie viele Autoren schreiben derzeit bei dir?

Zurzeit habe ich vier Autoren und alle sind Frauen. Natürlich außer mir. Die eine kenne ich von der Schreibwerkstatt, eine ist eine Bekannte und dann habe ich noch eine Tumblr-Bloggerin, die im Laufe des Jahres etwas veröffentlichen wird. Außerdem spreche ich Leute an, die mir gefallen und die in mein Programm passen.

Wen nimmst du in dein Verlagsprogramm und gibt es Themen, die du rigoros ablehnen würdest?

Ich nehme alle auf, die sich mit meinem Verlag identifizieren können und keinen Anspruch auf einen Verdienst haben. Allerdings würde ich Science Fiction, Fantasy, Erotik und Comics nicht verlegen. Früher, als ich noch Bücher und keine E-Books herausgebracht habe, habe ich mich sogar noch mehr eingeschränkt. Mittlerweile könnte ich mir vorstellen auch realitätsnahe Romane, philosophische und gesellschaftskritische Fachliteratur, vor allem im Bereich der Kulturwissenschaften, als E-Book zu verlegen.

E-Book oder Bücher, was ist dir lieber?

Definitiv E-Books. Ich selbst habe ich nur ein paar Bücher zuhause und meine eigenen. Papier wird größtenteils recycelt, aber wir verbrauchen trotzdem noch eine Menge und das staubt ein und ist sehr viel Müll. Deswegen lieber E-Books. Und außerdem kann man im Inhaltsverzeichnis auf das Gewünschte klicken und muss nicht bis dahin blättern. Ich bin einfach der Mensch für Digitales.

Was hältst du denn von der Buchpreisbindung?

Ich finde sie für gedruckte Bücher sinnvoll, aber E-Books sinnfrei. Diese sind wesentlich billiger im Aufwand. Warum sollten sie dann nur ein paar Euro weniger kosten als das gedruckte Werk?

Wie denkst du, verändert sich die Verlagsbranche in der Zukunft?

Bei vielen Verlagen ist es natürlich nochmal anders als bei mir, weil die Verlage davon leben müssen. Es ist ein harter Konkurrenzkampf. Aber ich glaube, dass das Verlagswesen ganz dringend eine Veränderung in komplett alle Richtungen braucht. Ein großes Problem sehe ich bei der Menge an Neuerscheinungen, die jährlich auf den Markt kommen. Im Schnitt liest der Mensch maximal 5 000 Bücher im Leben. Deshalb sollten Verlage die Massen an publizierten Novitäten definitiv verringern. Außerdem sollten die Verlage erkennen, dass die Zeit nicht stehen bleibt und sich von alten Wertvorstellungen lösen und viel mehr in Richtung Digitales schauen und Neues ausprobieren.

Bist du der Meinung, dass Verlage auch mehr in Richtung Indie gehen sollten?

Ja, Verlage sollten sich aus der Wirtschaft heraushalten. Es gibt kaum einen wirtschaftlich-kulturellen Bereich, der so stark gesetzlich geschützt ist. Und bei der Masse an Menschen, die der Meinung sind, sie schreiben etwas, was unbedingt gelesen werden muss – ich zähle mich selbst mit darunter – werden wohl in Zukunft viel mehr Indie-Verlage gegründet werden. Vermutlich sind das dann auch Internetplattformen, also ähnlich wie bei mir.

Mit welchen Hürden hat denn ein Indie-Verlag zu kämpfen?

Oh, da gibt es eine Menge. Wenn du als einzelne Person normal in der Verlagsbranche tätig werden willst, wenn du Bücher drucken und verkaufen willst, hat man ziemliche Finanzierungsprobleme. Außerdem musst du alles selbst betreuen. Also die Internetseite, Social Media, die Texte setzen und lektorieren, die Bestellungen und eventuelle Rücksendungen abwickeln, die Kosten im Überblick behalten und mehr.

Man muss eine Menge Kontakte aufbauen und pflegen, beispielweise mit Buchhandlungen, Großhändlern, mit den Autoren natürlich, aber man ist auch gezwungen, Veranstaltungen, zu organisieren, damit man das Geld für alles andere zusammenbekommt. Die meisten Indie-Verlage verzichten daher auf den Buchhandel, aber so stehen die Bücher eben nicht in den Buchläden. Sie können nur bestellt werden. Und auch der Autor muss viel tun. Man muss Lesungen halten, Interessenten bewerben und sich selbst präsentieren. Das ist eine Menge Arbeit für so einen geringen Verdienst. Deswegen stelle ich die Texte meines Verlages kostenlos zur Verfügung. Das erspart mir jede Menge Stress.

Vielleicht noch einige Schlussworte?

Man sollte immer lesen. Niemals aufhören.

Vielen herzlichen Dank für dieses Interview, Julius!

 

Interviewer: Christin Fetzer und Melanie Uhlig

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