Meine Messe-Erkenntnisse 2017

Die Leipziger Buchmesse 2017 ist seit 14 Tagen Geschichte. Mit etwas zeitlichem Abstand zum reflektieren und auswerten der Eindrücke, hier nun meine persönlichen vier Frühlings-Trends im Messe-Report.

 

1. Ich sehe die Messe vor lauter Menschen nicht

Im Laufe eines Bücherwurm-Lebens sammelt sich ein ganzer Stapel Kontakte an, aus der Branche, dem Studium, der Ausbildung… Und natürlich stolpere ich alle paar Meter über eine Bekannte. Man quatscht, bringt sich auf den neuesten Stand, klagt über den Stress – und schon wieder ist eine halbe Stunde verstrichen, in der ich auch eine Lesung besuchen oder unter neuen Büchern hätte stöbern können. Tatsächlich ist dieses schöne Kontakt-Netz sogar daran schuld, dass ich diesmal das Exzessive Merch-Shopping in Halle 1 extrem einschränken musste – immerhin, den Geldbeutel freut’s. Im Rückblick betrachtet, ist es mir aber trotz allem deutlich lieber, die Messe mit anderen, und sei es im Gespräch, als allein auf einer Lesung zu erleben.

 

 

2. Die Alten werden enttäuscht sein

Wie das so ist, versammelt man sich mit seinen anderen Kommilitonen am Abend, um den Messetag ausklingen zu lassen. Eins kommt zum anderen, und ehe wir’s uns versehen, landen wir zu einem Absacker in der Stamm-Bar. Was dann folgt, sollte kein zukünftiger Chef je zu Gesicht bekommen: Restadrenalin, Alkohol und Nerdtum vermischen sich im Nuh zu einem rasanten Cocktail voller Coldmirror-Zitate, zweideutiger Einwürfe und enthusiastischer Planungen für die Gamescom. Oh, die Begeisterung für „gehobene Literatur“ ist bei uns Nachwüchslern denkbar gering, dafür schlägt unser Herz umso höher für Comics, Manga und Computerspiele. Obwohl mich der Verdacht beschleicht, dass auch die Altvorderen abseits des Blauen Sofas schockierend unkultiviert sein können, wenn erst der dritte Sektempfang durch ihre Kehlen rinnt.

 

 

3. Meine Füße werden mich hassen

Wenn ich in ein paar Jahren erstmal beruflich mit Büchern zu tun habe, werde auch ich mich auf der Messe vermutlich in Schlips und Sakko präsentieren müssen – und in den dazugehörigen Schuhen. Einen Vorgeschmack darauf konnte ich bereits am Freitag sammeln, als das Speedmeeting von „Verlage der Zukunft“ etwas förmlichere Kluft erforderte. Zwei dicke Blasen waren der Lohn für stundenlanges herumlaufen – an lediglich einem Tag! Das wird mich also in Zukunft erwarten? Ich verstehe, warum manche Menschen solch horrende Summen für adäquates Schuhwerk ausgeben.

 

 

4. Die Literaten sitzen (mal wieder) im Elfenbeinturm

Samstags wird die Messe traditionell von Cosplayern und Nerds überflutet. Halle 1 ist komplett diesen Künsten vorbehalten, und ich mag nur erahnen, welchen Anteil die Buntgewandeten am jährlichen Erfolg der Buchmesse und vor allem am Gesamtumsatz des Buch- und Comicmarktes haben. Wir, die jungen Eskapismus-Experten, sind die Nachwuchs-Vielleser, die Content-Konsumenten und Medienprofis. Leider sehen das anscheinend viele im etablierten Literaturbetrieb nicht so. Die Berichterstattung der großen Medien tut die Comciszene immer noch als liebenswertes, aber nischiges Kellerkind ab und freut sich lieber ausgiebig über Preisverleihungen an „künstlerisch hochwertigere“ Autoren mit mindestens genauso nischiger Vita.

Dabei habe ich zusehends den Eindruck, die deutsche Literaturlandschaft dämmert im eigenen Saft ihrer Frühverrentung entgegen. Die Tage eines Martin Walser als Massenphänomen sind vorbei, die neuen Stars in der multimedialen Manege heißen Marvin Clifford, Bernhard Hennen oder Jan Böhmermann. Da ändern auch wütende Tiraden eines Carsten Otte im Öffentlich-Rechtlichen über die unpassende Fröhlichkeit der Cosplayer angesichts der politischen Weltlage nichts. Aber wen juckt’s, wenn wir mit den sympathischen Verrückten von Nerdzig den drittgrößten Fernseh-Berichterstatter am Start haben! Bücher können nicht länger ausschließlich als hehres Kulturgut gepachtet werden, dennoch schmerzt mich der Zaun, welcher hier von den so toleranzbedachten Buch-Eliten errichtet wird. Auch wenn Mauerbau grad DER Trend des Jahres ist – Ich will keinen Krieg, sondern friedliche Koexistenz!

 

Autor: Niklas Gaube

Inhalt teilen:
Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on TumblrPin on Pinterest

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.