Die Grundlagen der Kreativität

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Der Ursprung menschlicher Kreativität ist seit jeher eines der Rätsel, die die Wissenschaft zu lösen versucht. Neben den Grundlagen der Hirnforschung und der Genetik zur Erforschung des Gesamtprozesses, ergeben sich zu den neuen Erkenntnissen exponentiell daraus resultierende Fragen.

Wo Kreativität entsteht

Kreativitätsforschung ist ein gewaltiges Feld. Bisher bewiesen wurde unter anderem, dass innerhalb des menschlichen Gehirns mehr als ein Bereich für den Entwurf von Innovationen zuständig ist. Neben dem Stirnhirn und den Scheitellappen, die fleißig Signale austauschen, sind weitere Teile des Großhirns und tief sitzende Strukturen unterhalb der Hirnrinde aktiv, um die Zusammenarbeit mehrerer Areale und die gefühlsmäßige Bewertung neuer Ideen zu unterstützen.
Als ein Auslöser kreativen Denkens gilt die latente Inhibition. Als Reizhemmung schränkt sie bei gesunden Menschen die Wahrnehmung ein und schützt so das Hirn vor einer Reizüberflutung. Ist dieser Schutz zu schwach ausgeprägt, ist das Hirn nicht nur für Eindrücke und Informationen offener, sondern kann für Aufgaben auch effektiver bessere Lösungen finden. Ideale Grundlagen für kreatives Denken. Problematisch hingegen sind die dadurch fehlende Filterfunktion der Betroffenen und das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen.

Im Kampf mit der Psyche

Schizophrenie, Depression und Persönlichkeitsstörung sind die wohl bekanntesten psychischen Erkrankungen der kreativen Elite. Aus Familienstudien ist bekannt, dass die Neigung zur Schizophrenie auch vom Erbgut beeinflusst wird. Verdächtig dafür macht sich das 2002 entdeckte Gen Neuregulin 1, das unter anderem die Hirnentwicklung und die Kommunikation der Neuronen untereinander regelt.

In der Bevölkerung sind allgemein zwei Varianten des Gens verbreitet: C und T. Menschen, die zwei T-Varianten auf den Chromosomen tragen, haben nicht nur ein deutlich höheres Risiko für Psychosen, sondern sind gleichzeitig auch kreativer als Personen mit zwei C-Varianten.
Dass die Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf das kreative Schaffen nicht unerheblich sind, ist beachtenswert. Eine schwach ausgeprägte bipolare Störung kann unter Umständen die künstlerische Leistung fördern. Depressive Phasen ermöglichen tiefe Einsichten in das menschliche Dasein während gemäßigt manische Phasen die Umsetzung beim Komponieren, Malen oder Schreiben erlaubt.

Was nach einer bemerkenswerten Erklärung für außergewöhnlich künstlerische Leistungen klingt, hat auch eine Schattenseite. Betroffene haben während der manischen Phasen meist hohe Konzentrationsprobleme, wodurch sie zumeist nicht zu nennenswert kreativen Leistungen fähig sind. Die Antwort auf das Rätsel um die Kreativität kann also nicht allein in psychischen Erkrankungen liegen.

Innovation als Prozess

Kreativitätsforscher unterscheiden das kreative Denken in fünf Phasen: Vorbereitung, Inkubation („Brüten“), Erkenntnis, Evaluation („Auswertung“) und Elaboration („Ausarbeitung“). Spätestens bei der Evaluation ist Intelligenz gefordert, um nützliche von nutzlosen Ideen zu unterscheiden und diese zu verwerfen.

Um intelligente Wunderkinder und kreative Geister zu erziehen, ist ein Aufwachsen in einem stimulierenden Umfeld unabdingbar. Eine breite Palette von Angeboten ist nötig, um die frühzeitige Förderung aller fünf Dimensionen der geistigen Entwicklung (kognitiv – kommunikativ – musisch-ästhetisch – motorisch – sozial-emotional) zu fördern. Dabei werden im Lernprozess Fähigkeiten und Wissen aus einem Gebiet ins andere übertragen und dadurch eine bessere Vernetzung der Hirnareale zu ermöglicht.
Geistige Flexibilität gilt als Grundlage für kreative Höchstleistungen und herausragende Intelligenz. In Verbindung mit einem guten Arbeitsgedächtnis schützen diese Grundlagen laut Studien zusätzlich davor, dass die Psyche Schaden nimmt.

Die Persönlichkeit – ein Künstlerstereotyp

Die gezielte Stimulierung der Dimensionen führt zur Ausbildung einer weiteren elementaren Grundlage für Kreativität, der Persönlichkeit. Aus psychologischen Lebenslauf-Analysen erfolgreicher Künstler ergeben sich typisierte Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Nonkonformismus, Risikobereitschaft und Flexibilität, die sich durch unkonventionelles Benehmen und eine breite Spanne an Interessen ergänzen lassen.

Als Ergebnis resultiert stets eine komplexe Persönlichkeit, die in sich große Gegensätze vereinen und leicht von einem Extrem ins andere fallen kann. Dazu gehört, dass sie paradoxer Weise höchste Disziplin mit kindlichem Spieltrieb oder auch Verantwortungsgefühl mit Ungebundenheit vereinen können, in ihrer Art und ihrem Handeln rebellisch auftreten, aber dennoch die die Regeln ihres Fachgebietes lernen, bevor sie sie umstoßen.

Von wegen Außenseiter

Wie oft angenommen, sind kreative Leistungen also zumeist nicht das Werk einsamer, etwas irrer Genies, die das Bild des Künstlers in der Öffentlichkeit prägen. Neben verschiedenen Indikatoren spielt auch das Umfeld eine entscheidende Rolle. Die gesellschaftliche Siedlungsstruktur lässt sich weltweit viel mehr in kreative und weniger kreative Regionen unterteilen, in denen sich Menschen entfalten können. Die Indikatoren für kreative Potenziale sind dabei auch innerhalb von europäischen Städten unterschiedlich, auch wenn die Ausgaben für Forschung, Entwicklung und die Arbeitsstätten berühmter Wissenschaftler scheinbar homogen in den Kulturräumen verteilt sind.

Die Unterschiede liegen im Detail der räumlichen Konzentration. Zentren der Kreativität, wie Florenz im 15. und 16. Jahrhundert oder Paris und Wien um 1900, ziehen innovative Geister fast schon magisch an. Denn Kreativität entsteht in der Interaktion mit dem Umfeld, von denen eines sowohl anregend und herausfordernd wirken kann, wie in anderen Ideen aus verschiedenen Gründen auf Unverständnis und Widerstand treffen können.

Ein kreativer Kopf braucht Mitstreiter, die ihm helfen Kapitalgeber anzulocken und neue Verfahren und Prozesse zu entwickeln oder durch die Kommunikation des Wertes der Idee andere Menschen zu überzeugen, wenn er dazu selbst gerade nicht fähig ist. Liegen diese Grundlagen nicht vor, kann sich auch die beste Idee nur schwerlich entwickeln und ihre Chance nutzen, verwirklicht zu werden.

Autorin: Frances Liebau

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