Lerche Dialekt: heute Hessische Mundart

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„Wenn der Käs‘ gesse is, isser gesse!“

Heute widmet sich Lerche Dialekt der hessischen Mundart und blickt dabei sogleich Differenzierungsproblemen ins Auge: Während der einfachsten Vorstellung nach wohl schlicht jedem der sechzehn deutschen Bundesländer eine eigene dialektale Färbung zuzuordnen ist, geht diese Einschätzung natürlich in Wahrheit an den geographischen Grenzziehungen vorbei.

Was ist Hessisch?

Der hessische Dialekt ist dabei zunächst in eine nord- und eine südhessische Variante zu unterscheiden, deren Gemeinsamkeit zum Beispiel im fehlenden Übergang von <p> zu <pf> besteht. Wodurch die Äpfel zu Äppeln (bzw. genauer Äbbeln oder sogar Ebbeln) werden und woraus sich die charakteristische Aussprache des hessischen „Nationalgetränks“ Äbbelwoi ableitet. Mindestens ebenso bekannt dürften die Hessen für den ihnen eigenen, galanten Verzicht auf das <ch> zugunsten des <sch> sein.

Dieser ist häufig in Kombination mit einem tendenziell geringen Bewusstsein für die eigene Dialektverwendung anzutreffen, sodass der Verfasser des vorliegenden Artikels schon des Öfteren, dem folgenden gleichende, Dialoge zwischen Hessen und Nicht-Hessen mit anhören durfte: „Du bist aus Hessen, richtig?“-„Wie hast du denn das erkannt? Isch schpresch doch ganz normal!“

Um an dieser Stelle zurück zur eingangs angeführten Grenzziehungsproblematik zu kommen: Mit einem Nordhessen hat der gemeine Südhesse der eigenen Auffassung nach in etwa so viel gemeinsam, wie mit einem Nordfriesen. Zwischen Frankfurt am Main – dem Herzstück der südhessischen Region – und Kassel liegt mit dem Taunus immerhin ein ganzes stattliches Gebirge nebst diversen zu vernachlässigenden Nicht-Städten wie Marburg, Fulda und Gießen.

Ein süddeutsches ist das südhessische Selbstverständnis jedoch ebenfalls nicht! Einwürfe, ich sei ja dann ebenfalls Süddeutscher, seitens gerade neu kennengelernter Schwaben und Bayern haben mich, als gebürtigen Frankfurter, nach meinem seinerzeitigen Umzug in die Hansestadt Hamburg jedenfalls hochgradig irritiert. Frankfurt am Main, das liegt wohl bitte schön direkt in der Mitte, schlicht „im Herzen von Europa“ wie es im bekannten Fußballfangesang der altehrwürdigen Eintracht besungen wird – und im Herzen Deutschlands sowieso. (Ausschließlich Nicht-Hessen kämen übrigens jemals auf die Idee, in einem entsprechenden Gesprächszusammenhang zu fragen, welches(!) Frankfurt denn gerade gemeint sei.)

Hessische Lebensphilsophie pur

Ein weiterer anekdotischer Einschub sei an dieser Stelle gestattet, mit dem wir kurz beim Fußball verweilen. Was unter anderem deshalb passend scheint, da der dem Südhessischen wohl am meisten verbundene Autor der Gegenwart, nämlich Andreas Maier, in einem Interview mit seinem Verleger Raimund Fellinger zum Besten gegeben hat, er neige dazu nur über zwei Institutionen in der Wir-Form zu sprechen: Den Frankfurter Suhrkamp Verlag, der ihn glücklicherweise verlegt, und „seinen Verein“, die Frankfurter Eintracht.

Dragoslav Stepanovic, genannt „Steppi“, der damalige Trainer eben dieser Mannschaft, antwortete übrigens, als seine Truppe die deutsche Bundesligameisterschaft des Jahres 1992/93 am letzten Spieltag denkbar knapp verpasst hatte, und er in Interviews mit Fragen dazu, wie denn mit dieser Tragödie nun umzugehen sei, in die Mangel genommen wurde, denkbar trocken: „Läbbe geeeht weida.“

Hierin findet sich in wundervoller Verdichtung die Lebensphilosophie der gesamten Südhessischen Region. Das stoische Selbstbewusst einer um diejenige deutsche Stadt herum gebauten Region, die mehrmals versucht hat, deutsche Hauptstadt zu werden, es aber in den jeweiligen historischen Situationen, trotz guter Gründe, nie wurde. Und deren Menschen, die zwar wissen, dass sie wohl nicht die Wichtigsten im ganzen Land sind; dafür aber sehr genau wissen wer sie sind. Daher liest man etwa im – humoristisch gemeinten – hessischen Grundgesetz folgerichtige Weisheiten wie „Bevor isch misch uffreesch, isses mir lieber egal“ oder „Wann’s Griessbrei rechent, muss mer n Löffel zum scheppe habbe.“ – Kleine in Worte gegossene Sternstunden pragmatischer Lebensart.

Hessens Devise Leben und Leben lassen!

Besonders stolz ist der gemeine Frankfurter folglich auch darauf, dass seine Stadt, deren Anteil an Bevölkerung mit Migrationshintergrund schon lange über 50% liegt, wirtschaftlich und im sozialen Zusammenleben trotzdem funktioniert. So konstatierte etwa die ZEIT: „Nirgendwo in Deutschland ist der Ausländeranteil so hoch wie in Frankfurt – eigentlich ein Thema für die AfD. Doch nicht einmal sie selbst erwartet hier Wahlerfolge.“

Kein großes Wunder! Denn die Devise Leben und Leben lassen! zeigt sich, da Sprachverwendung ja immer auch Spracheinstellungen widerspiegelt, schon im Dialektalen und fängt dort, wie üblich, am Anfang an: bei der Begrüßung. Die dafür verwendete Standardformel „Ai, Guuuude, wie?“ bedeutet im Hochdeutschen in etwa „Hallo, mein/e Liebe/r, wie geht es dir?“ und kann den erwähnten Hang zu Pragmatismus und ruhiger Effizienz offensichtlich nur unzureichend verbergen. Legitime Antworten sind in der Regel: „Prächtisch“ oder „Subber!“ (gut/hervorragend) oder, in schlechteren Lagen, „Als so weider. Es muss ja!“ (Schlecht, aber was soll man machen? Es wird sowieso wieder.)

Da wir schließlich im Lerche Dialekt gerne auch immer örtliche Literatur empfehlen, sei, neben dem erwähnten Andreas Maier, zum Abschluss auf einen der Haus- und Hofdichter des Frankfurterischen hingewiesen. Den aus den Reihen der humoristischen Neuen Frankfurter Schule stammenden F.W. Bernstein, dessen wohl bekanntester Reim ein erneutes Plädoyer liefert, den Windigkeiten und Windungen des Lebens allzeit in aller gebotenen Gemütlichkeit zu trotzen: „Die größten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.“

Autor: Christian Bartl

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