Aufgeschlagen: Buch-Rezension

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Die Jugendliebe zur eigenen Schwägerin und ein Außenseiter in der eigenen Familie: diese problematische Ausgangsituation prägt den Ich-Erzähler Niketsch, der von dem Leben seiner Familie in den 1990ern berichtet. Der Debütroman thematisiert die Aufbruchstimmung der Nachwendezeit sowie die Gefühle von jemanden, der diesen Aufbruch zwar miterlebt aber kein Teil davon ist.

Worum geht’s eigentlich?

Die Geschichte beginnt 1993 als der Erzähler der Familie seines Bruders hilft ein altes Gutshaus in einem kleinen Dorf zu renovieren, um sich von seiner stagnierten Doktorarbeit abzulenken. Dieses Haus wird das neue Heim für drei Generationen der Familie.

So bildet sich auch für Niketsch ein neuer Zufluchtsort, der jedoch gleichzeitig so viel Schmerz wie Trost bietet. Denn die Beziehungen der Erwachsenen sind geprägt und belastet von dem Vergangenen und Unausgesprochenen. So sind die Brüder entfremdet, da die Gefühle zwischen Niketsch und seiner Schwägerin Marlene nie ganz überwunden wurden. Und die Großeltern können die Lebensweisen ihrer Kinder nicht nachvollziehen. Was sich bei der Großmutter, Rita, in übertrieben herrischen Verhalten und bei ihrem Mann, Pavel, Lakonie äußert. Nur zu seinen beiden Nichten und seinen Neffen hat der Erzähler eine ausschließlich liebevolle Beziehung.

Das Gutshaus und darin befindlich Café zieht über die Jahre Menschen an, die ein Teil des Lebens in Plenskow werden. Und während die Zeit vergeht, erlebt Niketsch wie sich festgefahrene Beziehungen und Einstellungen ändern oder Änderungen hervorrufen.

Aufbruch nach der Wende

“Wo ist Norden” chronisiert ein Jahrzehnt Familiengeschichte aus der Perspektive des ältesten Sohnes. Dabei zeigt das Buch feinfühlig, was es heißt sich aus dem engsten Kreis ausgeschlossen zu fühlen. Es ist eine ungeschönte Darstellung der vielen kleinen Verletzungen und Unsicherheiten innerhalb einer Familie.

Gleichzeitig ist es trotzdem klar, dass insbesondere Niketsch Kränkungen erfährt aufgrund der Rolle, die er für sich in der Familie geschaffen hat. Die Hoffnung auf eine erneute Chance mit seiner großen Liebe hat dazu geführt, dass er sein Leben innerhalb und außerhalb der Familie zum Stillstand brachte. Eine berufliche Laufbahn, die nicht vorankommt und kein soziales Leben, lassen ihn vereinsamen und verbittern. Erst im Laufe der Geschichte lernt Niketsch sich auf andere Dinge, als seine Wunschvorstellung, zu besinnen und sich dadurch von dieser zu lösen.

Das Buch ist in seinem Kern eine Erzählung davon, warum man sich nach Familie und zu Hause sehnt. Niketsch zieht es immer wieder zurück nach Plenskow, da dort die für ihn wichtigsten Menschen sind. Selbst wenn diese sich gegenseitig oft frustrieren. Zugleich wird aber auch die Notwendigkeit, ein eigenständig Leben zu führen, aufgezeigt. Denn erst als Niketsch sich persönlich und beruflich weiterentwickelt, schafft er es besser zu verstehen und verstanden zu werden.

„Wo ist Norden“ von Barbara Handke

erschienen bei Books on Demand

ISBN 978-3-7460-6758-2

Paperback, 308 Seiten

Autorin: Annekatrin Franke

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