Literaturland Georgien

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Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 durfte sich in diesem Jahr Georgien als offizielles Gastland präsentieren. Die vielen Neuveröffentlichungen von lesenwerten schriftstellerischen Werken aus dem kleinen osteuropäischen Land, die zu diesem Anlass im Deutschen auf den Weg gebracht wurden, bereichern nun auch über das Messewochenende hinaus die hiesige Literaturlandschaft. Grund genug für uns einen kurzen Überblick über Land und Literaturszene zu wagen.

 

Wissenswertes über Georgien

Gerühmt wird das Land zwischen Kaukasus und schwarzem Meer vor allem für seine wunderschöne Natur. Die besondere Lage am Rande der europäischen Grenze hin zu Asien in Verbindung mit der Gebirgsnähe hat ihm den Spitznamen „der Balkon Europas“ eingebracht. Ein schönes Sinnbild, auf das die Georgier selbst sehr stolz sind.

Besonders erwähnenswert ist außerdem die über Jahrtausende hinweg bewahrte eigene Schrift Georgiens, die auf 33 wundersam geschwungenen Buchstaben basiert. Dieses Alphabet wird außerhalb Georgiens kaum verstanden und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

 

Doch bilden die etwa 4 Millionen Georgier auch eine Gemeinschaft aus Lesern?

Darauf könnte man zunächst mit einer beispielhaften Geschichte antworten. So startete der heute sehr erfolgreiche georgische Verleger Bakur Sulakauri seine Tätigkeit mit einer selbstangefertigten Übersetzung von Astrid Lindgrens Kinderbuch Ronja Räubertochter. Aufgrund chaotischer Verhältnisse zu Beginn der 90er-Jahre (nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft) baute er kurzerhand einen Stand auf dem Wochenmarkt der Hauptstadt Tiflis auf, um seine Bücher unter die Leute zu bringen. Und konnte, trotz dieser unorthodoxen Verkaufssituation und der klammen wirtschaftlichen Verhältnisse im Land, dabei insgesamt 1.500 Exemplare der georgischen Version des Kinderbuchklassikers absetzen!

Dieses Erfolgsbeispiel steht stellvertretend für das Interesse der Bevölkerung an der Literatur und am Lesen, welches sich bis heute gehalten hat. Seit 2005 werden in Georgien Jahr für Jahr mehr Titel veröffentlicht, viele Bücher erscheinen in höheren Auflagen und die Verkäufe nehmen zu. Darüber hinaus sind eine lebendige, jungeVerlagsszene und die mittlerweile alljährlich in Tiflis stattfindende Buchmesse klare Belege der positiven Lage.

 

Die Vergangenheit der Literatur…

Als wichtigster Klassiker der georgischen Literatur gilt das Versepos Der Recke im Tigerfell. Die höfische Rittergeschichte, die auf den Autor Schota Rustaweli zurückgeht, wurde zunächst über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert und war danach lange in unterschiedlichen Handschriftenfassungen im Umlauf. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde sie schließlich erstmals gedruckt, wobei versucht wurde die Urfassung möglichst originalgetreu wieder herzustellen.

Noch heute lesen die Schüler Georgiens das Werk im Unterricht und der Autor verfügt über einen ähnlichen Stellenwert wie in Deutschland nur Schiller und Goethe. Deutsche Übersetzungen dieses Buches sind kurioserweise unter verschiedenen Titeln im Umlauf, da Uneinigkeit darüber herrscht, ob der georgische Originaltitel auf das Fell des Tigers oder des Panthers verweist. In jedem Fall aber bezieht er sich sinnbildlich auf einen Mann, der in seine Leidenschaften eingehüllt ist und darum kämpfen muss, diesen zu widerstehen.

 

… und die literarische Gegenwart

Die georgische Literatur der Gegenwart gilt gemeinhin als ungeheuer vielfältig, wobei allerdings Autorinnen und Autoren, die sich mit der Geschichte des Landes beschäftigen, häufig vermehrte Aufmerksamkeit zuteil wird. Großen Erfolg hatte beispielsweise Nana Ekvtimishvili mit ihrem Roman Das Birnenfeld. Dessen jugendliche Protagonisten wachsen in einem georgischen Kinderheim zur Bürgerkriegszeit vor Beginn der Jahrtausendwende auf. Unter den Anwohnern im Viertel sind die Waisenkinder als Debile verschrien und werden gemieden. Zugleich kollidieren innerhalb des Heims ruppige Erziehungsmethoden aus der Sowjetvergangenheit mit neueren Ansätzen. Ekvtimishvili berichtete in Interviews selbst in der Nachbarschaft einer solchen Erziehungsanstalt aufgewachsen zu sein und nahm also für ihren Debütroman an der historischen Realität sowie ihren persönlichen Erfahrungen Maß. In deutscher Übersetzung ist das Buch bereits im Sommer beim Suhrkamp Verlag erschienen.

Autor: Christian Bartel

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