Aufgeschlagen: Buch-Rezension

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Die Jugendliebe zur eigenen Schwägerin und ein Außenseiter in der eigenen Familie: diese problematische Ausgangsituation prägt den Ich-Erzähler Niketsch, der von dem Leben seiner Familie in den 1990ern berichtet. Der Debütroman thematisiert die Aufbruchstimmung der Nachwendezeit sowie die Gefühle von jemanden, der diesen Aufbruch zwar miterlebt aber kein Teil davon ist.

Worum geht’s eigentlich?

Die Geschichte beginnt 1993 als der Erzähler der Familie seines Bruders hilft ein altes Gutshaus in einem kleinen Dorf zu renovieren, um sich von seiner stagnierten Doktorarbeit abzulenken. Dieses Haus wird das neue Heim für drei Generationen der Familie.

So bildet sich auch für Niketsch ein neuer Zufluchtsort, der jedoch gleichzeitig so viel Schmerz wie Trost bietet. Denn die Beziehungen der Erwachsenen sind geprägt und belastet von dem Vergangenen und Unausgesprochenen. So sind die Brüder entfremdet, da die Gefühle zwischen Niketsch und seiner Schwägerin Marlene nie ganz überwunden wurden. Und die Großeltern können die Lebensweisen ihrer Kinder nicht nachvollziehen. Was sich bei der Großmutter, Rita, in übertrieben herrischen Verhalten und bei ihrem Mann, Pavel, Lakonie äußert. Nur zu seinen beiden Nichten und seinen Neffen hat der Erzähler eine ausschließlich liebevolle Beziehung.

Das Gutshaus und darin befindlich Café zieht über die Jahre Menschen an, die ein Teil des Lebens in Plenskow werden. Und während die Zeit vergeht, erlebt Niketsch wie sich festgefahrene Beziehungen und Einstellungen ändern oder Änderungen hervorrufen.

Aufbruch nach der Wende

“Wo ist Norden” chronisiert ein Jahrzehnt Familiengeschichte aus der Perspektive des ältesten Sohnes. Dabei zeigt das Buch feinfühlig, was es heißt sich aus dem engsten Kreis ausgeschlossen zu fühlen. Es ist eine ungeschönte Darstellung der vielen kleinen Verletzungen und Unsicherheiten innerhalb einer Familie.

Gleichzeitig ist es trotzdem klar, dass insbesondere Niketsch Kränkungen erfährt aufgrund der Rolle, die er für sich in der Familie geschaffen hat. Die Hoffnung auf eine erneute Chance mit seiner großen Liebe hat dazu geführt, dass er sein Leben innerhalb und außerhalb der Familie zum Stillstand brachte. Eine berufliche Laufbahn, die nicht vorankommt und kein soziales Leben, lassen ihn vereinsamen und verbittern. Erst im Laufe der Geschichte lernt Niketsch sich auf andere Dinge, als seine Wunschvorstellung, zu besinnen und sich dadurch von dieser zu lösen.

Das Buch ist in seinem Kern eine Erzählung davon, warum man sich nach Familie und zu Hause sehnt. Niketsch zieht es immer wieder zurück nach Plenskow, da dort die für ihn wichtigsten Menschen sind. Selbst wenn diese sich gegenseitig oft frustrieren. Zugleich wird aber auch die Notwendigkeit, ein eigenständig Leben zu führen, aufgezeigt. Denn erst als Niketsch sich persönlich und beruflich weiterentwickelt, schafft er es besser zu verstehen und verstanden zu werden.

„Wo ist Norden“ von Barbara Handke

erschienen bei Books on Demand

ISBN 978-3-7460-6758-2

Paperback, 308 Seiten

Autorin: Annekatrin Franke

Lerche Dialekt: heute Berlinerisch

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Wer kennt ihn nicht, den Berliner Dialekt. In Deutschland ist die Berliner Schnauze weit bekannt. Dabei ist vor allem der derbe, aber herzliche Humor der Hauptstädter gemeint. Mehrere hundert Jahre alt ist der Berliner Jargon und verändert sich dank seiner Bewohner stetig weiter.

Berlinerisch – eben nicht nur ein Dialekt

Dabei ist der Berliner Dialekt in Wahrheit kein Dialekt. Sprachwissenschaftlich gesehen handelt es sich nämlich um einen sogenannten „Metrolekt“, eine in großstädtischen Zentren aus einer Mischung vieler unterschiedlicher Mundarten entstehende Stadtsprache. Dadurch, dass Berlin schon recht früh eine bedeutende Handelsstadt war, siedelten sich viele verschiedene Bevölkerungsgruppen an – so auch unterschiedliche Nationalitäten, die ihre eigenen Worte und Redewendungen ins Deutsche mitbrachten.

So lassen sich dann auch verschiedenste sprachliche Einflüsse finden wie etwa Flämisch, Französisch, Polabisch (u.a. Polnisch sowie Tschechisch) und Jiddisch. Auch das Niederdeutsch der Mittelmark und das Osterländische fanden seinen Niederschlag in dem Metrolekt. Letzter Dialekt verbreitete sich in Berlin durch intensive Handelsbeziehungen mit der Stadt Leipzig.

Zwar existiert ein Brandenburg-Berlinisches Wörterbuch mit dem Wortschatz und der Grammatik der Berliner Mundart, doch gibt es keinen genauen Konsens zur schriftlichen Fixierung, da der Dialekt sehr individuell eingesetzt wird und oft stark variiert.

Berliner Lokalkolorit im Roman Alles außer irdisch von Horst Evers

Nicht nur in der Hauptstadt wird berlinert. Auch in dem Science-Fiction Roman von Horst Evers, seines Zeichens Kabarettist und Autor zahlreicher Berliner Geschichten, geht es nicht ohne die Mundart. Mit humoristischen Einlagen und großem sprachlichen Witz nähert sich Evers in seiner Gesellschaftssatire den großen und kleinen Themen Berlins und der Welt.

So wird in der Geschichte tatsächlich der Flughafen BER eröffnet. Unglaublich, aber wahr… allerdings nur für wenige Sekunden. Denn dann stürzt ein großes Raumschiff auf die Startbahnen und verhindert so das Abheben der ersten Maschine vom BER auf ihrem Jungfernflug nach New York. Und für Goiko Schulz, einem mehr oder minder erfolgreichen Mittdreißiger, beginnt die Reise seines Lebens. Zusammen mit der Fahrradkurierin Kira, einem alten russischen Zeitreiseforscher und zwei Außerirdischen sowie einem ausrangierten Raumschiff wird er zur letzten Hoffnung der Menschheit und soll mit einer Klage vor dem intergalaktischen Gerichtshof die Verschrottung der Erde verhindern.

Signora, das berlinernde Raumschiff

Hauptverkehrsmittel der ungleichen Truppe ist das verschlissene Nahverkehrsraumschiff „Signora“. Und die berlinert, was das Zeug hält und hört sich dabei an wie ein übellauniger Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe.

Und das klingt dann so:

„So, die Herrschaftn, ick hoffe, ick störe jetze nich unjebührlich Ihre jepflegte Unterhaltung, aba ick hätte hier jetze denn doch mal ’n Problem, dit ooch für Sie vielleicht nich ohne Belang is.“

„Hier startet jar nüscht, solange die hintere Tür nich rischtisch zu is. (…) Und ick hab Zeit.“

Hat euch der Berliner Charme des Raumschiffs überzeugt? Dann wartet nicht auf die Eröffnung des BER. Schnappt euch stattdessen Evers komisch-satirischen Roman Alles außer irdisch (erschienen 2016 bei Rowohlt; ISBN: 978-3871348150).

Autorin: Saskia Liske

Tod und Trauer im Verlag – Ein Thema über das keiner reden, aber viele lesen wollen

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Was früher nur Sache der Kirche war, übernehmen seit einiger Zeit auch Verlage: Trauerhilfe. Sie erschließen damit einen neuen Teil des Buchmarktes und fungieren als Therapeuten für Autoren und Leser.

Im Mittelalter war der Tod ein ständiger Begleiter der Menschen. Durch Seuchen und Hungersnöte starben Viele, wobei oftmals feierliche Zeremonien stattfanden. Die Fenster und Türen wurden geschlossen, Kerzen entzündet und man versammelte sich um das Bett des Sterbenden. So konnten alle Abschied nehmen und an das Leben des Verstorbenen zurückdenken. Außerdem betete der Sterbende zu Gott, um die Vergebung seiner Sünden. Nach dem Tod wurden eine Reihe von Ritualen durchgeführt. Es wurde ein Fenster geöffnet, damit die Seele des Verstorbenen entweichen konnte und alle Spiegel im Haus verhängt. Die Verwandten wuschen den Toten und bahrten ihn im Haus auf, damit jeder, der zu Besuch kam, sich noch einmal von ihm verabschieden und für ihn beten konnte. Am Tag der Beerdigung, wurde der Sarg gemeinsam zum Friedhof getragen. Der Tod traf die Menschen damals nicht so hart, da man glaubte, er sei nur ein Übergang in ein besseres Leben und da früher hauptsächlich in Gemeinschaft getrauert wurde. Man hielt noch an traditionellen Trauerritualen fest. Seitdem hat sich das Verhältnis zum Tod geändert, denn heute ist es zur individuellen Angelegenheit geworden.

Wer verlegt diese Bücher?

Da uns das Thema Tod alle irgendwann beschäftigt hat oder wird, besitzen auch viele Verlage in ihrem Sortiment einige Bücher dieser Rubrik. Es gibt jedoch wenige Verlagshäuser, die sich ausschließlich damit beschäftigen.

Ein Beispiel ist der Thomas Verlag Leipzig. Er wurde im Mai 1990 von Theologe Paul Gerlach und Thomas Blankenburg, Ingenieur für Polygrafie gegründet. Seit einigen Jahren besitzen sie ihre eigene Druckerei. Der Verlag verkauft hauptsächlich Trauerkarten und Urkunden für kirchliche Feste, wie z. B. Konfirmation und Taufe. Aber auch biblische Texte in Form von Büchern, die bei der Trauerbewältigung helfen sollen, werden verlegt. Ihnen ist es ein besonderes Anliegen, hoch qualitative und anspruchsvolle Fotos auf ihren Trauerkarten zu präsentieren, da gerade in Zeiten des Verlustes und Trauerns Bilder und Zeichen mehr sagen können als Worte.

Meistens bieten Verlage nebenbei auch Bücher zu religiösen und spirituellen Themen an, wie der Patmos Verlag beweist. Die Patmos Verlagsgruppe ist seit 2010 in Mannheim ansässig und gehört zum Cornelsen Verlag. Sie verkaufen sowohl Bücher für Trauernde, als auch Ratgeber für Trauerbegleiter neben Themen wie Meditation, Christentum und Depression.

Es existieren auch viele Ratgeber Verlage, die sich mit der Trauerbewältigung beschäftigen, wie z. B. der PAL Verlag. Er setzt sich auch damit auseinander wie man Menschen helfen kann, die sich die Schuld für den Tod eines Anderen geben oder ob man nach dem Verlust des Partners eine neue Beziehung eingehen sollte.

Wer kauft die Bücher?

Es werden natürlich vorwiegend Hinterbliebene angesprochen, die sich erhoffen, den Kummer durch die Bücher zu bewältigen. Dies sind meist Erwachsene und Senioren. Aber auch Kinderbücher zum Thema Tod kann man erwerben, wie z.B. beim Lebensweichen Verlag. Sie klären kindgerecht über den Tod und die damit verbundene Trauer auf, um Eltern in ihren Erklärungen zu unterstützen. Auch Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des Trauernden kaufen diese Bücher, um sie entweder an das Trauerhaus zu verschenken oder sich selbst Rat zu holen, wie sie in dieser Zeit am besten helfen können. Außerdem interessieren sich gelegentlich Jugendliche und Erwachsene unabhängig von einem Trauerfall für Bücher dieser Art. Die Nachfrage wird wohl deswegen zukünftig konstant bleiben.

Wie nahe sind die Verlage am Thema?

Im letzten Jahr erwarb Christiane zu Salm den Berliner Verlag Nicolai, einer der ältesten Buchverlage Deutschlands. Sie ist gelernte Verlagsbuchhändlerin und war zuvor sowohl im Fernsehen, als auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin tätig. Im Jahr 2013 veröffentlichte zu Salm den Bestseller „Dieser Mensch war ich“, in dem sie Personen auf dem Sterbebett nach ihrem persönlichen Resümee fragte. Die überraschend ehrlichen Rückblicke auf das Leben dieser Menschen, berührten viele Leser. Letztes Jahr erschien die Fortsetzung „Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen“. Christiane zu Salm hat selbst seit der Kindheit mit dem Tod ihres kleinen Bruders zu kämpfen und weiß daher, wie schwer das Weiterleben tatsächlich ist. Diese Bücher sind also auch eine Art an ihrer eigenen Trauer zu arbeiten. Vorwiegend möchte sie aber den Lesern Mut machen sich für ein neues Leben nach dem Verlust zu öffnen, indem sie zeigt, dass es schon Menschen vor ihnen geschafft haben. Zwischenzeitlich war zu Salm geneigt aufzuhören, da einige Schicksale sie sehr belastet haben, aber es ist ihr ein persönliches Anliegen, dass diese Geschichten erzählt werden. Am wichtigsten ist es zu akzeptieren, dass jeder anders trauert, meint sie.

Therapie für Autoren und Leser

Man hört nicht nur von Christiane zu Salm, sondern auch von einigen anderen Autoren, dass sie ein Buch geschrieben haben, um ihre Trauer zu verarbeiten. Man könnte also annehmen, dass sie gar nicht für die Leser schreiben, sondern nur für sich selbst. Aber dann würden sie ihre Bücher wohl kaum veröffentlichen. Die Autoren erhoffen sich, mit ihren niedergeschriebenen Gedanken auch anderen Menschen zu helfen. Denn meistens herrscht nach dem Trauerfall eine große Sprachlosigkeit der Betroffenen. Sie wollen lieber darüber lesen, anstatt zu reden. Natürlich beabsichtigen die Autoren nicht, dass Bücher zur dauerhaften Alternative gegenüber der Kommunikation mit anderen Menschen werden. Sie sollen lediglich dabei helfen, dass Trauernde sich Zeit für sich selbst nehmen, um sich danach leichter Anderen öffnen zu können.

Der Tod und die Trauer scheinen immer noch Tabuthemen in der Verlagsbranche zu sein. Zwar gibt es vereinzelte Bücher, die sich in den Sortimenten der Verlage finden lassen, aber dies ist kein Vergleich zu Themen wie Vampire, Liebe, Kochen usw. Es wird jedoch sichtbar, dass es sich durchaus lohnt, sowohl für Verlage, als auch für Autoren und Leser, sich mit Trauerbewältigung zu beschäftigen.

Autorin: Janka Diettrich

 

Vorfreude im Advent – Heute schon dein Türchen geöffnet?

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Was wäre die Adventszeit ohne Weihnachtskalender. Jede kleine Leckerei und Überraschung hinter einem der vierundzwanzig Tage, lässt die Vorfreude auf den Weihnachtsabend wachsen und versüßt die kalte  Jahreszeit.  Heute gibt es Adventskalender in einer Vielzahl von Formen, gefüllt mit Schokolade, Tee oder anderen Kleinigkeiten.

 

Schöpfungsgeschichte

Die Geschichte der Adventskalender beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. In der katholischen Kirche wurde die Vorweihnachtszeit durch Adventsandachten vertieft, in evangelischen Familien durch das gemeinsame Lesen von Bibelstellen, Gebete und Andachten mit Liedern.

Da Zeit besonders für Kinder eine abstrakte Größe, fingen die Eltern an sich verschiedene Möglichkeiten zu überlegen, um ihrem Nachwuchs die verbleibende Zeit greifbar zu machen. Einige Familien hängten nach und nach 24 Bilder mit weihnachtlichen Motiven an die Wand oder ins Fenster. Andere Familien zogen 24 Kreidestriche an Schranktüren oder Türstöcken. Die Sonntage wurden mit einem längeren oder farbigen Strich markiert und die Kinder durften jeden Tag einen Strich wegwischen. Zusätzlich wurden kleine Tannenbäumchen aufgestellt, die als Adventsbäumchen dienten. In ihre Zweige wurde kleine Fähnchen mit Bibelversen oder Sterne gehängt. Außerdem war es Tradition zusätzlich jeden Tag eine neue Kerze auf den Baum zu heften und anzuzünden. Das zunehmende Licht verkörperte die bevorstehende Geburt Jesu Christi.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bastelten die Eltern für ihren Nachwuchs Weihnachtsuhren. Die Uhren waren Scheiben mit 12 oder 24 Unterteilungen, deren Zeiger jeden Tag einen Schritt weiter gestellt wurden. Die Unterteilungen wurden mit Liedtexten und Bibelversen versehen, sodass die Adventszeit auf die kommende Weihnacht vorbereitete.

 

Anfang der industriellen Produktion

Die ersten gedruckten Weihnachtsuhren wurden 1902 in Hamburg hergestellt. Diese erschienen im Verlag der Evangelischen Buchhandlung Friedrich Tümpler und kosteten 50 Pfennig. Im Jahr 1904 erschien der Weihnachtskalender „Im Lande des Christkinds“ als Beilage einer Stuttgarter Weihnachtszeitung, basierend auf der Idee von Gerhard Lang. Seine Kalender hatten noch keine Türen zum Öffnen, sondern bestanden aus zwei bedruckten Teilen. Dieser bestand aus einem Bogen mit 24 Bilder zum Ausschneiden und einem Karton auf dem auf 24 Feldern Verse aufgedruckt waren, die Lang selbst verfasst hatte. Die Kinder durften jeden Tag ein neues Bild ausschneiden, einen Vers Lesen und das Bild darauf kleben.

Ab 1908 wurden die Adventskalender im Verlag Reichhold & Lang gedruckt. Darauf folgten in den nächsten Jahren nicht nur stark steigende Auflagenhöhen, sondern auch viele neue Variationen, u.a. eine Version mit Blindenschrift. Lang scheute dabei keinen Aufwand, um neue Kalender zu entwickeln. Seine Drucke zeichneten sich besonders durch hohe Qualität und Detailtreue aus.

Wenige Jahre nachdem Gerhard Lang angefangen hatte Adventskalender in höheren Auflagen zu drucken, drängten auch andere Verlage auf den Markt. In den 1930er Jahren waren Adventskalender in weiten Teilen Deutschlands verbreitet. Auf Dauer konnte Lang dem Preiskampf nicht standhalten und musste 1940 die Produktion der Kalender einstellen.

 

Advent in der Kriegszeit

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde Papier in Deutschland rationiert. Anfang der 1940er Jahre wurde der Druck von Bildkalendern als kriegsunwichtig eingeschätzt und eingestellt. 1941 wurden sämtliche kirchliche Presseerzeugnisse verboten.

Als Ersatz ließ die NSDAP eigene, nationalsozialistische Kalender drucken und im Volk verteilen. Dieser war ein kleines Heft mit kleinen Erzählungen, Liedern, Mal- und Bastelvorschlägen. Ziel war die Umdeutung der Adventszeit. Dafür wurden alle christlich-religiösen Elemente entfernt und die Inhalte durch die neue Ideologie ersetzt.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg

Bereits im Jahr 1945 wurden zu Weihnachten wieder Adventskalender gedruckt, da die Sehnsucht nach alten Traditionen und Werten sehr hoch war. Bereits in den 1930er Jahren hatte sich der Adventskalender wieder stark im deutschsprachigen Raum verwurzelt. Damit begann der weltweite Siegeszug der Kalender, die sich über Österreich und Schweiz auch nach Großbritannien sowie in die USA verbreiteten.

Seit den Anfängen der Erfindung des Kalenders hat sich viel verändert, nicht nur die Art und Weise ihrer Produktion, sondern auch wie wir die Adventszeit verbringen. Im Laufe der Zeit haben sich zwar Form und Aussehen der Kalender verändert, aber nicht ihr Zweck: Noch immer Bereichern sie die Adventszeit und steigern unsere Vorfreude auf den Heiligen Abend.

Autorin: Frances Liebau

La Belle Époque – Facettenreiche Zeit des Friedens

La Belle Époque – Facettenreiche Zeit des Friedens

Eine der wohl glanzvollsten Epochen Europas liegt nun mehr seit über 100 Jahren unter der Geschichte begraben und kaum einer weiß um die Bedeutung dieser Zeit.

La Belle Époque ist französisch und bedeutet so viel wie „die schöne Epoche“.Die circa 30 Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelten heute als Sinnbild einer kollektiven Überzeugung von einer besseren Welt. Eine Welt frei von Hunger, Krieg und gewalttätigen Revolutionen. Wobei sich führende Historiker nach wie vor über die taggenaue Datierung dieser Epoche streiten. Doch nun erst einmal der Reihe nach. Der Deutsch-Französische Krieg war endlich vorbei und die Bevölkerung kehrte wieder zur Normalität zurück, nicht ahnend, welcher wirtschaftlichen und kulturellen Ereignissen sie noch Zeugen werden würden.

 

Mit dem Frieden kam der Aufschwung

Die Staaten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich-Ungarn zählten, zur damaligen Zeit, zu den Ländern, welche als erste die Lebensqualität ihrer Einwohner drastisch verbessern konnten. Durch die zweite Welle der Industriellen Revolution hielten nicht nur die Elektrizität und die Telefonie in den Haushalten Einzug, ebenso verbesserten sich die hygienischen Zustände, was die Lebenserwartung der Menschen von damals um ein Vielfaches ansteigen ließ. Auch die Stahl- und Chemieindustrie erlebte ein nie da gewesenes Hoch, was im Laufe der Geschichte nicht nur positive Auswirkungen auf die Menschen in Europa hatte. Riesige Ballungsräume wuchsen aus dem Boden, wie Pilze an einen regnerischen Septembertag. Überall wo man hinsah gab es Wachstum! Wachstum! Wachstum! Aber die wohl größte Erfindung dieser Tage war der Verbrennungsmotor. Menschen konnten nun völlig ohne Kraftanstrengung und ohne Hilfe eines tierischen Begleiters weite Strecken zurücklegen. Mit der Erprobung der ersten Flugapparate kam der Mensch nun auch endlich dem Traum des Ikarus ein Stück näher und war fortan mit dem Vogel auf einer Augenhöhe.

Bild Frauen Mann Belle Époque
Die Freuden der Belle Èpoque. © http://3.bp.blogspot.com/

Wissenschaftler wurden für ihre Erfindungen und Theorien gefeiert wie Könige, wenn nicht sogar wie Götter. Ernest Rutherford, Marie und Pierre Curie, Albert Einstein, Max Planck und Niels Bohr sind nur einige der Namen, welche mit ihren Arbeiten die Welt veränderten. Aber nicht nur die Wissenschaft hatte Großes hervorgebracht, sondern auch die Kunst, Musik und Architektur waren beeindruckender als je zuvor. Man denke dabei nur an Pablo Picasso oder Gustav Mahler. Die Literatur konnte sich ebenso neuer Strömungen erfreuen. So war zum Beispiel der Naturalismus, also die ausführliche Beobachtung der Natur, eine der führenden Stilrichtungen jener Zeit. Der bedeutendste deutsche Vertreter hierfür war Gerhardt Hauptmann. Der Schriftsteller bediente sich in seinen Werken nicht nur dem Naturalismus, sondern ließ sich auch von anderen Stilrichtungen inspirieren. Im Jahre 1912 erhielt er schließlich den Nobelpreis der Literatur für sein schaffen. Wobei diese kulturelle Welt keineswegs mehr der gut betuchten Oberklasse vorbehalten war. Erstmals war es auch möglich, die breite Arbeiterklasse an dieser Lebensweise teilhaben zu lassen, selbst wenn es nur der gelegentliche Besuch in einem der neu erbauten Lichtspielhäuser war. Alles in allem war das Leben dieser Tage für alle ein durchaus Gutes.

Doch der Wohlstand und Friede sollte nicht ewig andauern…

 

Bild Erster Weltkrieg
Weniger erfreulich: Moderne Kriegsführung. © https://www.dhm.de

 

Abschied einer erstaunlichen Epoche

Die Titanic war nicht nur ein Symbol für die menschliche Schaffenskraft, sie läutete tragischerweise auch das Ende einer aufgeschlossenen, friedliebenden und unbekümmerten Gesellschaft ein. Mit ihrem Sinken im Jahre 1912 verloren einige ihren Glauben an, die bis dato, makellose Allmacht der Technik.  Unmut über die Entwicklungen der letzten Jahre verbreitete sich und rief immer mehr Kritiker auf den Plan. Die Arbeiterschaft klagte nun kaum noch überhörbar über die unzumutbaren Zustände in ihren Unternehmen. Rationalisierung der Herstellungsprozesse durch Arbeitsteilung ließ die zu verrichtende Arbeit eintönig, aber nicht weniger kräftezehrend werden. So wundert es nicht, dass Gewerkschaften und die kommunistische Idee relativ schnell zu beachtlicher Größe und Ansehen wuchsen. In Deutschland hatte sich die SPD als eine der führenden Parteien der Arbeiterbewegung etabliert. Die Welt stand nun vor einem Aufbruch ins Ungewisse, aber keiner hätte damals geglaubt, was noch folgen sollte. Mit dem Jahr 1914 und dem folgenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde eins der wohl lebensbejahendsten Kapitels der europäischen Geschichte besiegelt. Folgen sollten wieder einmal Jahre der Zerstörung, des Hasses und  der Verzweiflung. Erstmals wurden einem auch die negativen Aspekte der Industriellen Revolution bewusst. Der Antrieb durch die massive militärische Aufrüstung aller Staaten zog buchstäbliche Gräben durch Europa und die Köpfe ihrer Bewohner. Dies alles gipfelte in menschenverachtenden Massenvernichtungen durch die moderne Kriegstechnik.

Man kann nur hoffen, dass Europa so etwas nie wieder erleben muss und wir weiterhin in unserer La Belle Époque 2.0 friedlich miteinander koexistieren können.

 

Autor: Ronny Wenzel

Kalevala – die Sprache des Polarlichts

Kalevala – die Sprache des Polarlichts

Werde von der Lust getrieben,
Von dem Sinne aufgefordert,
Daß ans Singen ich mich mache,
Daß ich an das Sprechen gehe,
Daß des Stammes Lied ich singe,
Jenen Sang, den hergebrachten.

Mit diesen ausdrucksstarken Versen beginnt die Kalevala, das „finnische Nationalepos“. Zumindest vom Begriff ist sie den meisten Literaturinteressierten bekannt, doch wohl nur wenige haben sich schon einmal vollständig durch das achtteilige Lyrikwerk gearbeitet. Ein Lesebericht.

Direkt von der Ofenbank

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Runensänger, Uhtua 1894. © Wikimedia Commons

Die Handlung der Kalevala steht ganz in der Tradition heidnischer „Urdichtung“ wie zum Beispiel des Nibelungenliedes. Keine von politischen Idealen durchdrungenen Freiheitskämpfer oder durchtriebene Intriganten sind die Helden des Epos, sondern einfache, grob gezimmerte Charaktere wie der Schmied Ilmarinen oder der Jäger Lemminkäinen. Nicht weltbewegende Götterschlachten, sondern Hochzeiten, Ernte oder Fischfang bestimmen ihr Tagwerk. Natürlich strotzt die Sage nur so von fantastischer Zauberei, grausligen Ungeheuern und geheimnisvollen Artefakten, aber anders als homerische Dramen oder Goethes Welt-Sinn-Suchen rankt sich um alles ein grob gezimmertes Gerüst einfacher Begebenheiten, welche die Denkwelt der Landbevölkerung bestimmt. Eifersucht, persönlicher Wohlstand oder der Wunsch nach einem ruhigen Leben sind die Motive, von denen die Charaktere angetrieben werden. Sehr oft lesen sich die Zeilen wie direkt aus dem Mund eines Bauern gesprochen, direkt, unkompliziert und äußerst bildhaft. Dies kommt nicht von ungefähr, denn der Autor des Werkes, Elias Lönnrot, sammelte ähnlich den Gebrüdern Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts bei seinen Reisen durch Karelien die mündlich überlieferten Volkslegenden von den „Runensängern“, den finnischen Skalden, auf und versuchte diese dann überwiegend originalgetreu in einer einheitlichen Form wiederzugeben.

Vom Goldmahlen

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Das Schmieden des Sampo, von Akseli Gallen-Kallela © Wikimedia Commons

So erklärt sich auch die relativ zusammenhanglose Handlung, trotz der Gesamtform eines durchgehenden Zyklus. Von einer Schöpfungsgeschichte über die Fahrt ins Totenreich bis hin zu Aussaat-Anweisungen ist so ziemlich die ganze Bandbreite des Mythen- und Lebenskosmos vertreten. Bekanntestes Motiv ist das Schmieden des Sampos, einer goldproduzierenden Mühle. Ebenfalls eine große Rolle spielen Zauberlieder, dessen Kenntnis ihrem Sänger gottgleiche Schöpferkräfte geben können. Dabei kommt oft eine Kantele zum Einsatz, das typische Begleitinstrument der Runensänger. Bei richtiger Beherrschung kann der Spieler dieser finnischen Zither einen träumerischen Klang entlocken, was sich ideal als Hintergrundmusik für Erzählstunden am Lagerfeuer geeignet haben dürfte. Das bereits beispielhaft präsentierte Versmaß kennzeichnet das gesamte Werk und wurde in seiner Kompliziertheit von den Runensängern so tatsächlich benutzt. Um Neulingen das Lernen zu erleichtern, ziehen sich außerdem zahlreiche Stabreime und Wiederholungen durch sämtliche Passagen. Insgesamt liest er sich daher sehr prägnant und trotz der fehlenden Prosaform recht eingängig. Wer die Aufmerksamkeit aufbringt, dem nicht ganz anspruchslosen Text auch über mehrere Seiten zu folgen, wird mit eindrucksvollem Kopfkino und einer Stimmung zwischen lakonischer Einsamkeit und depressiver Schönheit belohnt, welche des Öfteren als „typisch“ für jene Länder in der Nähe des Polarkreises angesehen werden mag.

Unterschätztes Juwel

In ihrem Heimatland erlangte die Kalevala im Zuge des damals europaweit zunehmenden Nationalbewusstseins gigantische und kontinuierliche Popularität, viel größer als selbst hierzulande Goethe oder in England Charles Dickens. Bis heute besitzt das Epos teilweise politische Wirkung. Kinder, Unternehmen oder Stadtviertel werden mit Begriffen daraus benannt, während einprägsame Textstellen zu Sprichwörtern geworden sind. Leider erweist es sich aber als anstrengend, eine aktuelle deutsche Übersetzung der Kalevala aufzufinden, vielfach sind nur gekürzte Ausgaben oder antiquarische Exemplare erwerbbar. Angesichts der guten Verfügbarkeit vergleichbarer Klassiker eine ziemliche große Lücke und längst überfällig. Immerhin durfte selbst Donald Duck sich schon durch die Feder des Comiczeichners Don Rosa nach dem Sampo machen.

Autor: Niklas Gaube

 

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

„Ich denke nicht, dass man ein Held sein muss um heldenhaft zu handeln, vielleicht muss man einfach nur ein Sturkopf sein um ein Held zu werden.“    Michel Houellebecq – Autor des Romans „Unterwerfung“

Mit diesen Worten würdigte Michel Houellebecq die am 7. Januar 2015 ermordeten Schriftsteller und Karikaturisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, wozu auch einer seiner Freunde Bernard Maris zählte. Am selben Tag publizierte der Autor sein Buch „Unterwerfung“, mit dem er die Ängste der Gesellschaft zum Islam sowie der identitären Bewegung in Frankreich direkt aufgreift.

Die Vorfälle in Paris, welche dem Roman zusätzliche Sprengkraft verliehen, konnte der Autor wohl kaum vorhersehen.

Paris am 07. Januar 2015

Terroristen stürmen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. 14 Menschen kommen dabei ums Leben. Auf dem Titelblatt der damaligen Ausgabe ist der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq mit den ihm in den Mund gelegten Worten „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan“ zu sehen.

Die zeitgleichen Ereignisse in Paris, welche mit der Veröffentlichung des Romans „Unterwerfung“ einhergingen, wirken dabei fast surreal und werfen auf das Buch einen schockierenden Schatten. Und obwohl das Buch nichts mit den Anschlägen in Paris zu tun hat ging das Cover der Zeitschift um die Welt. Schnell kursierten Vorwürfe, es handle sich bei Unterwerfung um ein islamophobes Werk und noch bis heute lebt der Bestseller-Autor unter Polizeischutz. Doch was wollte Houellebecq wirklich mit seinem Buch „Unterwerfung“ bewirken?

Unterwerfung – Worum geht es?

Michel Houellebecq © Wikipedia
Michel Houellebecq

Der umstrittene Autor umschreibt in seinem Roman eine Zukunftsvision Frankreichs im Jahre 2022. Dabei spiegelt er eine völlig dekadente Nation wider in welcher gesellschaftliche sowie moralische Werte austauschbar geworden sind. Der Islam bietet hier mit seinen strengen Prinzipien sowie seinen islamisch, konservativen Vorstellungen von Familie, Religion und dem Verhältnis von Mann und Frau einen Ausweg. Frankreich steht in diesem Jahr zudem kurz vor den Wahlen. Houellebecq spielt nun in Unterwerfung ein sehr realistisches, politisches Machtkampf-Szenario zwischen der rechtsextremen Partei Front National und der muslimischen Partei Ben Abbes durch. In Folge der Wahl des neuen muslimischen Staatspräsidenten Ben Abbes findet in Frankreich eine Änderung der laizistischen Verfassung als auch die Einführung der Polygamie, Scharia, Patriarchat und Theokratie statt.

Parallel zu der politischen Abbildung Frankreichs, erzählt der Autor die Geschichte des 44 jährigen Protagonisten Francois, welcher aus einer katholisch, gebildeten und wohlsituierten, französischen Familie stammt. Als Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor verliert er zunächst seinen Job, da er als Nicht – Konvertit in den Vorruhestand geschickt wird. Der Leser erlebt durch ihn nun bürgerkriegsähnliche Zustände, welche innerhalb der Medienlandschaft vertuscht werden. Seine Freundin, eine deutlich jüngere Studentin, wandert angesichts der Ereignisse in Frankreich gemeinsam mit ihrer Familie nach Israel aus, worauf hin er in zunehmende Einsamkeit abrutscht. Doch ändert sich seine Situation als er von seiner alten Universität ein Angebot unterbreitet bekommt, da renommierte Wissenschaftler durch die Kündigungswelle nach der Machtergreifung Ben Abbes, fehlen. Im Zuge des Angebotes entschließt sich Francois der Karriere wegen zum Islam zu konvertieren und genießt noch unter anfänglichem Hadern des Scharia Zwangs und Co. die Vorteile der Polygamie und eine deutlich besser Bezahlung.

Unterwerfung – Resümee des Werkes

9783832197957Der Leser erlebt mit Hilfe des Romans ein spannendes Polit-Drama. Houellebecqs Genialität liegt darin, dass er die Wahlen von 2022 unter bekannten Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der Demokratie feinfühlig behandelt und genaustens darstellt. Er umschreibt selbstverständlich eine Utopie, doch ist diese aufgrund der realen Persönlichkeiten der aktuellen Politlandschaft in Frankreich, welche in seinem Werk mit richtigen Namen behandelt werden, sehr authentisch dargestellt. Durch die Erlebnisse und eindringlichen Gedankenwelten des Protagonisten kannst du dich in den Prozess der persönlichen, sowie auf der politischen Ebene, stattfindenden Unterwerfung sehr gut einfühlen. Sein Werk greift die Stimmung und Probleme nicht nur Frankreichs, sondern auch ganz Europas auf und regt zum permanenten Nachdenken an. Dem Schriftsteller Michel Houellebecq ist mit Unterwerfung ein Meisterwerk gelungen.

Autor: David B. 

J. F. Cotta: Der Napoleon des deutschen Buchhandels

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Zwei der weltweit bekanntesten deutschen Schriftsteller, Goethe und Schiller, außerdem mit Wieland und Herder die beiden anderen Geistesgrößen des Weimarer Viergestirns. Jean Paul, Fichte, Hölderlin, Hegel, Pestalozzi und Alexander von Humboldt – alle hatten sie denselben Verleger. Im Vergleich zu seinen Autoren, ist sein Name jedoch weniger geläufig: Johann Friedrich Cotta. Wer war der Mann, der die aufklärerischen Ideale und Ideen, viele philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse einer ganzen Epoche unter seinem Haus vereinigte?

Geboren wurde Cotta 1764 in Stuttgart. Er studierte Mathematik, Geschichte, Jura, ehe er mit 23 Jahren die wenig glanzvolle, Cotta’sche Verlagsbuchhandlung seines Vaters in Tübingen übernahm. Obwohl er zunächst wenig Interesse an der Übernahme hatte, formte Cotta in wenigen Jahren aus dem provinziellen Kleinunternehmen den bedeutensten Universalverlag seiner Zeit. Er verlegte über 60 Zeitungen und Zeitschriften, u. a. Schillers Horen, wichtige wissenschaftliche Werke, betrieb einen Kunst- und Landkartenverlag und besonders die Klassiker von Goethe und Schiller hatten eine Strahlkraft über die Landesgrenzen hinaus.

Der Aufstieg der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung

Wie war dieser Aufstieg in kurzer Zeit möglich? Es waren weniger glückliche Umstände als enormer Arbeitsdrang, feiner Charakter, unternehmerisches Genie und politisches Talent. Doch eine glückliche Vermittlung spielte gerade zu Beginn eine wichtige Rolle: 1793 traf Cotta in Tübingen durch Initiative des dortigen Philosophieprofessors und ehemaligen Lehrers von Schiller auf ebendiesen. Aus diesem Treffen entwickelte sich eine enge persönliche Verbindung und Zusammenarbeit mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits weithin bekannten Dichter. Dieser war es dann auch, der den Kontakt zu Goethe und den anderen beiden Weimarern herstellte. Damit war der Grundstein für den Aufstieg der Verlagsbuchhandlung und weiterer Unternehmungen gelegt.

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Nachwirkungen

In seinem umtriebigen Leben, in dem er auch etliche Herausforderungen zu bewältigen hatte, brachte Johann Friedrich Cotta eine Vielzahl an ökonomischen, technischen, kulturellen und politischen Unternehmungen auf die Bahn. Beispiele: Revolutionierung der Drucktechnik durch den Einsatz von Dampfmaschinen, Beteiligungen an einer Papier- und Maschinenfabrik, Erwerb eines Landgutes zur modernen Schafszucht, Gründung einer gemeinnützigen Sparkasse, Beratung und diplomatische Hilfe für Fürsten und Regierende.

Doch besonders seine Leistungen für die deutsche Buchlandschaft sollen uns hier interessieren: Mit hohen Honoraren und zukunftsweisenden Verträgen war er ein Vorkämpfer der Autorenrechte. Das Urheberrecht des Autors und das Besitzrecht des Verlages wurden sorgsam getrennt, was der Kapitalisierung des Gewerbes dienlich war. Er wirkte für Reformen des Buchhandels und setzte sich gegen den Nachdruck und für die Pressefreiheit ein. 1832, im selben Jahr wie Goethe, mit dem er bezüglich den Honoraren auch schon mal aneinander geraten war, starb – inzwischen geadelt – Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf.

Sein Wirken reicht bis in unsere Zeit: Die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung wurde 1977 von der Klett-Gruppe übernommen und firmiert seitdem unter Klett-Cotta, wo u. a. die deutschen Übersetzungen der Werke von J. R. R. Tolkien erschienen sind.

 

Autor: Fabian Schwab

J. R. R. Tolkien: Urvater der Phantastik.

J. R. R. Tolkien: Urvater der Phantastik.

In a hole in the ground there lived a hobbit. So beginnt der erste Roman von John Ronald Reuel Tolkien (1892 – 1973). 1937 legte der britische Schriftsteller, Philologe und Professor für Englische Sprache mit Der Hobbit nicht nur den Grundstein für die einzigartige Welt Mittelerde, sondern auch für die moderne Phantastikliteratur.

Sprachen erfinden – Geschichten entdecken

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Dabei waren The Hobbit und die Trilogie des Herrn der Ringe nicht seine einzigen Werke im Schauplatz Mittelerde. Mit The Silmarillion schuf er seinen Werken ihre eigene Mythologie. Bereits in seiner Jugend zeigte Tolkien eine ausgesprochene Affinität zu Literatur und verschiedensten Sprachen. So gründete er 1911 mit Freunden seinen ganz eigenen Club der toten Dichter: den Tea Club – Barrovian Society, eine informelle Gemeinschaft, die sich regelmäßig traf, um über Literatur zu diskutieren. Hier begann Tolkien ernsthaft eigene Gedichte zu schreiben. Aus seinen Lieblingssprachen – darunter Gotisch, Walisisch und Finnisch – wob er schließlich das, was uns später als Quenya, die Sprache der Hochelben, bekannt werden sollte. Am Institut für englische Sprache und Literatur beschäftigte er sich mit anspruchsvollen, altenglischen Werken. Die ersten zwei Zeilen von Crist – einer Sammlung religiöser Dichtungen aus dem frühen 9. Jahrhundert – des Angelsachsen Cynewulf schienen Tolkien nachhaltig zu beeinflussen:

© Haywood Magee/Picture Post/Getty Images
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Eala Earendel engla beorhtast

ofer middangeard monnum sended.

(Heil dir Earendel, strahlendster Engel,

über Mittelerde den Menschen gesandt.)

1917 verfasste er daraufhin das Gedicht The Voyage of Earendel the Evening Star. Doch seine Geschichten verfasste Tolkien nicht als Ganzes, wie wir uns die Arbeit eines Autors heute vorstellen, sondern er entdeckte sie. Auf die Frage eines Freundes Geoffrey Bache Smith hin, was denn der Hintergrund dieses Gedichts sei, antwortete Tolkien: „I don’t know. I’ll try to find out.“ Das Schreiben als Entdeckungsreise und nicht als Prozess der Neuschöpfung zu verstehen, prägte seine späteren Werke.

Mittelerde entsteht

Im Sommer 1916 wurde Tolkien zum Offizier für Fernmeldewesen einberufen. Am eigenen Leib erfuhr er die Schrecken des Ersten Weltkriegs. Vom Schützengraben in den Genesungsurlaub geschickt erfährt Tolkien schließlich vom Tod seines Freundes Smith und nimmt sich die abschließenden Worte eines letzten Briefes zu Herzen:

„May God bless you, my dear John Ronald, and may you say the things I have tried to say long after I am not there to say them, if such be my lot.“

Tolkien beginnt mit der Erschaffung einer neuen – seiner ganz eigenen – Welt und dem damit verbundenen Sagenzyklus. Seine Erfahrungen aus dem Krieg – der Einbruch des Bösen in eine friedvolle Welt – wird zum Grundthema seiner späteren Werke. Mit The Book of Lost Tales schrieb Tolkien die ersten Teile aus denen später sein mythologisches Werk The Silmarillion entsteht. Mittelpunkt dieses Werkes sind die Schöpfung Mittelerdes durch das gottgleiche Wesen Ilúvatar und die Liebesgeschichte zwischen dem Menschen Beren und der unsterblichen Elbenprinzessin Lúthien. Hier nutzt er nun konsequent seine erfundenen Elbensprachen Quenya und Sindarin.

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In den 1930er Jahren legte Tolkien mit seinem vielbeachteten Vortrag On Fairy-Stories die Grundsätze des später entstehenden Fantasy-Genres fest und machte an die Erschaffung der mit erfolgreichsten Werke des 20. Jahrhunderts: The Hobbit und The Lord of the Rings. Letzteres wurde erst 1954, was zu großen Teilen an Tolkiens – inzwischen Professor für Anglistik – eigenem Perfektionismus lag. Dennoch löste The Lord of the Rings eine richtige Kulturbewegung unter Studenten aus. Tolkien begann an einer Fortsetzung des beliebten Epos zu arbeiten, stellte sie jedoch nicht fertig.

Nach seinem Tod 1973 widmet sich in Deutschland seit 1997 die Deutsche Tolkien Gesellschaft seinen Werken.

 

 

Autorin: Christin Fetzer

Spezial: Papierherstellung – gar nicht mal so grün

Spezial: Papierherstellung – gar nicht mal so grün

Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Kataloge, Prospekte, Werbebeilagen, Broschüren, Flyer, Kalender, Poster und Plakate – dies alles sind so alltägliche Gebrauchsgegenstände für uns, dass wir uns meist überhaupt keine Gedanken machen, wie das materielle Trägermedium, das Papier, produziert wird. Dabei ist die Papierherstellung ein spannendes Thema, besonders der Blick hinter die Kulissen beschert einige Augenöffner, denn dort ist nicht immer alles so blütenweiß wie das Endprodukt.

Steigender Papierkonsum

Seit den 70er Jahren hat sich der weltweite Papierkonsum verdoppelt – Tendenz weiter steigend. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland beträgt rund 250 kg pro Jahr. Damit liegen wir nur noch hinter den Finnen und Amerikaner, aber deutlich über dem weltweiten Durchschnittsverbrauch von 58 kg pro Kopf. Mit steigendem Papierverbrauch nimmt auch die ökologische Belastung weiter zu. Da die Deutschen neben dem hohen Verbrauch, zusätzlich einer der größten Papierproduzenten sind, haben wir an den Umweltbelastungen einen nicht geringen Anteil.

Papierherstellung ist ressourcen- und energieintensiv

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Papiermanufaktur. © B.Bussard, H.Dubois – Commons Wikimedia

Rohstoffe: Über 40% (2 von 5 Bäumen) des weltweiten kommerziellen Holzeinschlags gehen in die Papierherstellung. Deutschland muss diese Rohstoffe zum Großteil importieren, besonders den sogenannten Zellstoff. Woher diese im Einzelnen kommen, ist nicht immer ersichtlich. So gelangen letztlich Papiere, deren Holz zumindest zum Teil aus Raubbau und illegalen Einschlägen stammt, in den Handel. Damit ergibt sich das Hauptproblem: Überall auf der Welt, ob in Kanada, Russland, China, Indonesien und natürlich in Südamerika wurde und wird artenreicher Urwald flächenweise abgeholzt und in leblose Baum-Monokulturen umgewandelt. Eine Untersuchung vom WWF aus dem Jahr 2010 belegt den Zusammenhang: Tropenholz aus Urwäldern wurde in 19 von 51 untersuchten deutschen Kinderbüchern nachgewiesen. Die Bücher werden von deutschen Verlagen in Asien (hauptsächlich China) produziert und nach Deutschland importiert.

Energie: Die Papierherstellung ist sehr energieintensiv. Der Wasserverbrauch ist sogar so groß wie in keiner anderen Industrie. Für die Herstellung von einem Kilogramm Papier werden 100 Liter Wasser benötigt, von denen laut deutschen Herstellern bis zu 90 % wiederverwendbar sind. In den Entwicklungsländern wird dagegen das Abwasser meist ungeklärt in die Gewässer geleitet. Das ist deshalb ein großes Problem, da in diesen Ländern giftige Chemikalien eingesetzt werden.

Angesichts der Konsequenzen unseres Papierkonsums, von denen noch mehr zu nennen wären, stellt sich die Frage, was Unternehmen und jeder Einzelne dagegen unternehmen können. Verbesserungsansätze sind:

– Möglichst oft Recyclingpapier verwenden, da dieses deutlich umweltfreundlicher hergestellt wird.

– Bei Druckerzeugnissen auf Zertifizierungen wie den Blauen Engel achten.

– Konsequente Einschränkung unnötigen Papierkonsums.

Autor: Fabian Schwab