Ein flirrender Traum von Lissabon – „Inquietudo“: Autor Alexander Suckel im Lerche-Interview

Ein flirrender Traum von Lissabon – „Inquietudo“: Autor Alexander Suckel im Lerche-Interview

Man muss es nicht unbedingt lesen, so vermessen bin ich nicht. Aber es lohnt sich, weil man sich darin verlieren kann. Und auch wieder hinausfindet. Hoffentlich.

 

Am ersten Juni 2017 erschien der Debütroman „Inquietudo“ von Alexander Suckel. Grund genug, um mit dem Autor ein Gespräch zu führen, in dem er Rede und Antwort steht.

 

Klappentext zu „Inquietudo“:

Inquietudo Gif
Raffinierte Spiegelspiele als passendes Cover. © Ronny Wenzel

Am Anfang steht eine unerfüllte Liebesgeschichte. Kruse, Ende zwanzig, Pianist in einer Nachtbar, begegnet der TV-Moderatorin Marcenda. Kurz darauf stirbt sie bei einem mysteriösen Autounfall. Kruse flüchtet nach Lissabon, um mit seinem Schmerz allein zu sein. Die Stadt erscheint ihm wie ein Vexierspiegel. Tatsächliche Ereignisse überlagern sich mit sonderbaren und irrealen Vorkommnissen. Er trifft auf Menschen, die längst gestorben sein müssten, und schon bald verschwimmt die Gegenwart zu einer Unform aus Träumen, Phantasien und Realem.

 

 

 

 

Leipziger Lerche: Mit Inquietudo“ haben Sie Ihren Debütroman vorgelegt. Welche Intention bestand für Sie darin, einen Roman zu schreiben und wen möchten Sie mit diesem Buch ansprechen?

Alexander Suckel: Dass es ein Roman wird oder werden könnte, war beim Schreiben nicht abzusehen. Ich wollte ein paar Geschichten zu Papier bringen, die mich umgetrieben haben. Angesprochen könnte sich fühlen, wer von Literatur mehr als bloße Beschreibung des Alltags erwartet und wer – wie die Figuren des Buches – mitunter auch nicht immer zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden weiß.

 

Abseits des Klappentextes – könnten Sie für unsere Leser kurz umreißen, warum man Ihr Buch unbedingt lesen sollte?

Man muss es nicht unbedingt lesen, so vermessen bin ich nicht. Aber es lohnt sich, weil man sich darin verlieren kann. Und auch wieder hinausfindet. Hoffentlich.

 

Würden Sie sich selbst mit dem Pianisten Kruse identifizieren bzw. wie viel Alexander Suckel steckt in Kruse?

Ich identifiziere mich mit all meinen Figuren, vor allem mit den Weiblichen. Und also wohnt jeder Figur ein Teil des Autors inne.

 

Gibt oder gab es in Ihrem Leben auch eine Marcenda?

Sonst gäbe es das Buch nicht.

 

Lissabon ist der Haupthandlungsort Ihres Romans. Stehen Sie in einer besonderen Beziehung zu dieser Stadt?

Ich habe dort für ein paar Monate als junger Mensch gelebt. Es ist das Ende von Europa, den Atlantik im Rücken oder vor Augen. Beides schärft den Blick fürs Wesentliche. Der Fisch ist gut, der Wein ist billig, die Menschen friedlich, die Straßen unübersichtlich und meistens scheint die Sonne. Außer zu Weihnachten. Da regnet es. Was will man mehr vom Leben?

 

In einer Stelle des Buches schreiben Sie sinngemäß, dass sowieso niemand den Unterschied zwischen einem Boogie und einem Bepob kennt. Würden Sie unseren Lesern eventuell einen kleinen musikalischen Exkurs geben?

Einen Boogie können Sie auf der Weihnachtsfeier eines Versicherungsunternehmens spielen. Mit einem Bebop sprengen Sie die Veranstaltung.

 

Wie lange hat es gedauert, bis Ihr Roman von einem Verlag angenommen wurde, oder war der Mitteldeutsche Verlag Ihre erste Wahl?

Ich habe es nur dem Mitteldeutschen Verlag zu Lesen gegeben. Das war der Beginn einer hoffentlich langen und wunderbaren Freundschaft.

 

Planen Sie bereits einen neuen Roman?

Ja.

 

Aktuell Leben Sie in Halle und Leipzig. Wo lebt es sich für Sie am besten?

Im Stau auf der A14. Ansonsten in Lissabon.

 

Zum Schluss würde ich Sie bitten, unseren Lesern vielleicht noch einen kleinen Tipp für den nächsten Theaterbesuch zu geben.

„Piraten!“ und „Ewig Jung“, zwei Liederabende am neuen Theater Halle.

 

Herr Suckel, ich danke Ihnen für Ihre Zeit und das aufschlussreiche Gespräch.

 

Über Alexander Suckel:

Pic Alexander Suckel
Alexander Suckel, Autor von „Inquietudo“. © Anna Kolata

Alexander Suckel wurde 1969 in Halle geboren, studierte Musikwissenschaften und Opernregie in Halle und Berlin und arbeitete als Moderator und Autor fürs Radio. Seit 1995 ist er als Musiker, Dramaturg, Autor und Regisseur an vielen deutschen Theatern tätig. Außerdem lehrt er als Dozent an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie der Hochschule für Musik und Theater, Leipzig und schreibt für verschiedene Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Suckel lebt in Halle und Leipzig.

 

 

 

 

 

 

Pic Inquietudo 2
© Ronny Wenzel

„Inquietudo“

mitteldeutscher verlag

ISBN: 978-3-95462-914-5

EUR 12,95 (D)

208 Seiten

www.mitteldeutscherverlag.de

  

 

 

 

Autor: Ronny Wenzel

Dangerous Minds in Literature Vol.2 – Hunter S. Thompson

Dangerous Minds in Literature Vol.2 – Hunter S. Thompson

Hunter S. Thompson, geboren im guten und hochgebildeten Hause einer Südstaatenfamilie, war zwar gebildet, pflegte bei weitem aber nicht das Leben, welches man in seinen Kreisen üblicherweise einschlug. Thompson lebte auf der Überholspur –  sein ewiger Begleiter „Geschwindigkeit“. Einer seiner Leitsprüche: „Ich muss mich massiv zuknallen“. Er liebte Drogen, Alkohol, Football und das Schreiben, wobei man letzteres auch ab und zu als Hassliebe von Thompson ansehen kann.

„Einzig wichtig ist jetzt noch zu Fear and Loathing anzumerken, dass das Schreiben Spaß machte, und das ist selten – zumindest bei mir, denn ich habe die Schreiberei schon immer als den hassenswertesten aller Jobs angesehen. Vielleicht gleicht es darin dem Ficken – es macht nur den Amateuren Spaß. Alte Huren haben nicht viel zu kichern.“

– Hunter S. Thompson

 

Thompson der Schriftsteller

Pic Hunter S. Thompson
Hunter S. Thompson in Aktion. © wikimedia commons

Der junge Hunter begeisterte sich schon früh für Literatur und engagierte sich unter anderem bei seiner eigenen kleinen Zeitung und einer Literatur-Vereinigung, von welcher er jedoch wegen einer 60-tägigen Haft ausgeschlossen wurde. Er arbeitete danach überwiegend als Sportreporter, unter anderem für seine Kasernenzeitung, die El Sportivo und als Korrespondent für den National Observer.

Im Jahr 1965 kontaktierte der Herausgeber der Zeitschrift The Nation Thompson, um ihn für eine Reportage über die Hells Angels zu begeistern. Thompson verfasste diesen in einer bewusst subjektiven und direkten Art und Weise, woraufhin mehrere Verlage auf ihn aufmerksam wurden und Interesse an dem Buch über die Hells Angels zeigten. Daraufhin verbrachte er fast ein Jahr mit dem Motorradclub. Das daraus resultierende Buch erschien 1966 bei Random House und wurde zum Sprungbrett für Thomspson, denn nun druckten mehrere Zeitungen und Zeitschriften seine Artikel und er konnte endlich vom Schreiben leben.

Eine seiner womöglich wichtigsten und interessantesten Stationen verbrachte er beim Rolling Stone Magazine. Thomspon gehörte schon frühzeitig zu den Autoren des Magazins und entwickelte seinen eigene Art zu schreiben. Der Gonzo–Journalismus war geboren. Weitere wichtige Werke Thompsons waren unter anderem Fear and Loathing in Las Vegas oder The Rum Diary.

Pic Las Vegas Sign
Fear and Loathing in Las Vegas © Pexels/pixabay

Das Leben des Hunter S. Thompson

Das Leben des Hunter S. Thompson lässt sich als eine Aneinanderreihung von Höhen und Tiefen beschreiben, eine Verkettung von Euphorie und Depression, eine Paarung aus Verzweiflung und Zufriedenheit.

Er nahm sein Leben selbst in die Hand und wollte „richtig leben“. Er blieb sich und seiner Linie treu, selbst zum Zeitpunkt seines Todes. Thompson war kein einfacher Zeitgenosse, pflegte aber viele Freundschaften unter anderem zu Keith Richards, Bob Dylan, Jack Nicholson und Johnny Depp.

Er nahm bis zuletzt selbstbestimmt sein Leben in die Hand. So auch am 20.2.2005, als er sich an seinem Schreibtisch in Woody Creek durch einen Kopfschuss das Leben nahm. Dies geschah weder aus Verzweiflung noch Depressionen oder Schwierigkeiten. Er wollte einfach zum richtigen Zeitpunkt, seiner Meinung nach, abtreten. Es grenzt an ein medizinisches Wunder, dass Thompson nicht schon früher gestorben ist, bedenkt man die Unmengen an Alkohol und Drogen, die er sich allein innerhalb eines Tages einverleibt hatte. Hier ein Tag aus dem Leben des Hunter S. Thompson:

3:00 p.m.: Rise

3:05 p.m.: Chivas Regal with the morning paper, Dunhills

3:45 p.m.: Cocaine

3:50 p.m.: Another glass of Chivas, More Dunhills

4:05 p.m.: First cup of coffee, Dunhill

4:15 p.m.: Cocaine

4:16 p.m.: Orange juice, Dunhill

4:30 p.m.: Cocaine

4:54 p.m.: Cocaine

5:05 p.m.: Cocaine

5:11 p.m.: Coffee, Dunhills

5:30 p.m.: More ice in the Chivas

5:45 p.m.: Cocaine, etc.

6:00 p.m.: Weed to take the edge off

7:05 p.m.: Lunch of Heineken, two margaritas, coleslaw, taco salad, double order of fried onion rings, carrot cake, ice cream, a bean fritter, Dunhills, another Heineken, cocaine, and a snow cone for the ride home (a glass of shredded ice with Chivas poured on top).

9:00 p.m.: Starts snorting cocaine seriously

10:00 p.m.: Drops acid

11:00 p.m.: Chartreuse, cocaine, and weed

11:30 p.m.: Cocaine, etc.

12:00 a.m.: Time to write

12:05-6:00 a.m.: Chartreuse, cocaine, weed, Chivas, coffee, Heineken, clove cigarettes, grapefruit, Dunhills, orange juice, gin, and porn watching

6:00 a.m.: In the hot tub, champagne, Dove bars, and fettuccine alfredo

8:00 a.m.: Halcyon

8:20 a.m.: Sleep

Quelle: Carroll, E. Jean (2011-10-04). Hunter: The Strange and Savage Life of Hunter S. Thompson (Kindle Locations 196-221).

Keine letzten Worte. Kein letztes Lebewohl. Er ging, wie er gekommen war: Mit einem Knall. Das ist sehr wörtlich zu nehmen. Thompson wurde nämlich, so wie er es wollte, auf seinem Anwesen in Woody Creek bestattet. Die Beerdigung war jedoch nicht wie jede andere, sonst wäre es auch nicht die Beerdigung des Hunter S. Thompson gewesen. Denn seine Asche wurde weder verstreut, noch in einer Urne beigesetzt. Sie wurde durch eine Kanone in alle Himmelsrichtungen gefeufert.

Sieben Monate nach seinem Tod erhielten dann doch seine Frau und alle Leser des Rolling Stone Magazins unerwartet die letzten Worte des Hunter S. Thompson:

„Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. Kein Spaß mehr. Kein Schwimmen mehr. 67. Das ist 17 Jahre nach 50. 17 mehr als ich brauchte oder wollte. Langweilig. Ich bin nur noch gehässig. Kein Spaß – für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann` dich – dies wird nicht wehtun.“

 

Autor: MK

 

 

 

Medien in der Vertrauenskrise: wirklich nur dumme Konsumenten?

Medien in der Vertrauenskrise: wirklich nur dumme Konsumenten?

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten setzt diesem Jahr einen bitteren Abschluss und stürzte die Medien einmal mehr in Selbstzweifel: Nach dem Präsidenten-Votum in Österreich, dem Brexit und mehreren deutschen Landtagswahlen hatten sie erneut den Ausgang einer bedeutenden politischen Weichenstellung grundlegend falsch eingeschätzt. Warum nur hörten die Leser und Zuschauer nicht mehr auf die durchaus begründeten Warnungen? Wieso entzieht sich das Handeln breiter Bevölkerungsschichten zunehmend jeder Rationalität?

Da es noch relativ neu ist, hat dieses Phänomen bisher kaum Aufmerksamkeit durch die Wissenschaft erfahren, und so gleicht die Suche nach den Gründen manchmal eher einem Ratespiel. Vor allem in den USA wird gern der Kampfbegriff „White Trash“ ins Feld geführt. Demzufolge sind viele Menschen einfach zu ungebildet und egoistisch, um eine Situation aus einer anderen Perspektive als ihrer eigenen zu bewerten. Ihnen fehlt die Fähigkeit für offenes und kritisches Denken, geleitet von Fakten und nicht von Gefühlen oder Doktrinen. Hierzulande etabliert sich für diese Entwicklung gerade der Begriff einer „postfaktischen Gesellschaft“, welcher eben erst zum Wort des Jahres gewählt wurde. Doch ist das nicht eine ziemliche Milchmädchenrechnung? Kulturpessimismus hin oder her, aber mehr oder weniger die Hälfte der Einwohner jedes größeren westlichen Landes als dumm und charakterschwach zu bezeichnen, sollte zumindest in eben jenen seriösen Medien nicht ohne handfeste Beweise in Form von Zahlen vorkommen. Auch wenn es vielleicht näher an der Realität sein mag als uns lieb ist. Selbst wenn, so wäre es zumindest ein Alarmsignal über den Zustand des Bildungssystems.

Nur die Schattenseite des Informationszeitalters?

bild rachel botsman
Rachel Botsman

Es fehlen, bei all dieser Hysterie, ein wenig die Gegenpositionen. Ideen, die das Geschehen aus einem komplett anderen Blickwinkel betrachten wollen. Im Sinne der journalistischen Vielfalt daher heute einmal ein etwas philosophischer Gedanke der britischen Publizistin Rachel Botsman, die an der Universität in Oxford einen Lehrstuhl in kollaborativer Ökonomie innehat. Sie sieht die derzeitige Entwicklung lediglich als Nachteil des 21. Jahrhunderts, als andere Seite der Medaille der Informationsfreiheit. Ihr zufolge gleiche Vertrauen einer Währung, die zwischen fremden Menschen gehandelt wird, um Bedürfnisse zu erfüllen. Die Merkmale dieser Währung ändern sich gerade, hauptsächlich dank des Internets. Früher konnte Vertrauen in erster Linie außerhalb des Bekanntenkreises nur von großen Institutionen bereitgestellt werden: Unternehmen, den Medien, der Politik. Nur diese verfügten über die Ressourcen, welche erforderlich waren um Vertrauen zu jedwedem Menschen aufzubauen und sicherzustellen (wie z.B. durch einen Kundendienst, Geld für Recherchen, Sicherheit mittels Polizei etc.). Durch das Internet ist es aber jedermann möglich, sehr preiswert Vertrauen in das Unbekannte zu kreieren, und Start-Ups wie BlaBlaCar sind mit diesem Geschäftsmodell groß geworden. Dadurch ändern sich aber auch die Charakteristika von Vertrauen, alles ist schnell verfügbar, nicht mehr von vorbestimmten Routinen abhängig und transparenter. Die negativen Begleiterscheinungen: Vertrauen lässt sich z.B. mit einer hübschen Website schnell erschleichen. Die Urheber sitzen immer anonym hinter einem weit entfernten Bildschirm, einen windigen Autohändler konnte man zumindest noch „live“ einschätzen.

Der neue Informations-Marktplatz: Für jeden alles

So wird Vertrauen chaotischer und unberechenbarer. Botsmans Theorie auf die Medien angewandt bedeutet, dass jeder im Internet jedwede Nachrichten und Meinungen publizieren kann, und jeder wird ein für ihn individuell passendes Informations-Angebot finden. Unabhängig von der Qualität eines Beitrages, irgendein anderer wird ihn lesen und glauben. Dadurch entsteht eine weitaus vielfältigere Palette an Weltbildern, deren Differenzen untereinander sehr fein abgestuft sind. Anders gesagt: wo es früher zwei oder drei wichtige Tageszeitungen gab, sind nun zusätzlich noch Webmagazine, Youtubekanäle und Newsblogs dazugekommen. Die Menschen mögen vielleicht weniger die Inhalte der etablierten Medien konsumieren, aber das ist nicht automatisch ein großangelegter Vertrauensverlust. Viel gefährlicher ist zurzeit, dass jene neuen Informationsräume hauptsächlich von sinisteren Marktschreiern eingenommen wurden, die vor allem durch ihre Lautstärke auffallen. Werden diese Plätze den Demagogen überlassen, ist es nur logisch, dass die Menschen sich an ihnen orientieren – einfach, weil es dort lange Zeit keine anderen Anbieter gab. Schließlich war selbst noch vor zehn Jahren das Internet für viele alteingesessene Zeitungen und TV-Sender ziemliches Neuland, als Youtuber schon Millionen erreichten. Wenn sich jene etablierten Medien dann als einzig verlässliche Quelle inszenieren und weiterhin eine unangefochtene Führungsrolle für sich beanspruchen, vergraulen sie erst Recht all jene, die auch außerhalb bekannter Gestade nach Informationen über das Tagesgeschehen suchen.

Wenn diese Schlussfolgerungen etwas provozierend wirken – nun, dann haben sie zumindest ihr Ziel erreicht. Es wird dringend notwendig, abseits gesellschaftlicher Untergangsprophezeiungen auch unkonventionellen Erklärungen Beachtung zu schenken. Diffuse finstere Kräfte anprangern ist natürlich bequemer. Aber wir brauchen eine vielfältige Diskussion, um auch im 21. Jahrhundert eine Medienlandschaft zu formen, die Gesellschaften stützt statt sie zu zerstören.

Autor: Niklas Gaube

Der Rote Knebel – Journalismus in China

Der Rote Knebel – Journalismus in China

 

„Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“

Johann Gottfried Herder

China: Wer denkt bei diesem Land nicht sofort an uralte Hochkulturen sowie Religionen,  Erfinderreichtum und freundliche Menschen. Doch das sogenannte Reich der Mitte befindet sich heute in vielen Belangen in einem katastrophalen Zustand.

China im Jahr 2016 ist seit der Niederschlagung seiner studentischen Demokratiebewegung im Jahr 1989 weiterhin unter einem autoritären, sozialistischen Einparteiensystem, welche von der kommunistischen Partei (KPCh) unter dem Staatschef Xi Jinping seit 2013 geleitet wird. Diese zensiert die Medien sowie das Internet, kontrolliert die Rechtsanwendung und die Justiz. Bei der Auswahl seiner politischen Führer verfügt das Volk über keinerlei Rechte. Auch sind die Freiheitsrechte in Sachen Meinungsfreiheit, Religions- und Reisefreiheit stark eingeschränkt. Die Medien und Presselandschaft muss unter den Missständen schwer leiden.

Pressefreiheit im Reich der Mitte – Was darf ein Journalist?

„Alles, solange er sich an Chinas Gesetze hält.“ So drückte sich ein Beamter des Pekinger Außenministeriums aus, welcher einen Journalisten der Welt auf einen Kaffee einlud, um über die Pressefreiheit Chinas zu sprechen. Doch die Liste der politischen Grauzonen, über welche Journalisten nicht berichten dürfen, ist lang. Hierzu gehört die Lage verfolgter Mönche in Tibet, das Verbot der Kontaktaufnahme zu Anhängern des Dalai Lama sowie zu Familienangehörigen von Dissidenten. China befindet sich laut „Reporter ohne Grenzen“ in der Pressefreiheit auf Platz 176 von 180 Ländern. (Stand September 2016). Weltweit zählt es die meisten inhaftierten Journalisten sowie Internet-Blogger.  23 Journalisten und 84 Online-Aktivisten und Bürgerjournalisten sitzen derzeit hinter Gittern. Der Staatsapparat kontrolliert den gesamten Journalismus. Keine Information oder Recherche darf unkontrolliert an ausländische Medien weitergeleitet werden. Jedes Interview bedarf eines Antrags auf Berechtigung, welche in den meisten Fällen abgelehnt werden. Die chinesische Firewall blockiert viele Webseiten. Facebook, Youtube oder Twitter stehen dem Volk nicht zur Verfügung. Völlige Abschottung des Volkes lautet das Kredo der chinesischen Regierung.

Zahlreiche Künstler, Journalisten sowie Autoren leben im Exil. Darunter der seit 2011 in Berlin lebende Buchautor, Dichter und Untergrundmusiker Liao Yiwu. Die Geschichte des Schriftstellers macht die politische Lage Chinas sowie das Verbot des investigativem Journalismus deutlich.

liao yiwu
Liao Yiwu, © https://commons.wikimedia

 

Verfehmt, verjagt, unterdrückt

Liao Yiwu zählte bereits in den 80er Jahren zu Chinas bekanntesten Dichtern und Autoren und schrieb regelmäßig für die Untergrund-Literaturszene. Da seine Werke stets im Stil westlicher Lyrik verfasst waren, stand sein Name schon 1987 auf der Liste der kommunistischen Regierung. In diesem Jahr widmete Liao sein Gedicht „Massaker“ den Ereignissen des vierten Juni 1989 am Tian’anmen-Platz, bei welchem die studentische Protestbewegung für Demokratie zerschlagen wurde. Im folgenden Jahr wurde, nach seinem Versuch einen Film über den Vierten Juni zu drehen, seine Filmcrew sowie seine schwangere Frau verhaftet. Liao wurde wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Erlebnisse verarbeitete er in dem Buch „Interviews with People from the Bottom Rung“ (dt: „Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft“),  welches auf Gesprächen mit sozial Ausgestoßenen basiert. Nach einem großen Erfolg des Buches sowie der positiven Kritik, „das Buche gebe denjenigen eine Stimme, welche sonst nicht gehört, sondern unterdrückt würden“, wurde das Buch von chinesischen Behörden verboten, der herausgebende Verlag bestraft sowie Mitarbeiter entlassen. Liaos Name darf seitdem in den chinesischen Medien nicht mehr genannt werden. Nachdem ihm die Einreise nach Deutschland und damit die Teilnahme an Buchmessen mehrmals verweigert wurde, wandte sich Liao 2010 in einem offenen Brief an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit der Bitte, Ihre außenpolitischen Einflüsse für eine Einreise zum Literaturfestival lit Cologne in Köln zu ermöglichen. Im Jahr 2011 haben die chinesischen Behörden Liao verboten, seine Werke im ausländischen Raum zu vorzutragen.

Seit 2011 lebt Liao nach seiner Flucht über Vietnam im Exil in Berlin und erhielt 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Geschichte ist ein trauriges Beispiel für die Situation und die menschenrechtliche Entwicklung Chinas. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass dieses Land seinen Weg zur politischen Mitte wieder findet.

Autor: David Barthelmann

Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

„Aber welcher Ruhm wartete meiner, wenn es mir gelang, die Krankheiten vom menschlichen Geschlechte fernzuhalten und jeden unverletzlich zu machen.”, schwelgt Frankenstein noch verklärt vor sich hin, bevor er in Nürnberg einige Kapitel später (filmisch gern mit einem bebenden „Leeeebe!!!” inszeniert) sein Monster aus zusammengeflickten, elektrisierten Leichenteilen erweckt. Während Frankenstein in Bälde Zweifel an seiner Schöpfung kommen, sucht diese nach Liebe, wird mit Mistgabeln und Fackeln gemobbt, schwört Rache an ihrem „Vater“ und eskaliert.

Der Wunsch Krankheit und gar den Tod zu bezwingen ist ein kulturelles Leitmotiv. Die Blinden sehend, die Lahmen gehend zu machen, ist mehr noch als theologische Mythenbildung Ziel der Wissenschaft, die aus dem Unverstehen der Zeitgenossen mystizistische Blüten treibt und Stoff literarischer Verarbeitung wird. Während in Mary Shelleys Zeiten der morbide Charme der Anatomie die Fantasie beflügelte, findet auch die Gegenwartsliteratur ihre Inspiration in den Errungenschaften moderner Forschung, wie etwa Thea Dorns Anfang des Jahres erschienener Roman „Die Unglückseligen“ bezeugt. Freilich gebärdet sich die heutige Forschungsarbeit und damit die literarische Aufarbeitung subtiler als die eindrückliche Zerstückelung von Verstorbenen und das Zusammenpuzzeln ihrer Teile. Die Axt sowie Nadel und Faden wurden durch das CRISPR/Cas9-System ersetzt.

Es geht halt nicht immer mit dem Teufel zu

CRISPR klingt erstmal nach Frühstücksflocken, sind aber Teile des Erbguts von Bakterien, die für Resistenzen gegen Viren sorgen. Und weil der Mensch ein Mikrokosmos für Bakterien ist, hat er alle Veranlassung CRISPR toll zu finden. Das CRISPR/Cas9-System wiederum ist eine seit 2012 angewandte Methode, um DNA-Stränge – perspektivisch auch von Menschen – zu zerschneiden, ggf. mit dem Ziel Gene zu ergänzen, zu manipulieren oder zu entfernen. So könnten beispielsweise Erbkrankheiten beseitigt oder gar richtig fiese Gene verändert werden, die für Schlupflider, Faltenbildung und eventuell gar Altern im Allgemeinen sorgen. Kurzum: es geht um die Zukunft von Menschheit und Menschsein.

Ob des gesellschaftlichen Unwissens oder Desinteresses um diese Entwicklung veröffentliche Dorn kürzlich einen Artikel auf ZEIT Online, in dem sie ihr Unverständnis über eben diesen Mangel an Auseinandersetzung mit der sogenannten „roten Biotechnologie“ äußert. Im Gegensatz zur Genmais-Kontroverse („grüne Biotechnologie“) käme die öffentliche Diskussion über genetische Eingriffe beim Menschen zu kurz.

Bild Dorn Buch
Thea Dorns neuestes Werk: ein Mash-Up aus Frankenstein, Faust und etwas Dan Brown.

Bereits Dorns Roman, dessen Protagonistin, eine Biotechnologin, in bester frankensteinscher Manier danach trachtet Krankheit und Tod zu bezwingen, wirft die Frage auf, ob die Schöpfung oder das Handeln selbst monströser, teuflischer, ist. Erwähnte Biotechnologin trifft auf einen ominösen Mann, der behauptet, im Jahr 1776 geboren und des ewigen Lebens mittlerweile überdrüssig zu sein. Es entwickelt sich eine Tändelei. Sie möchte seine DNA analysieren, die Unsterblichkeit entschlüsseln (was definitiv romantisch ist) und schließlich fliehen sie vor einem drohenden Akademikermob nach Deutschland. Warum Deutschland? Weil – so deutet es der Klappentext an – Deutschland Faustland ist, „Die Unglückseligen“ sich, nicht zuletzt dank der Präsenz einer teuflischen Entität, in die Faust-Tradition stellt und sie fortführt. Des Teufels bedient sich Dorn als scheinbar einziger vernunftbegabter Instanz, die dem affektierten Treiben nicht ohne Hoffnung auf einen ihr genehmen Ausgang zuschaut. Es scheint als würde sie nur dem ultraschlauen Höllenfürsten die Kompetenz zuschreiben, die wahre Tragweite der Unsterblichkeitsforschung zu (er)kennen.

So ist es doch prinzipiell nicht verwunderlich, dass der von Dorn geforderte „Aufschrei“ ausbleibt, stoßen sich schlichtere als die teuflischen Gemüter bereits an der Abstraktion: weg vom Hantieren mit Leichenteilen hin zur DNA-Manipulation, gleichwohl beides in der Reflexion zeitgeistige Zukunftsangst repräsentierte und repräsentieren kann. Das Thema muss nur populärer auf‘s Tableau – drohende Freiheit von Krankheit und Tod ist zu positiv. Wo bleibt der Schaden, der den Volkszorn entfacht?

Geht’s auch infernal-banal?

Vielleicht könnte Dorn deshalb hoffen, wenn in deutschen Kinos am 13. Oktober 2016 die Verfilmung von Dan Browns 2013 erschienenem „Inferno“ anläuft. Auch diesmal geben sich in bester Brown’scher Fasson Antagonismen und Gleichnisse in Religion, Wissenschaft und Humanismus ein Stelldichein. Freilich wieder mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Am Ende ((Achtung, Spoiler!) ist es ausgerechnet ein menschgemachtes, mithilfe einer DNA-Schere erzeugtes Mutagen, das einen Großteil der Erdenbürgerinnen und -bürger unfruchtbar macht. Das Ziel des Schurken: der Überbevölkerung Herr zu werden und damit die menschliche Spezies zu retten. Frankenstein, ick hör dir crisprn. Bei Brown zugegebenermaßen massenkompatibler als bei Dorn in Buch und ZEIT. Man stelle sich das am 13. Oktober in einem deutschen Kinosaal vor:

Dunkelheit und Stille. Wer nicht ohnehin gebannt auf die Schwärze der Leinwand starrt (und sich fragt, wie Tom Hanks mit 60 noch so fit aussehen kann), schrickt mit einem Grunzen aus dem Schlaf und sieht am Ende des Films die Worte: „Im Jahr 2012 haben Wissenschaftler erstmals eine neue Methode angewendet um DNA zu manipulieren.“ Manche Kinobesucher werden womöglich jetzt schon versucht sein lieber schnell noch das eigene Erbgut weiterzugeben, ehe es zu spät ist. Dann weiter: „Im Gegensatz zu früheren Möglichkeiten kann CRISPR/Cas9 unter vergleichsweise günstigen Bedingungen in vielen Laboratorien angewendet werden.“ Die dumpfe Hoffnung, dass dies nur plumpe Angstmacherei ist, zerschlägt sich mit den Worten: „Das Science-Magazin ernannte das CRISPR/Cas9-System zum Durchbruch des Jahres 2015.“ Wer jetzt also nicht reproduktiv agiert, wird sich Babys bald nur noch aus dem Katalog bestellen können, aber: „Immerhin“, wird man sich triumphierend denken, „an Überbevölkerung sterb‘ ich nicht!“

Hm, ob das mal zur Debatte reicht? Womöglich kann sich der Geist des Sehenden nicht an all den mehr oder weniger schaurigen Aussichten entzünden, die ihm die Literaten der Zeit so flammend vorwerfen. Shelley, Goethe, Brown und Dorn stimmen nachdenklich, schockieren vielleicht, aber rütteln nicht wach. Selbst das Lassen-Sie-uns-mal-ernst-werden in einem Onlinemedium bleibt wenig mehr als Unterhaltung, die schon ganz schwere Geschütze auffahren muss, um einen großen Diskurs loszutreten. Wenn sich Dorn also nicht öffentlichkeitswirksam ein Gen-Baby made in China anschafft, wird sich das deutsche Gemüt nicht regen.

Gegebenenfalls genügt ja aber schon ein Bekloppter, der sich Zebrafisch-Gene in der DNA platzieren lässt und das Schwarz-Weiß-Denken zur Gentechnik so eindrücklich viral gehen lässt. Dass dies jedoch in Faustland passiert, darf – so auch die bittere Erkenntnis des Teufels in „Die Unglückseligen“ – bezweifelt werden. Da vermutlich noch etwas Zeit vergeht, bis mithilfe des CRISPR/Cas9-Systems das Gen für Kleingeistigkeit aus der menschlichen DNA entfernt wird, bleibt an dieser Stelle nur Thea Dorns berechtigtem Wunsch zur Diskussion Unterstützung angedeihen zu lassen. Da Mary Shelley zeigt, dass auch der Mob ein bisschen Monster ist, halten wir es mit ihr und dem elektrisierenden Weckruf an die Geisteskraft der Deutschen:

„Leeeebe!!!“

 

Autor: Martin Mai

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

Wie viel Utopie steckt hinter „Unterwerfung“?

„Ich denke nicht, dass man ein Held sein muss um heldenhaft zu handeln, vielleicht muss man einfach nur ein Sturkopf sein um ein Held zu werden.“    Michel Houellebecq – Autor des Romans „Unterwerfung“

Mit diesen Worten würdigte Michel Houellebecq die am 7. Januar 2015 ermordeten Schriftsteller und Karikaturisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, wozu auch einer seiner Freunde Bernard Maris zählte. Am selben Tag publizierte der Autor sein Buch „Unterwerfung“, mit dem er die Ängste der Gesellschaft zum Islam sowie der identitären Bewegung in Frankreich direkt aufgreift.

Die Vorfälle in Paris, welche dem Roman zusätzliche Sprengkraft verliehen, konnte der Autor wohl kaum vorhersehen.

Paris am 07. Januar 2015

Terroristen stürmen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo. 14 Menschen kommen dabei ums Leben. Auf dem Titelblatt der damaligen Ausgabe ist der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq mit den ihm in den Mund gelegten Worten „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan“ zu sehen.

Die zeitgleichen Ereignisse in Paris, welche mit der Veröffentlichung des Romans „Unterwerfung“ einhergingen, wirken dabei fast surreal und werfen auf das Buch einen schockierenden Schatten. Und obwohl das Buch nichts mit den Anschlägen in Paris zu tun hat ging das Cover der Zeitschift um die Welt. Schnell kursierten Vorwürfe, es handle sich bei Unterwerfung um ein islamophobes Werk und noch bis heute lebt der Bestseller-Autor unter Polizeischutz. Doch was wollte Houellebecq wirklich mit seinem Buch „Unterwerfung“ bewirken?

Unterwerfung – Worum geht es?

Michel Houellebecq © Wikipedia
Michel Houellebecq

Der umstrittene Autor umschreibt in seinem Roman eine Zukunftsvision Frankreichs im Jahre 2022. Dabei spiegelt er eine völlig dekadente Nation wider in welcher gesellschaftliche sowie moralische Werte austauschbar geworden sind. Der Islam bietet hier mit seinen strengen Prinzipien sowie seinen islamisch, konservativen Vorstellungen von Familie, Religion und dem Verhältnis von Mann und Frau einen Ausweg. Frankreich steht in diesem Jahr zudem kurz vor den Wahlen. Houellebecq spielt nun in Unterwerfung ein sehr realistisches, politisches Machtkampf-Szenario zwischen der rechtsextremen Partei Front National und der muslimischen Partei Ben Abbes durch. In Folge der Wahl des neuen muslimischen Staatspräsidenten Ben Abbes findet in Frankreich eine Änderung der laizistischen Verfassung als auch die Einführung der Polygamie, Scharia, Patriarchat und Theokratie statt.

Parallel zu der politischen Abbildung Frankreichs, erzählt der Autor die Geschichte des 44 jährigen Protagonisten Francois, welcher aus einer katholisch, gebildeten und wohlsituierten, französischen Familie stammt. Als Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor verliert er zunächst seinen Job, da er als Nicht – Konvertit in den Vorruhestand geschickt wird. Der Leser erlebt durch ihn nun bürgerkriegsähnliche Zustände, welche innerhalb der Medienlandschaft vertuscht werden. Seine Freundin, eine deutlich jüngere Studentin, wandert angesichts der Ereignisse in Frankreich gemeinsam mit ihrer Familie nach Israel aus, worauf hin er in zunehmende Einsamkeit abrutscht. Doch ändert sich seine Situation als er von seiner alten Universität ein Angebot unterbreitet bekommt, da renommierte Wissenschaftler durch die Kündigungswelle nach der Machtergreifung Ben Abbes, fehlen. Im Zuge des Angebotes entschließt sich Francois der Karriere wegen zum Islam zu konvertieren und genießt noch unter anfänglichem Hadern des Scharia Zwangs und Co. die Vorteile der Polygamie und eine deutlich besser Bezahlung.

Unterwerfung – Resümee des Werkes

9783832197957Der Leser erlebt mit Hilfe des Romans ein spannendes Polit-Drama. Houellebecqs Genialität liegt darin, dass er die Wahlen von 2022 unter bekannten Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten der Demokratie feinfühlig behandelt und genaustens darstellt. Er umschreibt selbstverständlich eine Utopie, doch ist diese aufgrund der realen Persönlichkeiten der aktuellen Politlandschaft in Frankreich, welche in seinem Werk mit richtigen Namen behandelt werden, sehr authentisch dargestellt. Durch die Erlebnisse und eindringlichen Gedankenwelten des Protagonisten kannst du dich in den Prozess der persönlichen, sowie auf der politischen Ebene, stattfindenden Unterwerfung sehr gut einfühlen. Sein Werk greift die Stimmung und Probleme nicht nur Frankreichs, sondern auch ganz Europas auf und regt zum permanenten Nachdenken an. Dem Schriftsteller Michel Houellebecq ist mit Unterwerfung ein Meisterwerk gelungen.

Autor: David B. 

Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Fernsehmoderator und Publizist Roger Willemsen ist tot und hat damit bedauernswerterweise das letzte Ende seiner Welt gefunden. Mit gerade einmal 60 Jahren erlag er den Folgen seiner erst im August 2015 diagnostizierten Krebserkrankung. Er hinterlässt weder eine Frau noch Kinder, aber dafür ein beeindruckendes Lebenswerk.

Willemsen galt als einer der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland. Er beschäftigte sich schon früh als Kind mit den Werken des Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett und studierte später dann Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, München, Wien und Florenz. Nach Abschluss seines Studiums promovierte er über die Literaturtheorie von Robert Musil. Anschließend arbeitete er ca. drei Jahre als Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten in London.
Mit seinem Ende der 80er erschienenen Buches „der Selbstmord“ wurde er zwar nicht zum Bestsellerautor, dafür jedoch mit Titeln wie „die Enden der Welt“ und „das hohe Haus“. Für Letzteren setzte er sich sogar ein Jahr auf die Zuschauertribüne des Deutschen Bundestages und beobachtete das Geschehe akribisch.

Roger Willemsen
Roger Willemsen (Quelle: Wikimedia/blu-news.org)

Er war aber bestimmt kein klassischer Stubenhocker, welcher das Gesicht nur in gehobener Literatur vergrub. Vielmehr konnte man ihn schon als Rebellen seiner Zeit bezeichnen. Von sich selbst sagte er, er hatte schon ziemlich früh all das, was wirklich alle haben sollten: Alkohol getrunken, gekifft und politische Parolen an Häuserwände gesprüht. Ebenso Partys im Bonner Maddox (eine Untergrunddisco) gehörten als Jugendlicher zu seiner Freizeitbeschäftigung, wie auch der ein oder andere Bordellbesuch. Einen dieser Besuche beschrieb er auch in seinem Buch „Momentum“, wo es heißt:“Als ich alt genug war, ging ich ins Bordell und stellte fest, dass ich nicht alt genug war, denn ich war zu nichts gut“.

1991 startete er seine Fernsehkarriere beim damaligen Bezahlsender Premiere. In seiner Show „0137“ interviewte er zwei Jahre im Wechsel mit Sandra Maischberger eine Vielzahl von Gästen. Darunter auch Assir Arafat, einen Mann der durch seine eigene Mutter vergewaltigt wurde und einen Kannibalen. Tabuisierte Themen gab es beim ihm nicht. So hat er z.B. auch einen Pornostar gefragt:“Ob die Pornodarstellerin wirklich im Kopf ihren Einkaufszettel schreibt, während sie von hinten durchbohrt wird“.
Für seine feine Balance zwischen Boulevard und Politik wurde er Unteranderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dies sollte sein absoluter Durchbruch in der deutschen Medienbranche sein. Später wechselte er zum ZDF und moderierte nicht nur einige Talkshows, sondern auch Kunst- und Kulturveranstaltungen. Da aber die glücklichsten Entscheidungen in seinem Leben stets Kündigungen waren, entschloss er sich 2001, jedenfalls zum Teil, sich aus der Fernsehlandschaft zurückzuziehen.

Willemsen versuchte seinen Fokus von nun an mehr auf das Schreiben und Reisen zu legen. Für sein Buch „die Enden der Welt“ besuchte er die entlegensten Orte. Von Borneo über Patagonien, bis hin zum Nordpol und Kinshasa. Kein Weg auf seinen Reisen schien ihm zu beschwerlich. Auf seinen langen Wegen traf er dann auch mal den Dalai Lama. Dennoch behielt er das Geschehen der Medien hier zu Lande immer im Auge. Dann und wann kam er auch nicht umhin seine Meinung zu Personen oder Formaten im Fernsehen zu äußern. So bezeichnete er z. B. Das Format Germany’s Next Topmodel als eine moderne Art des „Mädchenhandels“ und sagte über Heidi Klum folgendes: „Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Sein soziales Engagement beschreibt seinen Charakter wohl am detailreichsten. Als Bürger des öffentlichen Lebens und mit einer beachtlichen Reichweite, empfand er es als seine Pflicht zu helfen wo er nur konnte. Er war nicht nur Mitglied bei Attac (ein globalisierungskritisches Netzwerk), sondern brachte sich auch bei Amnesty International, der UN-Flüchtlingshilfe, Terre des Femmes und „Deine Stimme gegen Armut“ ein. Seit 2005 half er in Afghanistan Schulen und Brunnen für die vom Krieg gebeutete Bevölkerung aufzubauen. Dabei traf er sich dann für Verhandlungen mit dem ein oder anderen Al-Qaida-Führer. Auch deshalb weil er Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e. V. war, welcher ihm sehr am Herzen lag. Genauso sprach er mit Ex-Insassen über die Haftbedingungen in Guantanamo und schrieb dies in einem weiteren Buch nieder. Für ein Kinderhospiz in Bielefeld war er Unteranderem auch noch Pate. In einem Interview erzählte er die herzergreifende Geschichte eines kleinen Jungen, der kurz nach dem er die Nachricht über seinen bevorstehenden Tod erhielt, zu ihm kam und sagte: „Mir ist langweilig“.

Roger Willemsen – Intellektueller, Weltbürger und Menschenfreund: Die Geschichte seines Lebens war beispiellos und man kann nur hoffen das es ihm noch viele mehr gleich tun werden. Denn mit ihm starb eine der wohl bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Deutschen Medienlandschaft.

„Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten“

Roger Willemsen spricht über sein Buch „die Enden der Welt“:
https://youtu.be/3JM19bhNl18

Autor: R.Wenzel