Der Werther-Effekt und das Drama mit den Suizid-Dramen

 

© pixabay

Im März 2017 erschien auf Netflix die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, welche den Suizid einer High-School-Schülerin thematisiert. Nach der Veröffentlichung entstand eine Diskussion darüber, ob die Thematik und Darstellung der Serie den sogenannten Werther-Effekt hervorrufen kann.

In der Serie nimmt sich die 16-jährige Hannah Baker das Leben. Nach ihrem Suizid erhält ihr Mitschüler Clay ein Packet mit Kassetten, auf denen Hannah die Gründe für Ihr Handeln erklärt. Die erste Staffel wurde von Kulturkritikern für die Thematisierung von u.a. Mobbing und Suizid gelobt. Gleichzeitig wird sie für die Darstellung von Hannah Baker und Ihren Taten scharf kritisiert, da diese zu Nachahmungen führen können.

Was ist der Werther-Effekt?

Der Werther-Effekt beschreibt einen Anstieg an Suiziden, bzw. Suiziden auf eine bestimmte Art, nachdem diese in den Medien viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Daher wird dieses Phänomen auch als Nachahmungs- oder Imitationseffekt genannt. Der Name Werther-Effekt geht auf das Jahr 1774 zurück, als mit dem Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ eine Suizidwelle, vor allem bei jungen Männern, auftrat. Das Buch wurde damals sogar zeitweise verboten.

Ein weiteres Beispiel für diesen Effekt sind die hohen Zahlen der Selbstmorde in der, damals neugebauten, Wiener U-Bahn in den achtziger Jahren. Durch die hohe Suizidrate war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sehr hoch, was zu häufigen und detailreichen Berichten führte, welche dann wiederum weitere Nachahmer verursachten. Um dem ein Ende zu setzten, wurde 1987 ein Leitfaden vom Kriseninterventionszentrum veröffentlicht. Der „Leitfaden über Berichterstattung von Suizid“ zeigt die Risiken von zu detailreichen Berichten auf und nennt Möglichkeiten, wie mit verringerten Gefahr berichtet werden kann. In den letzten 30 Jahren wurde der Leitfaden stetig aktualisiert und überarbeitet. Die neueste Version erschien im Mai 2017.

Berichterstattung bei Suizden

Auch in Deutschland gibt es Hinweise für die Berichterstattung bei Suiziden. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm stellt auf seiner Webseite Informationsmaterialien zur Verfügung.  Inhaltliche stimmen diese Richtlinien mit den österreichischen weitgehend überein. Einige wichtige Punkte sind:

  • Keine Beschreibung von Tatort- und Hergang
  • Keine persönlichen Details über das Opfer nennen
  • Keine Interviews mit Angehörigen kurz nach der Tat
  • Keine Abschiedsbriefe o.ä. abdrucken
  • Keine Romantisierung oder Verurteilung der Tat

Es ist wichtig, dass suizidgefährdete Menschen sich nicht mit den Opfern identifizieren oder ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln. Wenn z.B. der Ort und Hergang genau beschrieben wurden, könnte jemand sich auf die selbe Art das Leben zu nehmen umso im Tod nicht alleine zu sein.

Das Thema nicht totschweigen

Bei der Veröffentlichung der Leitfäden kam die Kritik auf, dass diese die Pressefreiheit einschränken. Ziel ist es jedoch nicht, die Berichterstattung zu behindern, sondern Menschen zu schützen. Nach der Einführung des Leitfadens in Österreich sind die Suizide in der Wiener U-Bahn zurückgegangen und seit damals auf einem konstanten Level. Eine weitere Möglichkeit die Suizidgefahr zu senken, ist der Papageno-Effekt. Berichte über Menschen, die Krisensituationen bewältigt haben, Lösungsansätze und professionelle Hilfsangebote können Suizide verhindern.

Seit Erscheinen der Netflix-Show sind bereits Fälle aufgetreten, die auf Nachahmung schließen lassen, was die Diskussionen über die Serie nur verstärkt hat. Aber Verteidiger der Serie sehen in den angesprochenen Themen einen wichtigen Beitrag zur Enttabuisierung. Denn es ist wichtig, über Suizid zu sprechen. Doch das bringt die Serie selbst und die Macher der Serie in einen ähnlichen Konflikt wie ihn Journalisten bei Suizidmeldungen gegenüberstehen.

Autorin: Annekatrin Franke