Lerche liest: Bücher über … andere Realitäten

Lerche liest: Bücher über … andere Realitäten

Jetzt, wo die dunkle Jahreszeit sich wieder in unsere Leben schleicht, lassen wir uns doch gern von Geschichten in fremde Welten und Realitäten entführen. Was bietet sich da also Besseres an, als eine kleine Vorstellung von Büchern, die sich um Parallelwelten und Alternativweltgeschichte drehen? Viel Spaß beim Schmökern!

 

Für Intellektuelle: Unendlicher Spaß von David Foster Wallace

©Kiepenheuer&Witsch

Eine verschobene Realität fängt den Leser von der ersten Seite des Buches ein. Die alternative Zeitrechnung mit Sponsorennamen (wie beispielsweise Jahr des Whoppers oder das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche) erzeugt gleichermaßen Belustigung wie Schrecken. Dieses Gefühl zieht sich durch den gesamten Roman, der sich mit hochkomplexen Themen wie Sucht, psychischen Krankheiten, schwierigen Beziehungefügen, Unterhaltsindustrie und Kapitalismus beschäftigt.

Im Buch selbst ist „Unendlicher Spaß“ ein Film, der Menschen süchtig nach seinen Bildern macht. Die Menschen merken nicht einmal während des Sehens, dass sie verdursten und verhungern. Im Zentrum der Geschichte steht der Filmemacher und sein Sohn Hal, ein Tenniswunderkind mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Mit literarischer Virtuosität, Absurditäten und einem literarischen Kosmos, der seinesgleichen sucht, gelang Foster Wallace sein literarisches Debüt und gilt heute als eines der einflussreichsten Romane seit 1923.

 

 

 

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß

Kiepenheuer&Witsch

Hardcover, 1552 Seiten, gebunden mit SU, 39,95 Euro

ISBN: 978-3-462-04112-5

Mehr Informationen unter: https://www.kiwi-verlag.de/buch/unendlicher-spass/978-3-462-04112-5/

 

Für Fans von H.G. Wells: Die Landkarte der Zeit von Félix J Palma

© Rowohlt

Reisen durch die Zeit sind die neueste Sensation im viktorianischen London. Ein Bibliothekar hütet das Geheimnis der Landkarte der Zeit und spinnt seine Pläne mit den Protagonisten. Da ist zum einen der wohlhabende Andrew, der den Tod seiner großen Liebe durch Jack the Ripper verhindern will. Die junge Claire sehnt sich nach Abenteuer in der Zukunft, während Inspektor Garrett einem Mörder auf den Fersen ist, der mit Waffen tötet, die noch gar nicht erfunden sind.

Mit packenden Bildern und einem einzigartigen Verwirrspiel gelingt Palma es, den Leser zu fesseln. Auch die Einbettung des Autors H.G. Wells in den Figurenkosmos erzeugt gleichzeitig Faktizität als auch das beklemmende Gefühl, es könnte alles nur Illusion sein. Ist die vierte Dimension Realität oder nur Fiktion? Oder vielleicht das Ergebnis von mehreren Parallelwelten?

 

 

Félix J. Palma: Die Landkarte der Zeit

Rowohlt Verlag

720 Seiten, Hardcover, 24,95 Euro

ISBN 978-3-463-40577-3

Mehr Informationen unter: https://www.rowohlt.de/buch/Felix_J_Palma_Die_Landkarte_des_Himmels.2962620.html

 

Für Realisten und Polit-Satiriker: Plan D von Simon Urban

©Schöffling & Co.

Stellt euch vor, die deutsche Wiedervereinigung hat es nie gegeben und Egon Krenz ist seit 22 Jahren an der Macht. Die DDR ist pleite und Ostberlin ist kein schöner Ort: die Luft verpestet von Millionen Ölmotoren des Trabant-Nachfolgers Phobos. Aber es gibt eine letzte Chance für den Sozialismus, nämlich Wirtschaftsverhandlungen mit der BRD und ihrem Bundeskanzler Oskar Lafontaine. Doch dann geschehen mehrere Morde und Martin Wegener, Hauptmann der DDR-Volkspolizei, findet sich in einem Netz aus Intrigen und politischen Irrtümern wieder.

Urbans Polit-Satire spielt in seinem Roman auf so viele typische DDR-Alltagssituationen an, dass nicht nur Ostdeutsche auf ihre Kosten kommen. Universell hingegen gestaltet der Autor seine Hauptfigur, den gescheiterten Hauptmann. Dieser wird recht frei in seinen Obsessionen und Begehrlichkeiten geschildert, sodass eine explizite Sprache Verwendung findet.

Simon Urban: Plan D

Schöffling & Co.

552 Seiten, gebunden, 24,95 Euro

ISBN: 978-3-89561-195-7

Mehr Informationen unter: https://www.schoeffling.de/buecher/simon-urban/plan-d

 

Für Humanisten und Revolutionäre:

Die Drei Sonnen von Cixin Liu

©Heyne/Random House

Der Roman ist der erste zeitgenössische chinesische SF-Roman, der mit dem Hugo-Award ausgezeichnet wurde. Gezeichnet von der chinesischen Kulturrevolution empfängt die Astrophysikerin Ye in unserer heutigen Zeit eine an die Erde gerichtete Nachricht von Außerirdischen. Doch statt angesichts einer drohenden Invasion die Regierung zu informieren, will Ye Menschheit mithilfe der Außerirdischen erneuern.

In klarer Sprache versetzt Liu seine Leser in die Zeit von Mao und die Kulturevolution wird angesichts der Möglichkeit einer Invasion zu einer Zivilisationsfrage. Immerhin sind die meisten Menschen nur auf ihr Wohl es. Zum Wohle der Kultur wird die Natur, die eigene Existenzgrundlage, ausgebeutet und zerstört. Macht, Gier und Reichtum haben die Menschen im Griff. Mit geschickten Handlungssträngen baut der Autor seine Geschichte um philosophische Fragen. Ist der Mensch es wert, weiterhin auf der Erde zu leben?

 

 

 

 

Cixin Liu: Die drei Sonnen

Heyne

Paperback, Klappenbroschur, 14,99 Euro

ISBN: 978-3-453-31716-1

Mehr Informationen unter:

https://www.randomhouse.de/Paperback/Die-drei-Sonnen/Cixin-Liu/Heyne/e486389.rhd

Autorin: Saskia Liske

Der Rote Knebel – Journalismus in China

Der Rote Knebel – Journalismus in China

 

„Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“

Johann Gottfried Herder

China: Wer denkt bei diesem Land nicht sofort an uralte Hochkulturen sowie Religionen,  Erfinderreichtum und freundliche Menschen. Doch das sogenannte Reich der Mitte befindet sich heute in vielen Belangen in einem katastrophalen Zustand.

China im Jahr 2016 ist seit der Niederschlagung seiner studentischen Demokratiebewegung im Jahr 1989 weiterhin unter einem autoritären, sozialistischen Einparteiensystem, welche von der kommunistischen Partei (KPCh) unter dem Staatschef Xi Jinping seit 2013 geleitet wird. Diese zensiert die Medien sowie das Internet, kontrolliert die Rechtsanwendung und die Justiz. Bei der Auswahl seiner politischen Führer verfügt das Volk über keinerlei Rechte. Auch sind die Freiheitsrechte in Sachen Meinungsfreiheit, Religions- und Reisefreiheit stark eingeschränkt. Die Medien und Presselandschaft muss unter den Missständen schwer leiden.

Pressefreiheit im Reich der Mitte – Was darf ein Journalist?

„Alles, solange er sich an Chinas Gesetze hält.“ So drückte sich ein Beamter des Pekinger Außenministeriums aus, welcher einen Journalisten der Welt auf einen Kaffee einlud, um über die Pressefreiheit Chinas zu sprechen. Doch die Liste der politischen Grauzonen, über welche Journalisten nicht berichten dürfen, ist lang. Hierzu gehört die Lage verfolgter Mönche in Tibet, das Verbot der Kontaktaufnahme zu Anhängern des Dalai Lama sowie zu Familienangehörigen von Dissidenten. China befindet sich laut „Reporter ohne Grenzen“ in der Pressefreiheit auf Platz 176 von 180 Ländern. (Stand September 2016). Weltweit zählt es die meisten inhaftierten Journalisten sowie Internet-Blogger.  23 Journalisten und 84 Online-Aktivisten und Bürgerjournalisten sitzen derzeit hinter Gittern. Der Staatsapparat kontrolliert den gesamten Journalismus. Keine Information oder Recherche darf unkontrolliert an ausländische Medien weitergeleitet werden. Jedes Interview bedarf eines Antrags auf Berechtigung, welche in den meisten Fällen abgelehnt werden. Die chinesische Firewall blockiert viele Webseiten. Facebook, Youtube oder Twitter stehen dem Volk nicht zur Verfügung. Völlige Abschottung des Volkes lautet das Kredo der chinesischen Regierung.

Zahlreiche Künstler, Journalisten sowie Autoren leben im Exil. Darunter der seit 2011 in Berlin lebende Buchautor, Dichter und Untergrundmusiker Liao Yiwu. Die Geschichte des Schriftstellers macht die politische Lage Chinas sowie das Verbot des investigativem Journalismus deutlich.

liao yiwu
Liao Yiwu, © https://commons.wikimedia

 

Verfehmt, verjagt, unterdrückt

Liao Yiwu zählte bereits in den 80er Jahren zu Chinas bekanntesten Dichtern und Autoren und schrieb regelmäßig für die Untergrund-Literaturszene. Da seine Werke stets im Stil westlicher Lyrik verfasst waren, stand sein Name schon 1987 auf der Liste der kommunistischen Regierung. In diesem Jahr widmete Liao sein Gedicht „Massaker“ den Ereignissen des vierten Juni 1989 am Tian’anmen-Platz, bei welchem die studentische Protestbewegung für Demokratie zerschlagen wurde. Im folgenden Jahr wurde, nach seinem Versuch einen Film über den Vierten Juni zu drehen, seine Filmcrew sowie seine schwangere Frau verhaftet. Liao wurde wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Erlebnisse verarbeitete er in dem Buch „Interviews with People from the Bottom Rung“ (dt: „Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft“),  welches auf Gesprächen mit sozial Ausgestoßenen basiert. Nach einem großen Erfolg des Buches sowie der positiven Kritik, „das Buche gebe denjenigen eine Stimme, welche sonst nicht gehört, sondern unterdrückt würden“, wurde das Buch von chinesischen Behörden verboten, der herausgebende Verlag bestraft sowie Mitarbeiter entlassen. Liaos Name darf seitdem in den chinesischen Medien nicht mehr genannt werden. Nachdem ihm die Einreise nach Deutschland und damit die Teilnahme an Buchmessen mehrmals verweigert wurde, wandte sich Liao 2010 in einem offenen Brief an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit der Bitte, Ihre außenpolitischen Einflüsse für eine Einreise zum Literaturfestival lit Cologne in Köln zu ermöglichen. Im Jahr 2011 haben die chinesischen Behörden Liao verboten, seine Werke im ausländischen Raum zu vorzutragen.

Seit 2011 lebt Liao nach seiner Flucht über Vietnam im Exil in Berlin und erhielt 2012 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Geschichte ist ein trauriges Beispiel für die Situation und die menschenrechtliche Entwicklung Chinas. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass dieses Land seinen Weg zur politischen Mitte wieder findet.

Autor: David Barthelmann