„Das lebende Buch“  – Bücher bewegen wie Harry Potter

„Das lebende Buch“ – Bücher bewegen wie Harry Potter

Die Haptik eines gedruckten Buches mit multimedialen Inhalten zu verbinden, ist schon lange ein Traum der Buchbranche. Eine Firma aus Augsburg bietet eine vielversprechende Lösung an. Ist Das lebende Buch tatsächlich der neue Heilige Buch-Gral?

Den Inhalt eines Buches zum Leben zu erwecken und Figuren über die Seiten laufen zu lassen, war bisher nur bei „Harry Potter“ möglich. Nur durch Zauberei kann die Trennung zwischen echter und digitaler Welt aufgehoben werden, doch normalsterbliche Verlage stehen immer noch vor der Entscheidung: Beeindruckend aufbereitete Inhalte mit allerlei multimedialen Spielereien – verpackt in der eher nüchternen Kunststoffhülle eines E-Books? Oder doch ein schönes klassisches Buch, leinengebunden und mit diesem ganz besonderen Geruch literarischer Verheißung – aber letztendlich immer auf Text und unbewegliche Bilder beschränkt?

Das Hauptproblem ist nun einmal, dass ein Bildschirm starr ist. Auch wenn bereits Prototypen folienähnlicher Monitore existieren und teils verblüffende 3D-Darstellungen erzeugen können, dürften diese noch für einige Jahre Zukunftsmusik bleiben. Aber Buchseiten ohne Umblättern? Da können wir doch auch gleich zu Steintafeln zurückkehren.

Futuristisches Lesen mit technischen Tricks

Die Gestaltungsagentur Liquid hat sich jetzt dieses Problems angenommen. Ihr Produkt Das lebende Buch ist ein Buch, aufwendig per Hand hergestellt und fadengeheftet, vorzugsweise im Großformat. Die Seiten sind ganz konventionell bedruckt, aber gefertigt aus speziell lichtempfindlichen Material. Dieses kann durch einen Projektor angestrahlt werden und so weitere Inhalte für den Betrachter enthüllen. Je nach aufgeschlagener Seite werden Videos und Audioateien wiedergegeben, auch Gerüche gehören zum Repertoire des Lebenden Buches.  Zumindest die Illusion entsteht, als ob sich der Leser durch ein ganz normales Buch bewegt. Er kann vor- und zurückblättern, Inhalte noch einmal abrufen oder Seiten überspringen, ohne an einen fest vorgegebenen Ablauf gebunden zu sein. Durch Berühren können erneut weitere Informationen abgerufen werden. Dabei kommt die Installation ohne Tasten oder Interface aus, der Projektor erkennt automatisch die jeweils aufgeschlagene Seite.

Einen guten Eindruck verschaffen von den vielfältigen Möglichkeiten kann man sich in diesem Video, wo der Einsatz im Mercedes-Benz-Museum gezeigt wird:

https://www.youtube.com/watch?v=UXtQSmkT25g

Keine Lösung für Verlage

Trotz sehr benutzerfreundlicher Gestaltung ist der praktische Nutzen dieser mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Idee nüchtern betrachtet für die Buchbranche eher gering. Das Buch selbst braucht immer noch eine sperrige Projektionsanlage, um zu funktionieren. Interessant ist diese Technologie vor allem für Museen, Messeaussteller u.ä., die eine extravagante Form für die Präsentation ihrer Inhalte suchen. Auf den Leser macht es auf jeden Fall ordentlich Eindruck, zudem kann er auch selbst Daten in das Buch hochladen. Die Agentur bietet zu ihrer Technologie gleich ihre kreative Expertise mit an, um Firmenkunden bei der Erstellung der Inhalte zu helfen.

Zweifellos also eine kostspielige, aber sehr wirkungsvolle . Leider nicht das, wonach verzweifelte Verlage auf der Suche nach dem digitalen Wunder suchen, aber zumindest eine weitere hochinteressante Neuinterpretation des Mediums Buch. Das lebende Buch zeigt auch einmal mehr, dass Innovationen in der Buchbranche selten selbst von dieser produziert werden. Wie seit Jahrhunderten bringen „fachfremde“ Tüftler aus Industrie, Handwerk und IT-Branche ihr Können von außen ein.

Autor: Niklas Gaube