La Belle Époque – Facettenreiche Zeit des Friedens

La Belle Époque – Facettenreiche Zeit des Friedens

Eine der wohl glanzvollsten Epochen Europas liegt nun mehr seit über 100 Jahren unter der Geschichte begraben und kaum einer weiß um die Bedeutung dieser Zeit.

La Belle Époque ist französisch und bedeutet so viel wie „die schöne Epoche“.Die circa 30 Jahre um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelten heute als Sinnbild einer kollektiven Überzeugung von einer besseren Welt. Eine Welt frei von Hunger, Krieg und gewalttätigen Revolutionen. Wobei sich führende Historiker nach wie vor über die taggenaue Datierung dieser Epoche streiten. Doch nun erst einmal der Reihe nach. Der Deutsch-Französische Krieg war endlich vorbei und die Bevölkerung kehrte wieder zur Normalität zurück, nicht ahnend, welcher wirtschaftlichen und kulturellen Ereignissen sie noch Zeugen werden würden.

 

Mit dem Frieden kam der Aufschwung

Die Staaten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich-Ungarn zählten, zur damaligen Zeit, zu den Ländern, welche als erste die Lebensqualität ihrer Einwohner drastisch verbessern konnten. Durch die zweite Welle der Industriellen Revolution hielten nicht nur die Elektrizität und die Telefonie in den Haushalten Einzug, ebenso verbesserten sich die hygienischen Zustände, was die Lebenserwartung der Menschen von damals um ein Vielfaches ansteigen ließ. Auch die Stahl- und Chemieindustrie erlebte ein nie da gewesenes Hoch, was im Laufe der Geschichte nicht nur positive Auswirkungen auf die Menschen in Europa hatte. Riesige Ballungsräume wuchsen aus dem Boden, wie Pilze an einen regnerischen Septembertag. Überall wo man hinsah gab es Wachstum! Wachstum! Wachstum! Aber die wohl größte Erfindung dieser Tage war der Verbrennungsmotor. Menschen konnten nun völlig ohne Kraftanstrengung und ohne Hilfe eines tierischen Begleiters weite Strecken zurücklegen. Mit der Erprobung der ersten Flugapparate kam der Mensch nun auch endlich dem Traum des Ikarus ein Stück näher und war fortan mit dem Vogel auf einer Augenhöhe.

Bild Frauen Mann Belle Époque
Die Freuden der Belle Èpoque. © http://3.bp.blogspot.com/

Wissenschaftler wurden für ihre Erfindungen und Theorien gefeiert wie Könige, wenn nicht sogar wie Götter. Ernest Rutherford, Marie und Pierre Curie, Albert Einstein, Max Planck und Niels Bohr sind nur einige der Namen, welche mit ihren Arbeiten die Welt veränderten. Aber nicht nur die Wissenschaft hatte Großes hervorgebracht, sondern auch die Kunst, Musik und Architektur waren beeindruckender als je zuvor. Man denke dabei nur an Pablo Picasso oder Gustav Mahler. Die Literatur konnte sich ebenso neuer Strömungen erfreuen. So war zum Beispiel der Naturalismus, also die ausführliche Beobachtung der Natur, eine der führenden Stilrichtungen jener Zeit. Der bedeutendste deutsche Vertreter hierfür war Gerhardt Hauptmann. Der Schriftsteller bediente sich in seinen Werken nicht nur dem Naturalismus, sondern ließ sich auch von anderen Stilrichtungen inspirieren. Im Jahre 1912 erhielt er schließlich den Nobelpreis der Literatur für sein schaffen. Wobei diese kulturelle Welt keineswegs mehr der gut betuchten Oberklasse vorbehalten war. Erstmals war es auch möglich, die breite Arbeiterklasse an dieser Lebensweise teilhaben zu lassen, selbst wenn es nur der gelegentliche Besuch in einem der neu erbauten Lichtspielhäuser war. Alles in allem war das Leben dieser Tage für alle ein durchaus Gutes.

Doch der Wohlstand und Friede sollte nicht ewig andauern…

 

Bild Erster Weltkrieg
Weniger erfreulich: Moderne Kriegsführung. © https://www.dhm.de

 

Abschied einer erstaunlichen Epoche

Die Titanic war nicht nur ein Symbol für die menschliche Schaffenskraft, sie läutete tragischerweise auch das Ende einer aufgeschlossenen, friedliebenden und unbekümmerten Gesellschaft ein. Mit ihrem Sinken im Jahre 1912 verloren einige ihren Glauben an, die bis dato, makellose Allmacht der Technik.  Unmut über die Entwicklungen der letzten Jahre verbreitete sich und rief immer mehr Kritiker auf den Plan. Die Arbeiterschaft klagte nun kaum noch überhörbar über die unzumutbaren Zustände in ihren Unternehmen. Rationalisierung der Herstellungsprozesse durch Arbeitsteilung ließ die zu verrichtende Arbeit eintönig, aber nicht weniger kräftezehrend werden. So wundert es nicht, dass Gewerkschaften und die kommunistische Idee relativ schnell zu beachtlicher Größe und Ansehen wuchsen. In Deutschland hatte sich die SPD als eine der führenden Parteien der Arbeiterbewegung etabliert. Die Welt stand nun vor einem Aufbruch ins Ungewisse, aber keiner hätte damals geglaubt, was noch folgen sollte. Mit dem Jahr 1914 und dem folgenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde eins der wohl lebensbejahendsten Kapitels der europäischen Geschichte besiegelt. Folgen sollten wieder einmal Jahre der Zerstörung, des Hasses und  der Verzweiflung. Erstmals wurden einem auch die negativen Aspekte der Industriellen Revolution bewusst. Der Antrieb durch die massive militärische Aufrüstung aller Staaten zog buchstäbliche Gräben durch Europa und die Köpfe ihrer Bewohner. Dies alles gipfelte in menschenverachtenden Massenvernichtungen durch die moderne Kriegstechnik.

Man kann nur hoffen, dass Europa so etwas nie wieder erleben muss und wir weiterhin in unserer La Belle Époque 2.0 friedlich miteinander koexistieren können.

 

Autor: Ronny Wenzel

J. F. Cotta: Der Napoleon des deutschen Buchhandels

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(c) wikipedia.de

Zwei der weltweit bekanntesten deutschen Schriftsteller, Goethe und Schiller, außerdem mit Wieland und Herder die beiden anderen Geistesgrößen des Weimarer Viergestirns. Jean Paul, Fichte, Hölderlin, Hegel, Pestalozzi und Alexander von Humboldt – alle hatten sie denselben Verleger. Im Vergleich zu seinen Autoren, ist sein Name jedoch weniger geläufig: Johann Friedrich Cotta. Wer war der Mann, der die aufklärerischen Ideale und Ideen, viele philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse einer ganzen Epoche unter seinem Haus vereinigte?

Geboren wurde Cotta 1764 in Stuttgart. Er studierte Mathematik, Geschichte, Jura, ehe er mit 23 Jahren die wenig glanzvolle, Cotta’sche Verlagsbuchhandlung seines Vaters in Tübingen übernahm. Obwohl er zunächst wenig Interesse an der Übernahme hatte, formte Cotta in wenigen Jahren aus dem provinziellen Kleinunternehmen den bedeutensten Universalverlag seiner Zeit. Er verlegte über 60 Zeitungen und Zeitschriften, u. a. Schillers Horen, wichtige wissenschaftliche Werke, betrieb einen Kunst- und Landkartenverlag und besonders die Klassiker von Goethe und Schiller hatten eine Strahlkraft über die Landesgrenzen hinaus.

Der Aufstieg der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung

Wie war dieser Aufstieg in kurzer Zeit möglich? Es waren weniger glückliche Umstände als enormer Arbeitsdrang, feiner Charakter, unternehmerisches Genie und politisches Talent. Doch eine glückliche Vermittlung spielte gerade zu Beginn eine wichtige Rolle: 1793 traf Cotta in Tübingen durch Initiative des dortigen Philosophieprofessors und ehemaligen Lehrers von Schiller auf ebendiesen. Aus diesem Treffen entwickelte sich eine enge persönliche Verbindung und Zusammenarbeit mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits weithin bekannten Dichter. Dieser war es dann auch, der den Kontakt zu Goethe und den anderen beiden Weimarern herstellte. Damit war der Grundstein für den Aufstieg der Verlagsbuchhandlung und weiterer Unternehmungen gelegt.

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(c) wikipedia.de

Nachwirkungen

In seinem umtriebigen Leben, in dem er auch etliche Herausforderungen zu bewältigen hatte, brachte Johann Friedrich Cotta eine Vielzahl an ökonomischen, technischen, kulturellen und politischen Unternehmungen auf die Bahn. Beispiele: Revolutionierung der Drucktechnik durch den Einsatz von Dampfmaschinen, Beteiligungen an einer Papier- und Maschinenfabrik, Erwerb eines Landgutes zur modernen Schafszucht, Gründung einer gemeinnützigen Sparkasse, Beratung und diplomatische Hilfe für Fürsten und Regierende.

Doch besonders seine Leistungen für die deutsche Buchlandschaft sollen uns hier interessieren: Mit hohen Honoraren und zukunftsweisenden Verträgen war er ein Vorkämpfer der Autorenrechte. Das Urheberrecht des Autors und das Besitzrecht des Verlages wurden sorgsam getrennt, was der Kapitalisierung des Gewerbes dienlich war. Er wirkte für Reformen des Buchhandels und setzte sich gegen den Nachdruck und für die Pressefreiheit ein. 1832, im selben Jahr wie Goethe, mit dem er bezüglich den Honoraren auch schon mal aneinander geraten war, starb – inzwischen geadelt – Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf.

Sein Wirken reicht bis in unsere Zeit: Die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung wurde 1977 von der Klett-Gruppe übernommen und firmiert seitdem unter Klett-Cotta, wo u. a. die deutschen Übersetzungen der Werke von J. R. R. Tolkien erschienen sind.

 

Autor: Fabian Schwab

Weihnachten: 24 Tage Leserei

Weihnachten: 24 Tage Leserei

Schokolade über Schokolade, die Adventskalender im Supermarkt sind meist schnell verkauft. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene freuen sich darauf 24 Naschereien zu verdrücken. Wer dessen jedoch überdrüssig ist oder gern einen noch spannenderen Adventskalender haben möchte, der sollte sich mal genauer in einer Buchhandlung umsehen.

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© by Gina Uhlig

Geschichte des Adventskalenders

 

 Die Ursprünge des uns 24-mal beglückenden Produktes gehen zurück ins 19. Jahrhundert. Dort wurden in den protestantischen Familien im Dezember 24 kleine Bildchen an die Wand geheftet. Wer nicht so viel Platz an seiner Wand hatte, der malte 24 Kreidestriche an eine Wand oder Tür und jeden Tag durften die Kinder einen davon abwischen. So sollte die Vorfreude auf Weihnachten weiter gesteigert werden. Den ersten gedruckten Kalender gab es allerdings erst 1903. Dieser war mit 24 bunten Bildchen versehen, die ausgeschnitten und auf einem extra Bogen aufgeklebt wurden. Erst 17 Jahre später bekam der Adventskalender dann seine Türchen, hinter denen sich ein buntes Bild versteckte. Die schokoladene Variante wurde sogar erst in den 1950er Jahren populär. Doch der Zweite Weltkrieg blieb auch für den Adventskalender nicht ohne Folgen. Er wurde unter den Nationalsozialisten aufgrund von Papierknappheit verboten. Erst einige Jahre nach Kriegsende gab es wieder bunte Bildchen und leckere Schokolade hinter 24 Türchen zu entdecken.

 

Die literarische Variante

 

Auch diese Art des Adventskalenders gibt es mittlerweile seit circa 90 Jahren. Die Sankt Johannis Druckerei, ansässig in Baden, brachte damals Adventskalender mit Bibelversen heraus.

Heutzutage ist das Sortiment von literarischen Adventskalendern sehr vielfältig. Dabei werden zwei Arten unterschieden: Entweder der Kalender erzählt eine Geschichte in 24 Episoden oder es gibt 24 kleine Texte zu entdecken. Auch die Darstellungsform ist vielseitig. Sie reicht von kleinen Heftchen, über richtige Kalender, bis hin zu Büchern.

Für jeden ist etwas dabei. Ob kleines Kind, alter Mann, Krimifan oder jede andere Art von Leseratte: ein literarischer Adventskalender ist wirklich jedem zu empfehlen. Nebenbei kann man ja trotzdem die Schokovariante genießen.

 

Autorin: Melanie Uhlig

Eine kurze Geschichte der Horrorliteratur

Eine kurze Geschichte der Horrorliteratur

Wie jedem Gänsehautfan, Gruselspezialisten und Schauerliebhaber bekannt sein dürfte, stellt das 19. Jahrhundert eine Blütezeit der Horrorliteratur dar. Edgar Ellan Poe, Mary Shelley und andere Pioniere dieses Genres lassen bis heute weltweit das Blut in den Adern begeisterter Leser gefrieren. Doch wo liegen die Ursprünge der Schauerliteratur? 

Weird Ficiton, Gothic Novel, Gruselroman, wie man sie auch nennen mag, die Horrorliteratur ist aus dem modernen Sortimentsbuchhandel nicht mehr weg zu denken und füllt Regale, bisweilen sogar ganze Läden. Die Ursprünge für die Lust an der Angst liegen jedoch tief in den Kellern der historischen Anthropologie. Nicht ohne Grund leitet sich der Name dieser Literaturgattung von dem lateinischen horrere – die Haare hochstehen lassen – ab.

So legen Antike Mythen den Grundstein für viele heutige Schreckensgestalten. Denn schon im antiken Rom fürchtete man sich des Nachts vor den blutsaugenden Lamien, dem Ursprung für die Sagengestalt des Vampirs, Inkuben sorgen für Alpträume a la Freddy Krüger und in der griechischen Totenstadt von Kamarina fesselt man Leichen aus Angst vor Ihrer rachsüchtigen Wiederkehr. Die Motive für die heutigen Kassenschlager des Horrorgenres haben also schon damals in der Literatur Anwendung gefunden.

Im dunklen Mittelalter

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Verfolgte Unschuld © de.wikipedia.org

Auch im Mittelalter waren Schreckensvorstellungen zu Unterhaltungszwecken an der Tagesordnung. Obgleich dieses Zeitalter durch Hexenverbrennung, Inquisition und der Fülle an Gewalt für den zart besaiteten Rezipienten schon wie ein Gruselkabinett wirkt, ließen sich die Menschen auch damals von fantastisch-schaurigen Geschichten faszinieren. Mysterienspiele, kleine fürchterliche Szenerien, dargestellt von Wanderschauspielern, lagen hoch im Kurs.

Schriftlich festgehaltene Werke, wie die göttliche Komödie von Dante Alighieris, finden ebenfalls positive, wenn auch umstrittene Resonanz. Mit Shakespeares Hamlet werden Gruselstücke, wenn auch für die breite Masse verfasst, schlussendlich salonfähig.

Monster und Menschen

Im 18. Jahrhundert bildet sich schließlich durch den Rückenwind der Aufklärung ein breites Angebot an literarischen Erzeugnissen, denn Horace Walpoles The Castle of Otranto ebnet den Weg für den Gothic Novel. Auch deutsche Autoren wie Ludwig Tieck widmen das ein oder andere Werk dem noch jungen Genre. Die Themen gleichen dabei den heutigen: Gewalt, Mord, die Angst vor dem Unbekannten, fantastische Monstren – damals wie heute ein Erfolgsrezept.

Im 19. Jahrhundert ist die Horrorliteratur dann nicht mehr wegzudenken und nimmt immer vertracktere, teils philosophische oder psychologische Formen an. So schreckt Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus doch gerade wegen der paranoiden, selbstzerstörerischen Psyche Viktor Frankensteins, weniger wegen des von ihm erschaffenen Monsters, welches zuletzt eher Mitleid als Angst erregt.

Siegeszug und Kommerzialisierung

Frankenstein © www.bl.uk
Frankenstein © www.bl.uk

Die Verfeinerung der Nuancen und Möglichkeiten des Genres, sowie der kommerzielle Siegeszug während des Viktorianischen Zeitalters führen im 20. Jahrhundert bereits zu einer Ubiquität des Genres. Die reiche Quellenlage von Mythen bis hin zu den zahlreichen Vorreitern des Genres, ermöglichen es Autoren wie H.P. Lovecraft sogar neue Mythenfiguren wie Cthulhu zu schaffen, sich wissenschaftlich mit dem Genre auseinanderzusetzen und kontemporär die Nerven eines breiten Publikums bis zum Zerreißen zu spannen.

Mit dem Beginn der Filmkunst, mit dem fast unmittelbar der erste Horrorfilm entsteht, steht dem Genre nun nichts mehr im Wege. Nichts lockt die Zuschauer mehr in die ersten sporadischen Kinos als der Nervenkitzel eines Gruselstreifens und so wandelt der erste Film-Frankenstein bereits 1910 über die Leinwand. Die nun folgende, fast erdrückende Welle von Autoren, Regisseuren und Künstlern, die Werke aus dem Horrorgenre fast wie am Fließband produzieren, ist nun nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Erfolg wächst natürlich auch die Zahl der Kritiker, denn neben der Horrorliteratur entwickeln sich auch, vor allem in visuellen Medien, Subgenres wie Gore oder Splatter, welche eher die schonungslose Gewalt, als das Gruselerlebnis zum Mittelpunkt machen.

Allgemein lässt sich sagen, dass kaum ein anderes Genre der Literaturgeschichte so viel Begeisterung und gleichzeitig so viel Abneigung auf sich zieht. Dennoch ist es doch gerade dieser Zwiespalt, der der Horrorliteratur seiner Existenzberechtigung verleiht.

Autor: Tankred Hielscher

Flüchtlingsliteratur: Die vergessene Generation

Kaum ein Thema wird momentan so heiß diskutiert wie die Situation der Flüchtlinge in Europa. Von herzlichen Empfängen, Hilfe und Unterstützung an allen Orten bis hin zu Ablehnung, Diskriminierung und brennenden Flüchtlingsunterkünften, bewegt das Thema viele Gemüter. Um als Deutscher eine differenzierte Sicht der Dinge zu erhalten, hilft vielleicht ein Blick in die Geschichte des eigenen Landes.

In der aktuellen Diskussion wird kaum wahrgenommen, dass Deutschland eine eigene Flüchtlings- und Vertriebenengeschichte erlebt hat. Es handelt sich um die Millionen Heimatvertriebenen, die infolge des Zweiten Weltkrieges die deutschen Ostgebiete verlassen mussten. Dass dieses Kapitel der deutschen Geschichte wenig beachtet wird, liegt an der meist untergeordneten Stellung, die es bei der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges einnimmt. Was die Relevanz und Brisanz, gerade für die heutige Zeit, aber nicht schmälert. Das zeigen auch die vielen Publikationen in den letzten Jahren, die das Leid der Heimatvertriebenen aufarbeiten und schildern.

Ein wichtiger Aspekt dieser Schilderungen ist, dass die offizielle Version und die direkten Erlebnisse der Betroffenen oft stark voneinander abweichen.  Was die Zeitzeugen zu erzählen haben rüttelt auf und ist nicht immer leicht zu ertragen. Die Situation der heutigen Flüchtlinge mag eine andere sein, dennoch könnte die Lektüre solcher Berichte, den ein oder anderen in der aktuellen Diskussion bescheidener argumentieren lassen.

Eine Auswahl aus der umfangreichen Literatur zum Thema:

© Pantheon Verlag
© Pantheon Verlag

 

Kalte Heimat – Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945.

Mit diesem Buch erschüttert Andreas Kossert den Mythos von der rundum geglückten Integration der Vertriebenen nach 1945. Erstmals erhalten wir ein wirklichkeitsgetreues Bild von ihrer Ankunft in der Bundesrepublik – dem Land, das ihnen zur neuen, kalten Heimat wurde. Wir erfahren von ihrem Kampf und den schwierigen Neuanfang und von den Lebensumständen der Menschen im „Wirtschaftswunderland“.

432 Seiten, 14,99 €.

 

 

 

© Rautenberg-Buchhandlung
© Rautenberg-Buchhandlung

 

Eine Mutter und sieben Kinder. Schicksalstage in Ostpreußen 1945-1948

Ostpreußen 1945. Mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern, erlebt Helma Schicht, gerade 10 Jahre alt, den Einmarsch der Russischen Armee in Ostpreußen und die Besatzungszeit bis 1948. Der tägliche Kampf ums Überleben beginnt. Immer in der Angst vor russischen Übergriffen, besteht der Alltag im Beschaffen des Nötigsten. Durch den Einfallsreichtum der Mutter findet sich aber immer ein Weg etwas zu essen, eine Unterkunft und ein paar Kleidungsstücke zu organisieren. Das Glück des Tages besteht darin, ein sättigungsähnliches Gefühl zu haben. 1948 muss die Familie ihre Heimat verlassen.

174 Seiten, 14,95 €.

 

 

Autor: Fabian Schwab

Essen: Die Geschichte des Kochbuchs

Essen: Die Geschichte des Kochbuchs

In den kommenden Wochen dreht es sich hier auf dem Blog um eine unserer Lieblingsbeschäftigungen schlechthin: das Essen. Im Zuge des Kochbuch-Booms der letzte Jahre gibt es bei der Vielzahl der Rezepte nichts, was es nicht gibt. Um den Einstieg in das Thema mit etwas Vorwissen zu bereichern, geht es diese Woche erst einmal auf eine Reise in die Geschichte des Kochbuchs in Deutschland.

Wir befinden uns im Mittelalter, im Jahr 1350, in dem das älteste erhaltene Kochbuch Deutschlands daz buch von guter spîze erschien, damals noch ganz typisch als Teil eines Medizinbuchs. Auf die erste eigenständige Rezeptsammlung hingegen wartete man bis ins Jahr 1485, wo Peter Wagner in Nürnberg die Küchenmaysterey herausgab. Die Rezepte, noch ohne jegliche Mengenangaben, richteten sich an Köche der feinen Küche, wie sie an Höfen von Grafen und dem gehobenen Bürgertum zu finden waren. Noch bis in das Jahr 1674 lassen sich Nachdrucke dieses Werkes nachverfolgen.

Von der Hausväter- zur Hausfrauenliteratur

Kochbücher für jeden Geschmack © Beatrix Dombrowski
Kochbücher für jeden Geschmack © Beatrix Dombrowski

Mit der Zeit entwickelte sich aus den bis dato eher anspruchsvollen Rezeptbüchern die sogenannte Hausväterliteratur. Da Kochbücher sich meist noch an Männer richteten und eben diese Haus und Hof verwalteten und lesen konnten, enthielt die Literatur neben Rezepten fortan auch Tipps und Tricks rund um das Anwesen, zum Beispiel die richtige Säzeit für das Gemüse im Garten.

Um so weiter wir uns in der Geschichte fortbewegen, desto mehr erstarkte auch das Bürgertum. Allgemeine Schulbildung ebnete nun auch Frauen den Weg zur Literatur und machte so im Einklang mit der bürgerlichen Küche immer mehr Hausfrauen zu Kochbuchautorinnen. Die Hauswirtschaft fand Einzug in ihre Werke und dank dem Kochbuch als beliebtes Hochzeitsgeschenk stiegen die Auflagen weiter. Ein Beispiel dafür ist das 1791 erschienene Neue Kochbuch von Luise Löffler, welches bis ins 20. Jahrhundert hinein 38 Auflagen hatte. Wohl auch dank der vereinheitlichten Maße und Gewichte, welche zusammen mit Umrechnungstabellen nach der Reichsgründung ein fester Bestandteil von Kochbüchern wurden.

Der größte Bestseller des 19. Jahrhunderts

Das praktische Kochbuch, erschienen 1845, war das erfolgreichste Rezeptbuch des 19. Jahrhunderts. Nach mehr als 8 Jahren des Kochens, Sammelns und Verfeinerns veröffentlichte der Bielefelder Verlag Velhagen & Klasing das Erstlingswerk von Henriette Davidis. Bis zu ihrem Tode im Jahr 1876 gab es 56 Auflagen mit bis zu 40.000 Exemplaren, sogar in Milwaukee (USA) erschien es 1879 in deutscher Sprache, mit angepassten amerikanischen Maßen und Zutaten.

Auch nach Ablauf der Schutzfrist im Jahr 1906 vermarkteten viele Verlage das Werk in bearbeiteten Versionen weiter.

Entwicklung bis ins 21. Jahrhundert

Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein fehlten den Kochbüchern exakte Mengen- und Temperaturangaben. Doch mit der Entwicklung kamen eben diese hinzu, auch bildhafte Anweisungen hielten Einzug in die Rezepte. Durch Tourismus und Einwanderung entwickelte sich die internationale Küche, gefolgt durch Kochbücher mit den Speisen sämtlicher Nationen.

1911 erschien erstmal das Dr. Oetker Schulkochbuch, welches heute mit über 19 Millionen verkauften Exemplaren zu den meistverkauften Kochbüchern weltweit zählt. 1937 kam Der Junge Koch dazu und ist bis heute ein Standardwerk an Berufsschulen für Köche.

Im Laufe der Zeit sättigte sich der Markt der Kochbücher. Heute finden sich für jede Art von Küche mehrere verschiedene Ausgaben, Trends wie Veganismus mit seiner Welle an neuen Büchern schüren das Feuer der Sättigung weiter. Die Garzeit dieser Sparte ist längst vorüber, vor allem auch durch intermediale Konkurrenz wie chefkoch.de und diverse TV-Shows.

Und somit endet unser kleiner Ausflug in die Geschichte. Wem jetzt noch nicht der Kopf vor Zahlen schwirrt, darf auf die weitere Entwicklung des Kochbuchs gespannt sein!

Autorin: Cindy Schulze

Reisen: Mit Pausanias nach Griechenland

Reisen: Mit Pausanias nach Griechenland

Griechenland ist derzeit in allen Medien. Sparkurse, Reformen und Ausschreitungen erschüttern das Land. Dieser Artikel aber beleuchtet eine Zeit, in der es noch Denaren und Sesterzen statt des Euros gab: das antike Griechenland.

Circa 115 bis 180 n. Chr. lebte der Perieget (Reiseführer) Pausanias. Im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten der Antike war ihm zu Lebzeiten kein sonderlicher Ruhm vergönnt. Erst Stephanos von Byzanz, ein Grammatiker im 6. Jahrhundert, erkannte den Wert von Pausanias‘ Arbeit.

Sein Werk

Pausanias Reiseziele © summagallicana.it
Pausanias Reiseziele © summagallicana.it

Pausanias schrieb zwischen 150 und 180 n. Chr. zehn Reisebücher über seine Wanderungen und Fahrten durch Griechenland. Jedes Buch beleuchtet dabei ein bestimmtes Gebiet, das er dem Leser in seiner Vielfältigkeit näher bringen möchte. Allerdings ließ er Orte seiner Reise, die ihm nicht so wichtig schienen, links liegen. Man müsse selektieren, soll er einmal gesagt haben. Innerhalb von Städten verlief seine Route immer gleich. Er ging von einer Seite durch das Zentrum zur gegenüberliegenden Seite, um dann wieder zurück zur Mitte zu kehren und so verfuhr er, bis er seiner Meinung nach alles Wichtige gesehen hatte. Sein Schreibstil zeichnet sich durch eine hohe Verständlichkeit und sehr viele emotionale Eindrücke aus. Viele Passagen sind sogar humoristisch. Beispielweise erklärte er die Tat eines olympischen Sportlers, der Selbstmord beging „für Wahnsinn als für Mannhaftigkeit“. Wie man bemerkt, kommen also historische Ereignisse aber auch Sagen und Bräuche einer Region in seinen Beschreibungen nie zu kurz. Leider erreichte er durch seine eigentümliche Art der Berichterstattung kein Publikum. Für die Gebildeten waren seine ausschweifenden Beschreibungen über die Landschaft zu viel und als ein Reiseführer taugten die Schriftrollen ebenso wenig, weil sie zu schwer und lang waren. Die Nachwelt aber ist denkbar froh über seine Ausführlichkeit, sowohl in der Beschreibung als auch in der Wiedergabe von Gehörtem.

Sein Vermächtnis

Viele bedeutende Ruinen und Plätze wären ohne Pausanias nie gefunden worden. Mithilfe seiner sehr detaillierten Beschreibungen konnte man ganze Dörfer und heilige Anlagen rekonstruieren. Außerdem hilft seine Wiedergabe von Inschriften auch heute noch die Bedeutung vieler Bauwerke zu identifizieren. So wird Pausanias mit seiner Beschreibung Griechenlands heute – zumindest unter Archäologen und Geschichtsbegeisterten – die Ehre zuteil, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. Und ich habe mir vorgenommen mich irgendwann auf die Spuren dieses sehr sympathischen Reiseführers zu begeben.

Autorin: Melanie Uhlig