Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Kosmos eines Vorzeige-Intellektuellen

Der Fernsehmoderator und Publizist Roger Willemsen ist tot und hat damit bedauernswerterweise das letzte Ende seiner Welt gefunden. Mit gerade einmal 60 Jahren erlag er den Folgen seiner erst im August 2015 diagnostizierten Krebserkrankung. Er hinterlässt weder eine Frau noch Kinder, aber dafür ein beeindruckendes Lebenswerk.

Willemsen galt als einer der bekanntesten Intellektuellen in Deutschland. Er beschäftigte sich schon früh als Kind mit den Werken des Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett und studierte später dann Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, München, Wien und Florenz. Nach Abschluss seines Studiums promovierte er über die Literaturtheorie von Robert Musil. Anschließend arbeitete er ca. drei Jahre als Korrespondent für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten in London.
Mit seinem Ende der 80er erschienenen Buches „der Selbstmord“ wurde er zwar nicht zum Bestsellerautor, dafür jedoch mit Titeln wie „die Enden der Welt“ und „das hohe Haus“. Für Letzteren setzte er sich sogar ein Jahr auf die Zuschauertribüne des Deutschen Bundestages und beobachtete das Geschehe akribisch.

Roger Willemsen
Roger Willemsen (Quelle: Wikimedia/blu-news.org)

Er war aber bestimmt kein klassischer Stubenhocker, welcher das Gesicht nur in gehobener Literatur vergrub. Vielmehr konnte man ihn schon als Rebellen seiner Zeit bezeichnen. Von sich selbst sagte er, er hatte schon ziemlich früh all das, was wirklich alle haben sollten: Alkohol getrunken, gekifft und politische Parolen an Häuserwände gesprüht. Ebenso Partys im Bonner Maddox (eine Untergrunddisco) gehörten als Jugendlicher zu seiner Freizeitbeschäftigung, wie auch der ein oder andere Bordellbesuch. Einen dieser Besuche beschrieb er auch in seinem Buch „Momentum“, wo es heißt:“Als ich alt genug war, ging ich ins Bordell und stellte fest, dass ich nicht alt genug war, denn ich war zu nichts gut“.

1991 startete er seine Fernsehkarriere beim damaligen Bezahlsender Premiere. In seiner Show „0137“ interviewte er zwei Jahre im Wechsel mit Sandra Maischberger eine Vielzahl von Gästen. Darunter auch Assir Arafat, einen Mann der durch seine eigene Mutter vergewaltigt wurde und einen Kannibalen. Tabuisierte Themen gab es beim ihm nicht. So hat er z.B. auch einen Pornostar gefragt:“Ob die Pornodarstellerin wirklich im Kopf ihren Einkaufszettel schreibt, während sie von hinten durchbohrt wird“.
Für seine feine Balance zwischen Boulevard und Politik wurde er Unteranderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dies sollte sein absoluter Durchbruch in der deutschen Medienbranche sein. Später wechselte er zum ZDF und moderierte nicht nur einige Talkshows, sondern auch Kunst- und Kulturveranstaltungen. Da aber die glücklichsten Entscheidungen in seinem Leben stets Kündigungen waren, entschloss er sich 2001, jedenfalls zum Teil, sich aus der Fernsehlandschaft zurückzuziehen.

Willemsen versuchte seinen Fokus von nun an mehr auf das Schreiben und Reisen zu legen. Für sein Buch „die Enden der Welt“ besuchte er die entlegensten Orte. Von Borneo über Patagonien, bis hin zum Nordpol und Kinshasa. Kein Weg auf seinen Reisen schien ihm zu beschwerlich. Auf seinen langen Wegen traf er dann auch mal den Dalai Lama. Dennoch behielt er das Geschehen der Medien hier zu Lande immer im Auge. Dann und wann kam er auch nicht umhin seine Meinung zu Personen oder Formaten im Fernsehen zu äußern. So bezeichnete er z. B. Das Format Germany’s Next Topmodel als eine moderne Art des „Mädchenhandels“ und sagte über Heidi Klum folgendes: „Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Sein soziales Engagement beschreibt seinen Charakter wohl am detailreichsten. Als Bürger des öffentlichen Lebens und mit einer beachtlichen Reichweite, empfand er es als seine Pflicht zu helfen wo er nur konnte. Er war nicht nur Mitglied bei Attac (ein globalisierungskritisches Netzwerk), sondern brachte sich auch bei Amnesty International, der UN-Flüchtlingshilfe, Terre des Femmes und „Deine Stimme gegen Armut“ ein. Seit 2005 half er in Afghanistan Schulen und Brunnen für die vom Krieg gebeutete Bevölkerung aufzubauen. Dabei traf er sich dann für Verhandlungen mit dem ein oder anderen Al-Qaida-Führer. Auch deshalb weil er Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins e. V. war, welcher ihm sehr am Herzen lag. Genauso sprach er mit Ex-Insassen über die Haftbedingungen in Guantanamo und schrieb dies in einem weiteren Buch nieder. Für ein Kinderhospiz in Bielefeld war er Unteranderem auch noch Pate. In einem Interview erzählte er die herzergreifende Geschichte eines kleinen Jungen, der kurz nach dem er die Nachricht über seinen bevorstehenden Tod erhielt, zu ihm kam und sagte: „Mir ist langweilig“.

Roger Willemsen – Intellektueller, Weltbürger und Menschenfreund: Die Geschichte seines Lebens war beispiellos und man kann nur hoffen das es ihm noch viele mehr gleich tun werden. Denn mit ihm starb eine der wohl bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Deutschen Medienlandschaft.

„Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten“

Roger Willemsen spricht über sein Buch „die Enden der Welt“:
https://youtu.be/3JM19bhNl18

Autor: R.Wenzel