Poetry Slam – aufblühender Trend in Leipzig?

Poetry Slam – aufblühender Trend in Leipzig?

In Veranstaltungsplanern findet man immer häufiger Poetry-Slam-Events. Woran das liegt, wie man zum Slammen kommt und wie das aus der Sicht eines Slammers ist, habe ich mit Karl-Georg Gräfe besprochen. Er schreibt Texte und trägt sie vor, früher in Delitzsch, heute in Leipzig. 

Karl-Georg Gräfe im Interview
Karl-Georg Gräfe im Interview

Stell dich kurz einmal vor.

Ich bin Karl. Ich arbeite hauptberuflich im BFW Bau und schreibe nebenbei. Inzwischen bin ich 26, habe Anglistik studiert, bei Amazon Päckchen gepackt, als Küchenhilfe gejobbt, auf dem Bau gearbeitet und keinen Wehrdienst ableisten müssen. (lacht)

Wie hast du mit dem Slammen angefangen?

Zum Schreiben an sich bin ich durch Musik gekommen – Rap. Mit 13/14 habe ich angefangen selber zu schreiben und weil ich kein Taktgefühl habe, habe ich dann nur noch geschrieben ohne die Musik ringsum. Dann ist dieses Phänomen Poetry Slam aufgetaucht.

Wann war das?

Schon eine ganze Weile her. Aber ich habe erst vor 2 Jahren angefangen und den Schritt gemacht auf der Bühne zu erzählen. Ich habe vorher schon ein Weilchen darüber nachgedacht und es ist einfach der leichteste Weg seinen Quatsch unters Volk zu bringen. Wenn man versuchen wollen würde ein Buch rauszubringen, ist das auf dem Lyrikmarkt sehr schwierig. Hinzukommt, dass es echt Arbeit ist einen Verlag zu finden. Man könnte es zwar auch selbst bezahlen, aber das ist echt teuer. Deswegen habe ich Poetry Slam als mein Sprachrohr entdeckt.

Wie ist es vor versammelter Mannschaft zu sprechen? Warst du das erste Mal sehr nervös und aufgeregt?

Mein erster Slam war in Torgau im Oktober 2014 glaube ich. Da stand etwas in der Zeitung, dass die sowas machen. Da hat es sich angeboten da hin zu fahren und einfach mitzumachen. Nervös war ich schon, aber dadurch, dass man sich durchaus an seinem Zettel festhalten kann, ging das schon.

Ich habe noch nie einen Poetry Slammer mit Zettel gesehen.

Doch gibt es. Wenn ich das ganze schon schreibe, dann lern ich das doch nicht noch auswendig. Das war noch nie meine Stärke Gedichte auswendig zu lernen. Selbst wenn es meine eigenen Texte sind, macht es das nicht einfacher. Passagenweise kenn ich meine Texte schon, aber so hat man nochmal eher die Möglichkeit auf den Ausdruck zu achten und es nicht gerade runter zu leiern wie in der Schule.

Gibt es beim Poetry Slam Regeln die man beachten muss?

Grundsätzlich ist es ein Dichterwettstreit, wo man sich vergleichend gegenübertritt. Poetry Slam ist in in den 50er, 60er Jahren in New York zum ersten Mal aufgetreten, damals noch als Spoken Word tituliert. Es gibt eine Zeitbegrenzung von 7-10 min. Es darf nicht gesungen und keine Requisiten benutzt werden. Es geht um den Vortrag und den Text an sich, dass das eben im Mittelpunkt steht.

Was glaubst du wer meistens bei den Contests gewinnt? Eher die lustigen Beiträge oder die ernsthaften?

Ich glaube was am meisten Aufmerksamkeit am Ende bekommt, ist das was lustig ist. Die Leute gehen dahin um unterhalten zu werden und nicht um ihr Weltbild umstoßen zu lassen. Das ist ja auch okay so. Aber wer am Ende gewinnt, ist immer unterschiedlich, weil es ja auch immer ein wechselndes Publikum und am Ende Massenentscheid ist. Wenn über Applausometer entschieden wird, ist das eh ein bisschen schwammig, da es dann im Ohr des Moderators liegt. Tendenzen würde ich da nicht festmachen wollen.

Welche Themen interessieren dich? Worüber schreibst du selber?

Ich bilde mir ein, zumindest einen gewissen Humor mit reinzubringen, aber ich versuche schon die Themen die mich am ehesten bewegen abzuarbeiten mit einem ernsten Hintergedanken und einem Anliegen. Ich habe einen Text der heißt Generation Copy &Paste. Das ist mein Blick auf meine Generation. Es gibt einfach wichtigere Dinge für unsere Altersgruppe als Arbeit und Karriere. Damit mein ich mehr Leben als Leistung bringen. Dann habe ich noch einen anderen Text den ich sehr mag – Diptychon, wie das zweiteilige Heiligenbild. Da geht es um die Rolle der Frau heutzutage und auch die der Männer. Was ist männlich, was ist weiblich? Und macht das Sinn das so einzuteilen? Das ist ein Thema, dass mich persönlich sehr interessiert. Das sind auch durchaus Themen die ernster Natur sein können, da bring ich halt lieber noch ein bisschen Situationskomik mit rein, anstatt das wissenschaftlich abzuarbeiten.

Warum zeigen zurzeit so viele Leute Interesse an Poetry Slams? Das gibt es ja schon länger.

Ich glaube es ist eine relativ kostengünstige Variante sich einen Abend lang unterhalten zu lassen und viele verschiedene Themen geboten zu bekommen. Und dann natürlich auch durch sowas was sehr große Aufmersamkeit erregt wie Julia Engelmann mit ihrem Text „Eines Tages werden wir alt sein“. Was punktuell eine recht große Aufmerksamkeit bekommt, da entsteht auch ein allgemeines Interesse.

Wer verdient bei den Poetry Slam Veranstaltungen oder ist es eine Ehrensache?

Daran verdienen die die Location bieten, zum Beispiel das Westwerk hier in Leipzig. Die verdienen natürlich an den Getränken an dem Abend. Diejenigen die das selbst veranstalten, kriegen ein bisschen mehr rein als die Kosten durch die Eintrittsgelder. Die Künstler an sich bekommen vielleicht ihre Fahrtkosten wieder aber machen das im Großen und Ganzen aus Spaß an der Freude und für die Sache. Dann hat man ja noch ein paar Bekanntere wie Julia Engelmann und Sebastian 23, die vielleicht davon leben können.

Kannst du mir abschließend eine Anekdote erzählen?

Beim Westslam wo ich war, war einer der für „Die Partei“ tätig ist, der sehr viel von Zahlen gesprochen was Schwarzverschuldung und EZB Bankenrettung betrifft. War durchaus auch amüsant. Er musste von der Bühne getragen werden, weil er sein Zeitlimit rigoros überschritten hat und sich auch davon nicht abhalten lassen hat, als das Mikro abgestellt wurde. Der war voll bei der Sache, der wollte erzählen. Manchmal ist einer auch mal betrunken der vorträgt, aber die meisten sind relativ gut erzogene Mittelstandskinder. Die Zeiten von nackt über die Bühne rennen sind vorbei.

Karl, vielen Dank für das Gespräch.

Autorin: Viktoria Gamagina