Lerche liest: Bücher von … Schweizer Autoren

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Vor einigen Jahren saß ich in einem Universitätsseminar und wir spielten mit Computern: Mit Hilfe von dazu ausgelegter Software konnten wir auf den verborgenen Hintergrundseiten der Wikipedia feststellen, dass der Autor Christian Kracht hobbyweise seinen eigenen Wikipedia-Eintrag bearbeitet. Im Rahmen dessen hat er sich 2006 etwa mehrmals umentschieden, ob er der Welt als „Schweizer Autor“, „Schweizer Schriftsteller“ oder lieber „Schweitzerischer Schriftsteller“ bekannt gemacht werden möchte.  Stand der Dinge aktuell: „Schweizer Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist“. Für uns auf jeden Fall Grund genug, euch diese Woche drei Bücher von bekannten Schweizer Autoren aus dem Reich der Neutralität und des Bergkäses vorzustellen.

Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

© S. Fischer

Ein Mann trifft eine Frau, sie gehen die meiste Zeit spazieren, und er drängt darauf, ihr eine Geschichte erzählen zu dürfen. Ebendiese handelt davon, dass er das Leben bereits kennt, das sie führt. Und sogar schon weiß, was ihr noch bevorsteht. Er hat nämlich das gleiche – kein nur ähnliches – bereits selbst gelebt. Sie heißt wie seine Ex-Freundin, er heißt, wie ihr aktueller Freund. Aber nicht nur das: im wahrsten Sinne des Wortes gruselig viele Rahmenumstände und Details der beider Paare Leben stimmen überein. Wo mag das herrühren und hinführen?

Soweit der Ausgangspunkt, von dem aus Peter Stamm sich auf den Weg macht, die alten Fragen rund um das Schicksal, dessen Vorherbestimmtheit, und natürlich – als größte Frage von allen – die Liebe mal wieder zu erforschen. Erschienen ist das Buch, pünktlich zur vergangenen Leipziger Buchmesse, in einer wunderschönen gestalteten Ausgabe im S. Fischer Verlag.

 

 

 

 

S. Fischer

Hardcover, 160 Seiten, 20,00 Euro

ISBN: 978-3-10-397259-7

Mehr Infos unter: https://www.fischerverlage.de/buch/die_sanfte_gleichgueltigkeit_der_welt/9783103972597

 

Max Frisch – Montauk

© Suhrkamp

Um den Posten des größten Schweizer Literaten im 20. Jahrhundert haben sich im Grunde ja nur Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt beworben. Wenn, aus heutiger Perspektive, anhaltende Aufmerksamkeit und die hingebungsvolle Zuneigung der Leserschaft als Maßstab herangezogen werden – dann hat Frisch die Stelle wohl bekommen. Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Zusammenhang nun Frischs Alterswerk Montauk in einer brandneuen Ausgabe seiner ebenfalls relativ neuen Reihe Suhrkamp Pocket herausgebracht.

Ein Mann und eine Frau spazieren von New York aus bis zur nördlichsten Spitze der New Yorker Insel Long Island. Einer Klippe, die aus den Namen Montauk hört. Max Frisch schreibt sich darin das Ziel vor „Erzählen [zu] können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden“. Die Tageszeitung Die WELT schreibt, er habe „sein persönlichstes, berührendstes Buch“ geschrieben. Und ich schreibe, an dieser Stelle, nagelt mich darauf fest: Tatsächlich! Es ist Frischs feinfühligster und schönster, sein bester Roman!

 

 

 

Suhrkamp

Taschenbuch, Reihe Suhrkamp Pocket, 219 Seiten, 10,00 Euro

ISBN: 978-3-518-46811-1

Mehr Infos unter: http://www.suhrkamp.de/buecher/montauk-max_frisch_46811.html

 

Christian Kracht – Die Toten

© Kiepenheuer&Witsch

Nach Imperium veröffentlichte Christian Kracht mit Die Toten den zweiten Roman in Folge, der uns in ein historisches Umfeld mitnimmt. Nach dem Kaiserreich unter Wilhelm II (Imperium) ist diesmal die Weimarer Republik an der Reihe. Eine unglaublich spannende Zeit, die der Roman im Vorbeigehen anhand der persönlichen Geschichte des Filmregisseurs Emil Nägeli erkundet. Der trifft dabei, obwohl selbst nur eine Erfindung des Schweizer Autors, natürlich auf bedeutende Figuren der damaligen Zeitgeschichte. Wie Siegfried Kracauer und Lotte Eisner. Und verwickelt sich versehentlich in die konfusen und absurden Umtriebe einer Filmindustrie, in der Menschen versuchen, im Angesicht eines Weltkrieges, noch immer ein Leben für die Kultur zu führen. Dazu  greifen sie zwangsweiseweise zu eher unkonventionellen Methoden…

 

 

 

 

 

Kiepenheuer&Witsch

Hardcover, 224 Seiten, 20,00 Euro

ISBN: 978-3-462-04554-3

Mehr Infos unter: https://www.kiwi-verlag.de/buch/die-toten/978-3-462-04554-3/

Autor: Christian Bartl

Aufgeschlagen: Buch-Rezensionen

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„LSD – mein Sorgenkind“ von Albert Hofmann

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“ – Paracelsus

© Klett-Cotta

Heute wird die Entdeckung von LSD fälschlicherweise für einen Zufall gehalten. Stattdessen stieß der Schweizer Chemiker Albert Hofmann während einer geplanten Forschungsarbeit auf dem Gebiet des „Mutterkorns“ im April 1943 auf die Wirkung des Lysergsäure-Diathylamid (LSD).

Nach diesem ersten Kontakt boomte die Forschung auf diesem Gebiet. LSD war für den medizinischen Gebrauch in der Psychotherapie äußerst vielversprechend und wurde nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch in der allgemeinen Presse hoch gelobt und angepriesen. Diese verharmlosenden Darstellungen hatten gefährliche Selbstexperimente zur Folge. So entwickelte sich die Innovation zum persönlichen Sorgenkind von Albert Hofmann.

Hofmann erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Wirkstoffes der sich von einem therapeutisch wertvollen Arzneimittel zu einer „Wunderdroge“ entwickelte. Auch man selbst findet sich während des Lesens im Zwiespalt von Faszination und Entsetzen wieder. Albert Hofmann malt mit dieser Veröffentlichung weder Schwarz noch Weiß. Er klärt auf, warnt vor Missbrauch und zeigt zugleich verlorene Chancen auf, das eigene Bewusstsein zu erweitern. Mit dem Genie eines Wissenschaftlers schafft er den Wahnsinn der Gesellschaft und findet seinen Frieden im Tod.

Klett-Cotta
19,95 €
224 Seiten, Gebunden
ISBN 978-360894618

„Selbstmord“ von Édouard Levé

„Diejenigen, die alt sterben, sind ein Brocken Vergangenheit. Man denkt an sie und sieht, was sie waren.  Man denkt an dich und sieht, was du hättest sein können. Du warst und bleibst ein Brocken Möglichkeiten.“ [aus „Selbstmord“, S. 11]

© Matthes & Seitz Berlin

In dem Werk von Levé begleiten wir einen Mann, der sehr in sich gekehrt ist und vieles auf andere Art und Weise betrachtet. Er versucht immer alles unter Kontrolle zu behalten und ins kleinste Detail zu planen. Mit seiner Frau lebt er zusammen in einem einfachen Haus, Kinder haben sie keine und sein Job erfüllt ihn nicht. Von Anfang an, wirkt der Mann depressiv, nachdenklich und wie ein Mensch, der nicht über seine Gedanken redet, sondern alles mit sich selbst ausmacht. Er hat mit Mitte zwanzig schon mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt und wählte letztlich den Freitod. Seine drastische Entscheidung ließ Familie und Freunde schockiert zurück, denn es gab nach außen hin keine offensichtlichen Anzeichen, die auf sein Vorhaben hindeuteten. Erinnerungen des Autors über den Verstorbenen, bieten einen Einblick auf dessen Leben.

Levé hat das Buch aus der Du-Sicht geschrieben und versucht mit diesem Werk den Tod eines Freundes zu verarbeiten und Antworten auf die vielen offenen Fragen zu bekommen. Es ist kein langes Werk, dafür aber eines, das lange nachklingt und zum Denken anregt.

Nachdem der Autor das Manuskript seinem Verleger zukommen ließ, erhängte er sich.  Spekulationen wurden laut, ob Levé seinen Freitod geplant und was sein Roman damit zu tun hatte. Eines ist jedoch sicher – selten gab es ein Werk, das einen Selbstmord so frei heraus behandelt und dessen Titel keinen Raum für Spekulationen lässt.

 

Matthes & Seitz Berlin
17,90 €
128 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3882215915

 

Autorinnen: Melody Schieck und Jana Menke

Tod und Trauer im Verlag – Ein Thema über das keiner reden, aber viele lesen wollen

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Was früher nur Sache der Kirche war, übernehmen seit einiger Zeit auch Verlage: Trauerhilfe. Sie erschließen damit einen neuen Teil des Buchmarktes und fungieren als Therapeuten für Autoren und Leser.

Im Mittelalter war der Tod ein ständiger Begleiter der Menschen. Durch Seuchen und Hungersnöte starben Viele, wobei oftmals feierliche Zeremonien stattfanden. Die Fenster und Türen wurden geschlossen, Kerzen entzündet und man versammelte sich um das Bett des Sterbenden. So konnten alle Abschied nehmen und an das Leben des Verstorbenen zurückdenken. Außerdem betete der Sterbende zu Gott, um die Vergebung seiner Sünden. Nach dem Tod wurden eine Reihe von Ritualen durchgeführt. Es wurde ein Fenster geöffnet, damit die Seele des Verstorbenen entweichen konnte und alle Spiegel im Haus verhängt. Die Verwandten wuschen den Toten und bahrten ihn im Haus auf, damit jeder, der zu Besuch kam, sich noch einmal von ihm verabschieden und für ihn beten konnte. Am Tag der Beerdigung, wurde der Sarg gemeinsam zum Friedhof getragen. Der Tod traf die Menschen damals nicht so hart, da man glaubte, er sei nur ein Übergang in ein besseres Leben und da früher hauptsächlich in Gemeinschaft getrauert wurde. Man hielt noch an traditionellen Trauerritualen fest. Seitdem hat sich das Verhältnis zum Tod geändert, denn heute ist es zur individuellen Angelegenheit geworden.

Wer verlegt diese Bücher?

Da uns das Thema Tod alle irgendwann beschäftigt hat oder wird, besitzen auch viele Verlage in ihrem Sortiment einige Bücher dieser Rubrik. Es gibt jedoch wenige Verlagshäuser, die sich ausschließlich damit beschäftigen.

Ein Beispiel ist der Thomas Verlag Leipzig. Er wurde im Mai 1990 von Theologe Paul Gerlach und Thomas Blankenburg, Ingenieur für Polygrafie gegründet. Seit einigen Jahren besitzen sie ihre eigene Druckerei. Der Verlag verkauft hauptsächlich Trauerkarten und Urkunden für kirchliche Feste, wie z. B. Konfirmation und Taufe. Aber auch biblische Texte in Form von Büchern, die bei der Trauerbewältigung helfen sollen, werden verlegt. Ihnen ist es ein besonderes Anliegen, hoch qualitative und anspruchsvolle Fotos auf ihren Trauerkarten zu präsentieren, da gerade in Zeiten des Verlustes und Trauerns Bilder und Zeichen mehr sagen können als Worte.

Meistens bieten Verlage nebenbei auch Bücher zu religiösen und spirituellen Themen an, wie der Patmos Verlag beweist. Die Patmos Verlagsgruppe ist seit 2010 in Mannheim ansässig und gehört zum Cornelsen Verlag. Sie verkaufen sowohl Bücher für Trauernde, als auch Ratgeber für Trauerbegleiter neben Themen wie Meditation, Christentum und Depression.

Es existieren auch viele Ratgeber Verlage, die sich mit der Trauerbewältigung beschäftigen, wie z. B. der PAL Verlag. Er setzt sich auch damit auseinander wie man Menschen helfen kann, die sich die Schuld für den Tod eines Anderen geben oder ob man nach dem Verlust des Partners eine neue Beziehung eingehen sollte.

Wer kauft die Bücher?

Es werden natürlich vorwiegend Hinterbliebene angesprochen, die sich erhoffen, den Kummer durch die Bücher zu bewältigen. Dies sind meist Erwachsene und Senioren. Aber auch Kinderbücher zum Thema Tod kann man erwerben, wie z.B. beim Lebensweichen Verlag. Sie klären kindgerecht über den Tod und die damit verbundene Trauer auf, um Eltern in ihren Erklärungen zu unterstützen. Auch Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des Trauernden kaufen diese Bücher, um sie entweder an das Trauerhaus zu verschenken oder sich selbst Rat zu holen, wie sie in dieser Zeit am besten helfen können. Außerdem interessieren sich gelegentlich Jugendliche und Erwachsene unabhängig von einem Trauerfall für Bücher dieser Art. Die Nachfrage wird wohl deswegen zukünftig konstant bleiben.

Wie nahe sind die Verlage am Thema?

Im letzten Jahr erwarb Christiane zu Salm den Berliner Verlag Nicolai, einer der ältesten Buchverlage Deutschlands. Sie ist gelernte Verlagsbuchhändlerin und war zuvor sowohl im Fernsehen, als auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin tätig. Im Jahr 2013 veröffentlichte zu Salm den Bestseller „Dieser Mensch war ich“, in dem sie Personen auf dem Sterbebett nach ihrem persönlichen Resümee fragte. Die überraschend ehrlichen Rückblicke auf das Leben dieser Menschen, berührten viele Leser. Letztes Jahr erschien die Fortsetzung „Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen“. Christiane zu Salm hat selbst seit der Kindheit mit dem Tod ihres kleinen Bruders zu kämpfen und weiß daher, wie schwer das Weiterleben tatsächlich ist. Diese Bücher sind also auch eine Art an ihrer eigenen Trauer zu arbeiten. Vorwiegend möchte sie aber den Lesern Mut machen sich für ein neues Leben nach dem Verlust zu öffnen, indem sie zeigt, dass es schon Menschen vor ihnen geschafft haben. Zwischenzeitlich war zu Salm geneigt aufzuhören, da einige Schicksale sie sehr belastet haben, aber es ist ihr ein persönliches Anliegen, dass diese Geschichten erzählt werden. Am wichtigsten ist es zu akzeptieren, dass jeder anders trauert, meint sie.

Therapie für Autoren und Leser

Man hört nicht nur von Christiane zu Salm, sondern auch von einigen anderen Autoren, dass sie ein Buch geschrieben haben, um ihre Trauer zu verarbeiten. Man könnte also annehmen, dass sie gar nicht für die Leser schreiben, sondern nur für sich selbst. Aber dann würden sie ihre Bücher wohl kaum veröffentlichen. Die Autoren erhoffen sich, mit ihren niedergeschriebenen Gedanken auch anderen Menschen zu helfen. Denn meistens herrscht nach dem Trauerfall eine große Sprachlosigkeit der Betroffenen. Sie wollen lieber darüber lesen, anstatt zu reden. Natürlich beabsichtigen die Autoren nicht, dass Bücher zur dauerhaften Alternative gegenüber der Kommunikation mit anderen Menschen werden. Sie sollen lediglich dabei helfen, dass Trauernde sich Zeit für sich selbst nehmen, um sich danach leichter Anderen öffnen zu können.

Der Tod und die Trauer scheinen immer noch Tabuthemen in der Verlagsbranche zu sein. Zwar gibt es vereinzelte Bücher, die sich in den Sortimenten der Verlage finden lassen, aber dies ist kein Vergleich zu Themen wie Vampire, Liebe, Kochen usw. Es wird jedoch sichtbar, dass es sich durchaus lohnt, sowohl für Verlage, als auch für Autoren und Leser, sich mit Trauerbewältigung zu beschäftigen.

Autorin: Janka Diettrich