Literatur & Rock ’n’ Roll – Eine Playlist aus zwei Welten

Literatur & Rock ’n’ Roll – Eine Playlist aus zwei Welten

Musik und Lesen – auf den ersten Blick ein Gegensatz wie laut und leise. Unsere Playlist soll jedoch zeigen, dass sich viele Bands und Künstler des Rock von den großen Werken der Literatur inspirieren ließen und deren Inhalte für ihre Fans zugänglich machten.

Obwohl im Allgemeinen das Genre der Rockmusik nicht mit Eigenschaften wie Intellektualität, Anspruch und Komplexität assoziiert wird, findet sich gerade hier eine erstaunlich hohe Anzahl an Songs, die sich auf Bücher und Erzählungen beziehen und deren Geschichten musikalisch interpretieren. Zur groben Orientierung haben wir eine Playlist zusammengestellt, die euch einen Überblick über die Symbiose aus Literatur und Rock ’n’ Roll im Laufe der Jahrzehnte geben soll.

1967: Jefferson Airplane – White Rabbit

Im Kontext der aufblühenden Flower Power-Bewegung und der Verwendung in der Popkultur wird der Song oft als reine LSD-Hymne interpretiert. Sängerin Grace Slick ließ sich beim Schreiben des Liedes eigenen Angaben zufolge jedoch primär von den Kinderbüchern „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ des britischen Schriftstellers Lewis Carroll inspirieren und greift viele Figuren der Buchvorlage im Text auf.

1969: Led Zeppelin – Ramble On

Als eine der größten Hardrock-Bands aller Zeiten ließ sich auch Led Zeppelin von der Welt der Bücher inspirieren. Besonders die Fantasy-Geschichten von J. R. R. Tolkien hatten es Sänger und Texter Robert Plant angetan und somit finden sich gleich mehrere Stücke im Katalog der Band, die sich auf „Der Herr der Ringe“ beziehen. Im Text von „Ramble On“ vom Album „Led Zeppelin II“ werden mit „Mordor“ und „Gollum“ sowohl ein Schauplatz als auch eine Figur aus dem Mittelerde-Kosmos direkt benannt. Weitere Referenzen auf Tolkiens Werk finden sich in späteren Songs wie „Misty Mountain Hop“ und „The Battle of Evermore“.

1974: David Bowie – 1984

Der 1949 erschienene Dystopie-Roman „1984“ von George Orwell gilt als eines der wichtigsten Werke der modernen Literatur und hat nachhaltige Wirkung hinterlassen. So wird das Buch regelmäßig zitiert, wenn es um das Aufkommen eines Überwachungsstaates geht. Dies war bereits in den Siebziger Jahren ein besorgniserregendes Thema, weshalb sich David Bowie dazu entschloss, dem Titel ein Musical zu widmen. Jedoch stellte sich während des Schreibprozesses heraus, dass die Witwe Orwells die Rechte nicht einräumen würde und somit musste der Plan verworfen werden. Stattdessen finden sich die Songs auf dem 1974er Album „Diamond Dogs“.

1976: The Alan Parsons Project – The Raven

Edgar Allan Poe prägte mit seinen Erzählungen und Dichtungen gleich drei Genres der Literatur: Krimi, Science-Fiction und Horror. Andere berühmte Autoren geben ihn als Inspirationsquelle an, unter ihnen sind etwa Jules Verne, Arthur Conan Doyle oder H. P. Lovecraft. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Musiker intensiv mit seinen Werken auseinandersetzten. Die 1975 gegründete Progressive-Rock-Band um den ehemaligen Toningenieur von Pink Floyd, Alan Parsons, konzipierte ihr Debütalbum um die schaurigen Erzählungen Poes. Die Songs auf „Tales of Mystery and Imagination“ beziehen sich inhaltlich auf Geschichten aus dem gleichnamigen Sammelband von 1908.

1984: Metallica – For Whom The Bell Tolls

Die Achtziger stehen nicht nur für den Siegeszug der Popmusik, sondern auch für das Aufkommen von Metal als härtere und schnellere Variante des Hard Rock. Doch trotz aller Aggressivität waren die Inhalte der Lieder oftmals nachdenklich, kritisch und intelligent. So nahmen sich Metallica für „For Whom The Bell Tolls“ vom Album „Ride The Lightning“ den Stoff von Ernest Hemingways Antikriegsroman „Wem die Stunde schlägt“ vor, welcher im Spanischen Bürgerkrieg angesiedelt ist und prangern die Sinnlosigkeit des Krieges an.

1993: Nirvana – Scentless Apprentice

Kreativer Genius und Einzelgängertum gehen in der Kunst oft Hand in Hand. So ist es nur passend das Kurt Cobain, Frontmann der Grunge-Band Nirvana und selbst geplagt von Selbstzweifeln, körperlichen Problemen und einer schwierigen Jugend, sich mit dem Protagonisten Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Erfolgsroman „Das Parfüm“ identifizieren konnte. Der Song „Scentless Apprentice“ vom letzten Studioalbum der Band vor Cobains Suizid im Jahr 1994 beschreibt den Werdegang Jeans und untermalt diesen mit verstörenden Gitarrenklängen.

2004: Mastodon – Seabeast

Es gibt zeitlose Literaturklassiker, welche auch nach vielen Jahrzehnten nichts an ihrer Faszination eingebüßt haben. Herman Melvilles 1851 erstmals erschienenes Walfänger-Epos „Moby Dick“ zählt ohne Zweifel dazu. Die Geschichte von Kapitän Ahab und seiner Besatzung, die Jagd auf den legendären weißen Wal macht, wurde bereits mehrfach verfilmt, als Comic umgesetzt, zum Hörspiel gemacht und auch musikalisch vertont. Das Konzeptalbum „Leviathan“ der amerikanischen Metalband Mastodon basiert auf den Roman greift zentrale Motive in den Songs auf.

Anmerkung des Autors: Diese Playlist erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dies ist im Rahmen des Blogs auch gar nicht möglich. Die Liste soll einen Startpunkt bieten und euch ermutigen, selbst zu entdecken. Natürlich auch gerne in anderen Musikgenres!

Autor: N. Zwanzig

J. R. R. Tolkien: Urvater der Phantastik.

J. R. R. Tolkien: Urvater der Phantastik.

In a hole in the ground there lived a hobbit. So beginnt der erste Roman von John Ronald Reuel Tolkien (1892 – 1973). 1937 legte der britische Schriftsteller, Philologe und Professor für Englische Sprache mit Der Hobbit nicht nur den Grundstein für die einzigartige Welt Mittelerde, sondern auch für die moderne Phantastikliteratur.

Sprachen erfinden – Geschichten entdecken

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© wikipedia

Dabei waren The Hobbit und die Trilogie des Herrn der Ringe nicht seine einzigen Werke im Schauplatz Mittelerde. Mit The Silmarillion schuf er seinen Werken ihre eigene Mythologie. Bereits in seiner Jugend zeigte Tolkien eine ausgesprochene Affinität zu Literatur und verschiedensten Sprachen. So gründete er 1911 mit Freunden seinen ganz eigenen Club der toten Dichter: den Tea Club – Barrovian Society, eine informelle Gemeinschaft, die sich regelmäßig traf, um über Literatur zu diskutieren. Hier begann Tolkien ernsthaft eigene Gedichte zu schreiben. Aus seinen Lieblingssprachen – darunter Gotisch, Walisisch und Finnisch – wob er schließlich das, was uns später als Quenya, die Sprache der Hochelben, bekannt werden sollte. Am Institut für englische Sprache und Literatur beschäftigte er sich mit anspruchsvollen, altenglischen Werken. Die ersten zwei Zeilen von Crist – einer Sammlung religiöser Dichtungen aus dem frühen 9. Jahrhundert – des Angelsachsen Cynewulf schienen Tolkien nachhaltig zu beeinflussen:

© Haywood Magee/Picture Post/Getty Images
© Haywood Magee/Picture Post/Getty Images

Eala Earendel engla beorhtast

ofer middangeard monnum sended.

(Heil dir Earendel, strahlendster Engel,

über Mittelerde den Menschen gesandt.)

1917 verfasste er daraufhin das Gedicht The Voyage of Earendel the Evening Star. Doch seine Geschichten verfasste Tolkien nicht als Ganzes, wie wir uns die Arbeit eines Autors heute vorstellen, sondern er entdeckte sie. Auf die Frage eines Freundes Geoffrey Bache Smith hin, was denn der Hintergrund dieses Gedichts sei, antwortete Tolkien: „I don’t know. I’ll try to find out.“ Das Schreiben als Entdeckungsreise und nicht als Prozess der Neuschöpfung zu verstehen, prägte seine späteren Werke.

Mittelerde entsteht

Im Sommer 1916 wurde Tolkien zum Offizier für Fernmeldewesen einberufen. Am eigenen Leib erfuhr er die Schrecken des Ersten Weltkriegs. Vom Schützengraben in den Genesungsurlaub geschickt erfährt Tolkien schließlich vom Tod seines Freundes Smith und nimmt sich die abschließenden Worte eines letzten Briefes zu Herzen:

„May God bless you, my dear John Ronald, and may you say the things I have tried to say long after I am not there to say them, if such be my lot.“

Tolkien beginnt mit der Erschaffung einer neuen – seiner ganz eigenen – Welt und dem damit verbundenen Sagenzyklus. Seine Erfahrungen aus dem Krieg – der Einbruch des Bösen in eine friedvolle Welt – wird zum Grundthema seiner späteren Werke. Mit The Book of Lost Tales schrieb Tolkien die ersten Teile aus denen später sein mythologisches Werk The Silmarillion entsteht. Mittelpunkt dieses Werkes sind die Schöpfung Mittelerdes durch das gottgleiche Wesen Ilúvatar und die Liebesgeschichte zwischen dem Menschen Beren und der unsterblichen Elbenprinzessin Lúthien. Hier nutzt er nun konsequent seine erfundenen Elbensprachen Quenya und Sindarin.

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© wikipedia

In den 1930er Jahren legte Tolkien mit seinem vielbeachteten Vortrag On Fairy-Stories die Grundsätze des später entstehenden Fantasy-Genres fest und machte an die Erschaffung der mit erfolgreichsten Werke des 20. Jahrhunderts: The Hobbit und The Lord of the Rings. Letzteres wurde erst 1954, was zu großen Teilen an Tolkiens – inzwischen Professor für Anglistik – eigenem Perfektionismus lag. Dennoch löste The Lord of the Rings eine richtige Kulturbewegung unter Studenten aus. Tolkien begann an einer Fortsetzung des beliebten Epos zu arbeiten, stellte sie jedoch nicht fertig.

Nach seinem Tod 1973 widmet sich in Deutschland seit 1997 die Deutsche Tolkien Gesellschaft seinen Werken.

 

 

Autorin: Christin Fetzer