Preiswerte Superhelden gesucht: Buchbranche im Nachwuchs-Dilemma

Preiswerte Superhelden gesucht: Buchbranche im Nachwuchs-Dilemma

Kommunikationsstark und dynamisch sollen sie sein. Belastbar, natürlich gebildet und wahre „Digital Natives“. Die Anforderungen an die Einsteiger der Buchbranche sind hoch, und der Verlagsalltag hat den jungen Buchmenschen vor allem Blut, Schweiß und Tränen anzubieten. Jedes Jahr schrumpfen die Azubi-Klassen an den Berufsschulen, und Verlage suchen ausdrücklich nach Quereinsteigern. Hat die Buchbranche ein Nachwuchsproblem?

Wenn es nach dem WDR geht, nicht nur das. Der Sender läutet gerade mit einer vierteiligen Radioserie die Totenglocke für den Beruf des Buchhändlers. Die Berufsschule in Köln muss dieses Jahr wegen Schülermangels schließen. So verbleibt für ganz Nordrhein-Westfalen nur noch der Standort in Düsseldorf. Darüber kann der Osten Deutschlands nur müde lächeln. Die Gutenberg-Schule in Leipzig ist die einzige Berufsschule für ostdeutsche Buchhändler – außer Berlin, welche aber nur für die Hauptstadt zuständig ist. Alle anderen, ob im Harz oder von der Ostseeküste, müssen in die Messestadt pilgern. Dennoch ist es jedes Mal ein Erfolg, wenn ein Jahrgang mit zweistelligen Schülerzahlen beginnt.

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Die Gutenberg-Berufsschule in Leipzig. © leipzig.de

Hohe Erwartungen an den Nachwuchs

Tatsächlich erscheint die Beschäftigung mit totem Papier in Zeiten rasanter Digitalisierung als anachronistischer Berufswunsch, höchstens ein Refugium für Mauerblümchen mit Hang zum Eskapismus. Die sind aber genau das Gegenteil, was die Buchbranche gerne hätte. Medienprofis werden verlangt, mit allen Wassern gewaschene Content-Kapitäne, um die Unternehmen mit sicherer Hand durch den digitalen Sturm zu steuern.

Natürlich ist neben diesen „Soft Skills“ auch noch eine umfassende und moderne Bildung gewünscht. Wer heute beim altehrwürdigen Fischer-Verlag lektoriert, muss nicht nur die Feinheiten der deutschen Sprache und gewisse Kenntnisse der Hochkultur beherrschen. Digitale Medien sollen wie eine Zweitwohnung für den Nachwuchs sein. Er bewegt sich mühelos zwischen Facebook, Twitter und Google, schnappt dabei die neuesten technologischen Trends auf beherrscht sie idealerweise auch – natürlich auf allen möglichen Geräten. Nur so gelingt es einigermaßen, dem allmächtigen Teufel Amazon hinterher zu hecheln.

 

Spannender Job, karges Einkommen: Arbeit mit Büchern

Solch ein Universalgenie liegt selten schon in der Kinderwiege. Der Weg zu den höheren Weihen einer Festanstellung in der Buchbranche ist lang und steinig. Eine Ausbildung, Studium oder idealerweise beides, vielleicht noch ein Auslandsjahr, natürlich zahlreiche Praktika und Volontariate – sind längst keine Garantie, mit Ende zwanzig schließlich ein sicheres Auskommen zu finden. Ingenieure denken da bereits über den Hausbau nach, während der Nachwuchs der Buchbranche die nächste billige WG in München sucht.

Aber diese Genies, diese Übermenschen – sie wollen auch irgendwann leben können. Die Jungen Verlagsmenschen befragten Anfang des Jahres den Buchbranchen-Nachwuchs zu seinem Arbeitsleben. Fazit: Hingabe und Freude am Beruf sind ungebrochen, aber ebenso der Unmut über unverhältnismäßige Entlohnung und den Missbrauch von Volontären als Ersatz für Vollzeitkräfte.

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Digital Native, aber bitte ohne Ansprüche: typisches Berufsbild in der Buchbranche. © FirmBee/pixabay.com

Wer nach über einem halben Jahrzehnt Ausbildung nur hinhaltende Versprechen auf die nächste befristete Anstellung hört, sucht woanders sein Glück. Mäßige Bezahlung kaum über Mindestlohnniveau, um das teure Leben in Berlin, Frankfurt oder Hamburg zu finanzieren; selbstverständliche Überstunden und Chefs, deren Dienstjahre sie in ihren Augen vor jeglicher Meinungsänderung schützen: Warum sollte ein ambitionierter Medienprofi voller Ideen bei einem Verlag arbeiten? Es hört sich nicht unbedingt nach einem guten Tausch an – wenn ebenso die Marketing-Abteilung von BMW lockt. Oder der Job als Postbote zu ähnlichen Bedingungen, dieser aber wenigstens in der Nähe der Familie und mit weniger hochtrabenden Anforderungen.

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Buchstadt, Messestadt, teures Pflaster – Deutschlands Literatur-Zentrum Frankfurt am Main. © csalow/pixabay.com

Wer sich nicht mit nostalgischen Papierdogmatikern anlegen will, macht sich eher noch selbstständig. Idealismus hin oder her, aber schließlich sind wir auch ausgebildete Kaufleute und erkennen ein schlechtes Angebot. Noch weniger Interesse dürften diese trüben Aussichten bei den ersehnten Quereinsteigern mit beruflicher Kompetenz im IT-Bereich wecken. Einen XML-erfahrenen Medieninformatiker ersehnen sich eben nicht nur knausrige Buchverlage.

 

Ausbildung im Buchhandel: Eigeninitiative statt Lehrplan

Der wundervolle Beruf des Buchhändlers ist immer noch ein wichtiger Einstiegsweg in die Medienbranche. Die Ausbildung ist sehr vielfältig und jeden Tag aufs Neue spannend, aber kein Zuckerschlecken: Einsatz am Wochenende und Feiertagen gehören naturgemäß zum Einzelhandel, die Vergütung ist bei unabhängigen Buchhandlungen kaum der Rede wert. Fraglich, wer sich in dieser Gesamtsituation für eine Ausbildungsstätte in einer 40 000-Seelen-Kleinstadt irgendwo in der norddeutschen Tiefebene erwärmen kann. Es sind aber nicht nur die trüben Aussichten, welche den Nachwuchs abschrecken. Viele Buchhandlungen bilden einfach nicht mehr aus.

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Jung, Belesen und Multimedial – der Buchhändler von heute. © ksookhai/pixabay.com

Nun könnte der Geist der jungen Azubis in den Betrieben, Berufsschulen und durch gute Nachwuchsarbeit der Branchenorganisationen geschmiedet werden. Leider gilt bei uns eher: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Gerade in den engagierten, unabhängigen Buchhandlungen mangelt es oft an elementaren Kenntnissen aus der digitalen Welt. Das Webseitendesign aus den 90ern mal überholen? Kann ja der Praktikant machen, wenn er Lust hat. Softwareupdates, um Sicherheitslücken zu schließen? Nicht möglich, das billige Gratisprogramm wird seit drei Jahren nicht mehr unterstützt. Windows XP auf dem Bürorechner ist da nur die Spitze des Eisbergs.

In den Berufsschulen und Unis sieht es auch nicht besser aus. Zwischen unterfinanzierten Computerkabinetten und einem altbackenen Berufsschullehrplan (zwei Stunden zum Thema E-Books, vier Wochen korrekte Anordnung bibliografischer Daten) versuchen engagierte Lehrer, durch eigene Fortbildung den Unterrichtsstoff ins 21. Jahrhundert zu bringen. Doch was nützt die beste theoretische Bildung, wenn der Nachwuchs die Technik nicht in der Praxis kennenlernt?

Gehiiirne! Jung und zart. Das ist, was wir brauchen!

Auch wenn die Jungen Verlagsmenschen immerhin deutliche Gehaltssteigerungen feststellen konnte: Es bleibt noch viel zu tun. Selbst diese Verbesserung wäre wohl kaum ohne den Zwang des Mindestlohns gekommen. Mit Sparkurs und falscher Nostalgie sorgt die Buchbranche nicht nur für ein Abwandern intelligenter Fachkräfte, sondern behindert ihre eigene Innovationsfähigkeit. Auf Sparflamme gesetzte Volontäre mit unsicherer Zukunft behalten ihre Kompetenzen natürlich eifersüchtig für sich, um dem Verlag die dauerhafte Übernahme schmackhaft zu machen. Wenn die Vertiebs-Volontärin, die gerade das verlagsinterne CMS-System optimiert hat, dann doch geht, verschwinden natürlich auch ihre Kenntnisse. Dafür werden ihre Nachfolger endlos neu eingelernt. Ein selbstverschuldeter „Brain-Drain“.

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„Wir haben das schon immer so gemacht, das kann so schlecht nicht sein!“ Standard-Innovations-Spruch im Verlagsalltag. © StockSnap/pixabay.com

Am Ende könnte die Buchbranche tatsächlich zugrunde gehen. Nicht, weil E-Books die gedruckte Literatur ersetzen oder niemand mehr Bücher kauft. Sondern weil ihr die guten Mitarbeiter den Rücken kehren. Ich würde diesen Tod zutiefst betrauern, denn ich arbeite für mein Leben gern in der Buch- und Medienbranche, und bin da nicht allein. Wir alle in unserem Studiengang sind auf unsere Art masochistisch-idealistisch. Zeit, dass wir die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Autor: Niklas Gaube

J. F. Cotta: Der Napoleon des deutschen Buchhandels

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(c) wikipedia.de

Zwei der weltweit bekanntesten deutschen Schriftsteller, Goethe und Schiller, außerdem mit Wieland und Herder die beiden anderen Geistesgrößen des Weimarer Viergestirns. Jean Paul, Fichte, Hölderlin, Hegel, Pestalozzi und Alexander von Humboldt – alle hatten sie denselben Verleger. Im Vergleich zu seinen Autoren, ist sein Name jedoch weniger geläufig: Johann Friedrich Cotta. Wer war der Mann, der die aufklärerischen Ideale und Ideen, viele philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse einer ganzen Epoche unter seinem Haus vereinigte?

Geboren wurde Cotta 1764 in Stuttgart. Er studierte Mathematik, Geschichte, Jura, ehe er mit 23 Jahren die wenig glanzvolle, Cotta’sche Verlagsbuchhandlung seines Vaters in Tübingen übernahm. Obwohl er zunächst wenig Interesse an der Übernahme hatte, formte Cotta in wenigen Jahren aus dem provinziellen Kleinunternehmen den bedeutensten Universalverlag seiner Zeit. Er verlegte über 60 Zeitungen und Zeitschriften, u. a. Schillers Horen, wichtige wissenschaftliche Werke, betrieb einen Kunst- und Landkartenverlag und besonders die Klassiker von Goethe und Schiller hatten eine Strahlkraft über die Landesgrenzen hinaus.

Der Aufstieg der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung

Wie war dieser Aufstieg in kurzer Zeit möglich? Es waren weniger glückliche Umstände als enormer Arbeitsdrang, feiner Charakter, unternehmerisches Genie und politisches Talent. Doch eine glückliche Vermittlung spielte gerade zu Beginn eine wichtige Rolle: 1793 traf Cotta in Tübingen durch Initiative des dortigen Philosophieprofessors und ehemaligen Lehrers von Schiller auf ebendiesen. Aus diesem Treffen entwickelte sich eine enge persönliche Verbindung und Zusammenarbeit mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits weithin bekannten Dichter. Dieser war es dann auch, der den Kontakt zu Goethe und den anderen beiden Weimarern herstellte. Damit war der Grundstein für den Aufstieg der Verlagsbuchhandlung und weiterer Unternehmungen gelegt.

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Nachwirkungen

In seinem umtriebigen Leben, in dem er auch etliche Herausforderungen zu bewältigen hatte, brachte Johann Friedrich Cotta eine Vielzahl an ökonomischen, technischen, kulturellen und politischen Unternehmungen auf die Bahn. Beispiele: Revolutionierung der Drucktechnik durch den Einsatz von Dampfmaschinen, Beteiligungen an einer Papier- und Maschinenfabrik, Erwerb eines Landgutes zur modernen Schafszucht, Gründung einer gemeinnützigen Sparkasse, Beratung und diplomatische Hilfe für Fürsten und Regierende.

Doch besonders seine Leistungen für die deutsche Buchlandschaft sollen uns hier interessieren: Mit hohen Honoraren und zukunftsweisenden Verträgen war er ein Vorkämpfer der Autorenrechte. Das Urheberrecht des Autors und das Besitzrecht des Verlages wurden sorgsam getrennt, was der Kapitalisierung des Gewerbes dienlich war. Er wirkte für Reformen des Buchhandels und setzte sich gegen den Nachdruck und für die Pressefreiheit ein. 1832, im selben Jahr wie Goethe, mit dem er bezüglich den Honoraren auch schon mal aneinander geraten war, starb – inzwischen geadelt – Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf.

Sein Wirken reicht bis in unsere Zeit: Die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung wurde 1977 von der Klett-Gruppe übernommen und firmiert seitdem unter Klett-Cotta, wo u. a. die deutschen Übersetzungen der Werke von J. R. R. Tolkien erschienen sind.

 

Autor: Fabian Schwab

Kurt Wolff: Ein Verleger-Prototyp

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„Warum studierst du Verlagswirtschaft? Mit Büchern verdient man doch heute kein Geld mehr.“ Eine Frage, die ich inzwischen zu gut kenne. Warum sollte man heute noch Bücher machen wollen? Meine Antwort darauf ist ganz einfach. Kurt Wolff. Verleger, unidealistischer Idealist und ein Mensch den ich – wie sicher auch viele andere – bewundere.

Der 1887 in Bonn geborenen Kurt Wolff entstammte einer Bildungsfamilie und verlebte eine recht unspektakuläre Jugend. Er studierte in mehreren deutschen Städten Germanistik und fasste schließlich (zumindest für einige Jahre) in Leipzig Fuß. Plötzlich ging alles ganz schnell. Mit Anfang 20 lernte er Ernst Rowohlt kennen und stieg kurz darauf zunächst als stiller Teilhaber, bald jedoch in aktiverer Rolle, in dessen neu gegründeten Verlag ein. Es kam zu Streitigkeiten zwischen den Beiden und sie gingen bald wieder getrennter Wege, doch Wolff beschloss dem Verlegerberuf treu zu bleiben. Er nutzte die neu gewonnene Freiheit und passte die Verlagsausrichtung stärker seinen eigenen Vorstellungen an.

Der Kurt Wolff Verlag veröffentlichte die frühen Werke einiger der wegweisendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Unter ihnen waren Hasenclever, Werfel, Kafka und Trakl, doch auch Else Lasker-Schüler und Karl Kraus.

1919 zieht der Verlag von Leipzig nach München. Mit den Jahren veränderte sich das Verlagsprogramm und fokussierte sich verstärkt auf internationale Literatur und Kunstpublikationen. Anfang der 20er Jahre gründete Wolff in Florenz einen Verlag rein für kunstwissenschaftliche Werke.

Einige Jahre später, kommt die Wirtschaftskrise und die Verlage geraten in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Wolff muss das Münchner Verlagshaus verkaufen. Er verlässt den Verlegerberuf und widmet sich anderen Dingen, doch nach seiner Flucht vor dem zweiten Weltkrieg in den frühen 40er Jahren gründet er in den USA ein weiteres Mal einen Verlag: Pantheon Books.

Bis zu seinem Tod 1963 unterhält Kurt Wolff Brieffreundschaften mit Autoren und Künstlern. Er lebte Literatur. Durch seine Briefe bekommt man einen Einblick, wer dieser Mensch war. Es ist anzunehmen, dass es sich bei ihm nicht immer um den einfachsten Zeitgenossen handelte, doch wahrscheinlich war es genau das, was ihn so erfolgreich machte.

Er veröffentlichte die Werke der ganz großen deutschen Expressionisten und zwar bevor sie zu den Großen gehörten. Er förderte Autoren, deren Werke Weltliteratur wurden. Ein solches Literaturverständnis zu besitzen und die Sicherheit bzw. auch den Willen zu haben, sich auf neue Wege zu begeben, ist meiner Meinung nach bewundernswert.

Die Kurt-Wolff-Stiftung vergibt auch dieses Jahr am Freitag, den 18. März 2016, um 13 Uhr auf der Leipziger Buchmesse ihre Preise an unabhängige deutsche Verlage, die sich auf besondere Weise hervorgetan haben.

 

Autorin: Amelie Müller