Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

Holt die Mistgabeln raus, es mutiert!

„Aber welcher Ruhm wartete meiner, wenn es mir gelang, die Krankheiten vom menschlichen Geschlechte fernzuhalten und jeden unverletzlich zu machen.”, schwelgt Frankenstein noch verklärt vor sich hin, bevor er in Nürnberg einige Kapitel später (filmisch gern mit einem bebenden „Leeeebe!!!” inszeniert) sein Monster aus zusammengeflickten, elektrisierten Leichenteilen erweckt. Während Frankenstein in Bälde Zweifel an seiner Schöpfung kommen, sucht diese nach Liebe, wird mit Mistgabeln und Fackeln gemobbt, schwört Rache an ihrem „Vater“ und eskaliert.

Der Wunsch Krankheit und gar den Tod zu bezwingen ist ein kulturelles Leitmotiv. Die Blinden sehend, die Lahmen gehend zu machen, ist mehr noch als theologische Mythenbildung Ziel der Wissenschaft, die aus dem Unverstehen der Zeitgenossen mystizistische Blüten treibt und Stoff literarischer Verarbeitung wird. Während in Mary Shelleys Zeiten der morbide Charme der Anatomie die Fantasie beflügelte, findet auch die Gegenwartsliteratur ihre Inspiration in den Errungenschaften moderner Forschung, wie etwa Thea Dorns Anfang des Jahres erschienener Roman „Die Unglückseligen“ bezeugt. Freilich gebärdet sich die heutige Forschungsarbeit und damit die literarische Aufarbeitung subtiler als die eindrückliche Zerstückelung von Verstorbenen und das Zusammenpuzzeln ihrer Teile. Die Axt sowie Nadel und Faden wurden durch das CRISPR/Cas9-System ersetzt.

Es geht halt nicht immer mit dem Teufel zu

CRISPR klingt erstmal nach Frühstücksflocken, sind aber Teile des Erbguts von Bakterien, die für Resistenzen gegen Viren sorgen. Und weil der Mensch ein Mikrokosmos für Bakterien ist, hat er alle Veranlassung CRISPR toll zu finden. Das CRISPR/Cas9-System wiederum ist eine seit 2012 angewandte Methode, um DNA-Stränge – perspektivisch auch von Menschen – zu zerschneiden, ggf. mit dem Ziel Gene zu ergänzen, zu manipulieren oder zu entfernen. So könnten beispielsweise Erbkrankheiten beseitigt oder gar richtig fiese Gene verändert werden, die für Schlupflider, Faltenbildung und eventuell gar Altern im Allgemeinen sorgen. Kurzum: es geht um die Zukunft von Menschheit und Menschsein.

Ob des gesellschaftlichen Unwissens oder Desinteresses um diese Entwicklung veröffentliche Dorn kürzlich einen Artikel auf ZEIT Online, in dem sie ihr Unverständnis über eben diesen Mangel an Auseinandersetzung mit der sogenannten „roten Biotechnologie“ äußert. Im Gegensatz zur Genmais-Kontroverse („grüne Biotechnologie“) käme die öffentliche Diskussion über genetische Eingriffe beim Menschen zu kurz.

Bild Dorn Buch
Thea Dorns neuestes Werk: ein Mash-Up aus Frankenstein, Faust und etwas Dan Brown.

Bereits Dorns Roman, dessen Protagonistin, eine Biotechnologin, in bester frankensteinscher Manier danach trachtet Krankheit und Tod zu bezwingen, wirft die Frage auf, ob die Schöpfung oder das Handeln selbst monströser, teuflischer, ist. Erwähnte Biotechnologin trifft auf einen ominösen Mann, der behauptet, im Jahr 1776 geboren und des ewigen Lebens mittlerweile überdrüssig zu sein. Es entwickelt sich eine Tändelei. Sie möchte seine DNA analysieren, die Unsterblichkeit entschlüsseln (was definitiv romantisch ist) und schließlich fliehen sie vor einem drohenden Akademikermob nach Deutschland. Warum Deutschland? Weil – so deutet es der Klappentext an – Deutschland Faustland ist, „Die Unglückseligen“ sich, nicht zuletzt dank der Präsenz einer teuflischen Entität, in die Faust-Tradition stellt und sie fortführt. Des Teufels bedient sich Dorn als scheinbar einziger vernunftbegabter Instanz, die dem affektierten Treiben nicht ohne Hoffnung auf einen ihr genehmen Ausgang zuschaut. Es scheint als würde sie nur dem ultraschlauen Höllenfürsten die Kompetenz zuschreiben, die wahre Tragweite der Unsterblichkeitsforschung zu (er)kennen.

So ist es doch prinzipiell nicht verwunderlich, dass der von Dorn geforderte „Aufschrei“ ausbleibt, stoßen sich schlichtere als die teuflischen Gemüter bereits an der Abstraktion: weg vom Hantieren mit Leichenteilen hin zur DNA-Manipulation, gleichwohl beides in der Reflexion zeitgeistige Zukunftsangst repräsentierte und repräsentieren kann. Das Thema muss nur populärer auf‘s Tableau – drohende Freiheit von Krankheit und Tod ist zu positiv. Wo bleibt der Schaden, der den Volkszorn entfacht?

Geht’s auch infernal-banal?

Vielleicht könnte Dorn deshalb hoffen, wenn in deutschen Kinos am 13. Oktober 2016 die Verfilmung von Dan Browns 2013 erschienenem „Inferno“ anläuft. Auch diesmal geben sich in bester Brown’scher Fasson Antagonismen und Gleichnisse in Religion, Wissenschaft und Humanismus ein Stelldichein. Freilich wieder mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Am Ende ((Achtung, Spoiler!) ist es ausgerechnet ein menschgemachtes, mithilfe einer DNA-Schere erzeugtes Mutagen, das einen Großteil der Erdenbürgerinnen und -bürger unfruchtbar macht. Das Ziel des Schurken: der Überbevölkerung Herr zu werden und damit die menschliche Spezies zu retten. Frankenstein, ick hör dir crisprn. Bei Brown zugegebenermaßen massenkompatibler als bei Dorn in Buch und ZEIT. Man stelle sich das am 13. Oktober in einem deutschen Kinosaal vor:

Dunkelheit und Stille. Wer nicht ohnehin gebannt auf die Schwärze der Leinwand starrt (und sich fragt, wie Tom Hanks mit 60 noch so fit aussehen kann), schrickt mit einem Grunzen aus dem Schlaf und sieht am Ende des Films die Worte: „Im Jahr 2012 haben Wissenschaftler erstmals eine neue Methode angewendet um DNA zu manipulieren.“ Manche Kinobesucher werden womöglich jetzt schon versucht sein lieber schnell noch das eigene Erbgut weiterzugeben, ehe es zu spät ist. Dann weiter: „Im Gegensatz zu früheren Möglichkeiten kann CRISPR/Cas9 unter vergleichsweise günstigen Bedingungen in vielen Laboratorien angewendet werden.“ Die dumpfe Hoffnung, dass dies nur plumpe Angstmacherei ist, zerschlägt sich mit den Worten: „Das Science-Magazin ernannte das CRISPR/Cas9-System zum Durchbruch des Jahres 2015.“ Wer jetzt also nicht reproduktiv agiert, wird sich Babys bald nur noch aus dem Katalog bestellen können, aber: „Immerhin“, wird man sich triumphierend denken, „an Überbevölkerung sterb‘ ich nicht!“

Hm, ob das mal zur Debatte reicht? Womöglich kann sich der Geist des Sehenden nicht an all den mehr oder weniger schaurigen Aussichten entzünden, die ihm die Literaten der Zeit so flammend vorwerfen. Shelley, Goethe, Brown und Dorn stimmen nachdenklich, schockieren vielleicht, aber rütteln nicht wach. Selbst das Lassen-Sie-uns-mal-ernst-werden in einem Onlinemedium bleibt wenig mehr als Unterhaltung, die schon ganz schwere Geschütze auffahren muss, um einen großen Diskurs loszutreten. Wenn sich Dorn also nicht öffentlichkeitswirksam ein Gen-Baby made in China anschafft, wird sich das deutsche Gemüt nicht regen.

Gegebenenfalls genügt ja aber schon ein Bekloppter, der sich Zebrafisch-Gene in der DNA platzieren lässt und das Schwarz-Weiß-Denken zur Gentechnik so eindrücklich viral gehen lässt. Dass dies jedoch in Faustland passiert, darf – so auch die bittere Erkenntnis des Teufels in „Die Unglückseligen“ – bezweifelt werden. Da vermutlich noch etwas Zeit vergeht, bis mithilfe des CRISPR/Cas9-Systems das Gen für Kleingeistigkeit aus der menschlichen DNA entfernt wird, bleibt an dieser Stelle nur Thea Dorns berechtigtem Wunsch zur Diskussion Unterstützung angedeihen zu lassen. Da Mary Shelley zeigt, dass auch der Mob ein bisschen Monster ist, halten wir es mit ihr und dem elektrisierenden Weckruf an die Geisteskraft der Deutschen:

„Leeeebe!!!“

 

Autor: Martin Mai