Triggerwarnung: Dieser Artikel befasst sich mit Kontrollverlust, Panik- und Angstzuständen und beschreibt Zustände einer mentalen Belastung.
Hast du schon mal das Gefühl gehabt, du bist nicht wirklich hier? Und mit ‘hier’ meine ich unsere Umwelt, unseren Körper oder unsere Realität, die uns umgibt. Deine Sinne äußern sich auf einmal verzerrt oder bemerkend anders. Du verstehst nicht was los ist, aber alles um dich herum scheint nicht real. Oder aber du fühlst dich nicht mehr zu deinem Körper verbunden, wodurch sich ein Gefühl der Abspaltung und Entfremdung verbreitet.
Dir kommt dieses Gefühl oder besser gesagt dieser Zustand bekannt vor? Dann hast du wahrscheinlich eine Derealisation oder eine Depersonalisation erfahren. Zwei mentale Zustände, die ähnlich zu verstehen sind, sich aber in kleinen Details unterscheiden. Derealisation und Depersonalisation können als kurzfristige Reaktionen auf Stress, Übermüdung oder Angst auftreten. Wenn sie jedoch über längere Zeit bestehen und einen Leidensdruck verursachen, spricht man von einer Depersonalisations-Derealisations-Störung (DDS).
Derealisation
Eine Derealisation fühlt sich beim Erfahren an, als würde deine Umwelt nicht real sein und im gleichen Zuge wird dieser Zustand durch verzerrte Sinneswahrnehmungen begünstigt. Bei Berichten von Betroffenen mehrt sich die Beschreibung, sich wie in einem Traum zu fühlen, wie durch einen Schleier zu schauen und ein unwirkliches Umfeld wahrzunehmen. Zu betonen ist hierbei, dass die Betroffenen sich jedoch bewusst darüber sind, dass diese befremdliche Wahrnehmung keinesfalls die Realität darstellt.
Es ist ein Moment, eine Situation, die anhalten kann und dann wieder verschwindet. Sie kann dich allerdings auch begleiten und dich beunruhigen. Besonders beeinträchtigen kann es dich, in einem sozialen Kontext, in einer Prüfung, im Job oder eben allgemein immer dann, wenn du dich konzentrieren musst und willst. Die Derealisation lässt dich in dem Moment nicht mehr an der Umwelt teilnehmen und kann für Betroffene als beängstigende Erfahrung wahrgenommen werden.
Depersonalisation
Über eine Depersonalisation wird gesprochen, sofern Betroffene sich als außenstehende Beobachter ihrer eigenen Gedanken, Gefühlen, Körperreaktionen und Handlungen sehen. Allerdings können auch hier die Gefühle der Entfremdung und des Losgelöstseins gegenüber dem eigenen Körper, die Betroffenen verunsichern. Oft wird hierbei beschrieben, dass die betroffenen Personen ihr Spiegelbild als befremdlich wahrnehmen.
Genauso wie bei der Derealisation sind sich die Personen auch hier über eine veränderte Wahrnehmung der Realität bewusst und wissen, dass sie ihren Körper selbst steuern. Jedoch schließt dieses Bewusstsein das Auslösen von Angst und Panik nicht aus. Entwickelt sich eine große Angst vor dem Zustand, kann das den Stresspegel erhöhen und somit auch das Risiko, dass eine erneute Episode von Derealisation oder Depersonalisation ausgelöst wird.
Ursache
Es stellt sich nun die Frage, warum uns so etwas betreffen kann und was wir dagegen tun können.
Grundsätzlich erleben viele Menschen vorübergehende, leichte Derealisations- oder Depersonalisationssymptome, bei der meist Übermüdung oder Stress der Auslöser ist. Jedoch wird nur 0,5 – 1,5% der Allgemeinbevölkerung eine Derealisations-Depersonalisations-Störung diagnostiziert. Das liegt mitunter daran, dass dieser mentale Zustand auch als ein Symptom einer anderen psychischen und auch körperlichen Krankheit auftreten kann (zum Beispiel bei Depressionen, Angsterkrankungen, Panikattacken, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Epilepsie, Migräne, Schädel-Hirn-Trauma).
Solange die Derealisation/Depersonalisation unabhängig von anderen Krankheitsbildern auftritt, anhaltend und wiederkehrend ist, so spricht man von der bereits erwähnten Depersonalisations-Derealisations-Störung. Der Grund für das Erleben dieser Abspaltung ist noch nicht ausreichend erforscht, es lässt sich jedoch davon ausgehen, dass das Entfremdungserlebnis als Schutzmechanismus gedeutet werden kann. Betroffene schützen sich vor stark belastenden Ereignissen, indem die Realität verändert wahrgenommen wird. Deshalb stuft man das Krankheitsbild auch übergeordnet der dissoziativen Störung zu.
Mögliche Auslöser für eine DDS werden als Folgende betrachtet:
- emotionale Vernachlässigung im Kindesalter
- ein psychisch erkrankter Elternteil
- unerwarteter Tod eines Familienmitglieds oder Freundes
- chronischer Stress in der Kindheit
Das Eintreten einer erneuten Episode kann durch zwischenmenschlichen, finanziellen oder beruflichen Stress und des Weiteren durch Depressionen, Angst, Marihuana und Halluzinogene ausgelöst werden.
Behandlung
Betroffene einer DDS oder der Derealisation/Depersonalisation als Begleiterscheinung einer psychischen Belastung kann es helfen, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Hierbei wird der Ursache auf den Grund gegangen und sich somit beispielsweise mit früh erlebten Traumata befasst. Es gibt in der Psychotherapie verschiedene Verfahren, die bei Derealisationen/Depersonalisationen Wirksamkeit erreichen, wie zum Beispiel kognitive Verfahren, verhaltensorientierte Verfahren, Erdungstechniken oder aber psychodynamische Therapie.
Ein Tipp von Betroffenen beim Eintreten des Zustandes ist, sich nicht zu stark auf die Entfremdung zu fokussieren, sondern die Aufmerksamkeit behutsam auf andere Dinge zu lenken, da sie so oft schneller wieder abklingt.
Solltest du einen Leidensdruck in deinem Alltag erleben, dann darfst du dich an folgende Hilfestellen wenden:
Telefon Seelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016
Hilfetelefon Gewalt an Männer: 0800 1239900
berta – Beratung und telefonische Anlaufstelle: 0800 30 50 750
Deutsche Depressionshilfe: 0800 / 33 44 533 (Mo, Di, Do: 13.00-17.00 Uhr, Mi, Fr: 08.30-12.30 Uhr)
Autorin: Noa Kirchen
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