„Man soll nur strafen, um den Ehrgeiz zu wecken, aber nie, um zu demütigen.“ – Friedrich II
Warum hast du nur eine Drei geschrieben? Was haben deine Freunde bekommen? Wieso konntest du keine Eins schreiben? – sind Fragen, die viele Kinder im Verlaufe ihrer Schulzeit von ihren Eltern hören. In der Regel folgt daraufhin bedrückte Stille und ein beklemmendes Gefühl in der Magengrube. Was soll man auf solche Fragen auch antworten? Jede Form der Verteidigung würde in einer sieger:innenlosen Diskussion enden.
Es bleiben also scheinbar nur zwei Möglichkeiten: sich der Problematik stellen oder sich komplett zurückzuziehen und, den niedrigen Erwartungen entsprechend, weiterhin mittelmäßige bis schlechte Noten nach Hause zu bringen. In vielen Fällen versuchen es die Schüler:innen zunächst einmal auf dem ersten Weg, um den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden und weiteren Tadel und Strafen zu vermeiden. Sie stürzen sich verzweifelt in die Schulbücher und Aufgabenblätter, versuchen sich mit YouTube-Videos das anzueignen, was die Lehrer:innen ihnen nicht erklären konnten und finden sich letztlich bis spät in die Nacht am Schreibtisch sitzend. Zeit für Freund:innen gibt es kaum noch, die Priorität liegt nun darin, den nächsten Test mit höchster Punktzahl zu bestehen und die Zeugnisnoten in ein „Sehr gut“ zu verwandeln. Die Eltern sind zufrieden, weil ihr Kind nun endlich Initiative zeigt und sie sich weniger Sorgen um die Zukunft ihres Sohns oder ihrer Tochter machen müssen. Für einen kurzen Zeitraum mag diese Erziehungsmaßnahme auch funktionieren.
Bis es dann zum unvermeidbaren Konflikt kommt, der den erzwungenen schulischen Ehrgeiz auf die Probe stellt. Die Schüler:innen können trotz ihrer Hingabe und dem stundenlangen Lernen auf Dauer nicht die entsprechenden Ergebnisse liefern. Es entwickelt sich die Erkenntnis, dass das ehrgeizige Streben nach guten Noten sinnlos sein könnte, wenn das Resultat grundsätzlich nicht zufriedenstellend ist. An diesem Punkt setzen oftmals Frustration und Selbstzweifel ein, die den ursprünglich gut gemeinten „Schubs in die richtige Richtung“ zu einer, in manchen Fällen, traumatischen Lernerfahrung für diese heranwachsenden jungen Menschen machen.
Ein besonders extremes Beispiel zeigt sich im ostasiatischen Raum, speziell in China. Wo in den Schulen Deutschlands zwar versucht wird, den Ehrgeiz, gute Leistungen anzustreben, zu fördern, wird es im chinesischen Bildungssystem vorausgesetzt. Aus den PISA-Studien der vergangenen Jahre geht hervor, dass dieses System Früchte trägt. Im Bereich Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften befindet sich China stets in den obersten Rängen im weltweiten Vergleich. Kulturell betrachtet, besteht im Osten der Welt eine kaum erkennbare Kluft zwischen den Erwartungen akademischer Brillanz und deren tatsächlicher Umsetzung. Im Gegensatz zu europäischen Standards gibt es in der Regel keinen Raum für Fehler oder Versagen. Ungesunder Ehrgeiz wird meist seit der Kinderwiege von den Eltern mitgegeben und begleitet die Schüler über den Gaokao (die nationale Hochschulaufnahmeprüfung in China) hinaus ins Arbeitsleben. Dieser Test zählt zu den schwersten der Welt und entscheidet darüber, für welche Universität sich die Schüler:innen qualifizieren.
Oftmals beginnen chinesische Oberstufler:innen bereits Jahre vor der eigentlichen Prüfung dafür zu lernen und setzen sich monatelang immensem Stress aus. Auf den Social-Media Plattformen TikTok und Instagram können die Auswirkungen des dauerhaft ehrgeizigen Lernverhaltens verfolgt werden. Nicht selten fallen den, bis dato meist noch minderjährigen, Jugendlichen Haare aus. Viele klagen über Burnout und ein verzerrtes Selbstbild. Unzählige berichten davon, dass sie mindestens zwölf bis sechzehn Stunden am Tag mit Lernen verbringen und selbst ihre eigene Familie kaum mehr sehen würden. All das, um den gesellschaftlichen und familiären Ansprüchen zu genügen. Selbstverständlich gibt es auch Prüflinge, die diesem Druck nicht gewachsen sind und eine entsprechend niedrige Punktzahl in dem wohl wichtigsten Test ihrer schulischen Laufbahn erreichen. Folglich können diese Absolvent:innen mit gesellschaftlicher Verachtung und schlechteren Chancen in der Berufswelt rechnen. Eine demütigende Erfahrung, die diese Menschen ein Leben lang prägt und Beziehungen zu Familienmitgliedern dauerhaft negativ beeinflussen kann.
Autorin: Lara Domprobst
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