Alljährlicher Konzerttourismus

„Hey zieh mal den Kopf ein, ich will ein Bild von Alligatoah machen.“ – Das Bier läuft dir eisgekühlt an der Hand herunter, du denkst, dass du gleich umkippst und deine Begleitung hast du schon seit zehn Minuten nicht mehr gesehen. Wir reden hier also ganz eindeutig von einem Konzert- oder Festivalbesuch, sucht es euch aus. „Mindestens drei Konzerte und ein Festival pro Jahr“, lautet meine Devise. Doch immer häufiger vergeht mir der Spaß an diesen Veranstaltungen, wenn ich miterlebe wie der Konzerttourismus zunimmt.

Wieso das alles?

Zwei kurze Anekdoten aus meinem persönlichen Konzertbesuchrepertoire: Einmal stand ich ganz vorne an der Bühne und Schweiß und Bier dominierten den Geruch in der Luft. Plötzlich wurde dieserdurch Butter abgelöst, denn von irgendwo kam ein Stück Butter geworfen, was sich anschließend in meinen Haaren verfing (danke dafür). Und auf dem letzten Konzert wurde mir ganz unspektakulär direkt vor die Füße gekotzt (auch hier, danke dafür). Momente, in denen man eher die Nase rümpft und die man lieber nicht erlebt hätte, dennoch Momente, wofür es sich lohnt ein solche Ereignis zu besuchen. Der für mich magischste Augenblick, wenn man so will, ist der, wenn der Pit geöffnet wird und alle auf den Moment warten um springend aufeinander loszugehen. Dennoch: alles unter der Devise „niemand bleibt am Boden“. Das ist die neue Definition von Gemeinschaft. Musik führt Menschen auf einer Ebene zusammen, auf derer sie sich vielleicht sonst nie begegnet wären. Es ist bekannt, dass Musik heilend auf die Psyche wirkt. Geschmäcker sind verschieden, so auch bei Musik. Wo die einen gerne auf dem Konzert pogen und stagediven, da liegen sich andere lieber in den Armen, wenn leise, melodische Töne erklingen. Musik wirkt sich auf das Bewusstsein und den Gemütszustand aus und kann somit positive Gedanken hervorrufen… doch diese Magie verflüchtigt sich immer mehr. Da, wo die Vorband anfängt zu spielen und alle die leise Hoffnung hegen, einen ersten Blick auf den Hauptakt zu bekommen, werden die Handys herausgeholt und statt den Händen in die Luft gehalten. Es beschleicht einen immer die Sorge, in einer Instagramstory negativ aufzufallen oder dass man beim Filmen seine eigene Stimme im Hintergrund hört, deswegen bleibt man lieber stumm. Heute muss alles, was auf Konzerten passiert, geteilt werden, sei es ein Patzer auf der Bühne oder die Tatsache das dir grad die Blonde schräg vor dir die Sicht klaut und du jetzt nicht mehr die limitierten Sneaker von Raf Camora bewundern kannst. Es muss überhaupt jeder wissen, DASS du auf einem Konzert warst, denn nur so bist du cool.

Allein aufs Konzert?

Niemand mag die Band die du dir gerne live anschauen willst oder keiner hat Zeit und Geld um sich das Konzert zu geben? Bleibt nur noch die Möglichkeit allein aufs Konzert zu gehen, doch heutzutage gilt das ja schon fast als verpönt, denn wer bist du denn, wenn du niemanden hast den du in deinem Beitrag markieren kannst? Bist du ein wirklicher Fan, wenn du The Kooks nicht einmal in deiner Story erwähnst um sie zu supporten? Sollte es nicht eher verpönt sein, ein Konzert nur zu besuchen, um allen zu erzählen, dass du ein Konzert besucht hast? Zudem interessiert es keinen, wenn du das Konzert allein besuchst, da eine Vielzahl noch nicht diesen Beitrag hier gelesen haben und somit ihren eigenen kleinen Konzerttourismus perfektionieren. Sie haben deshalb leider nur Augen für sich und für ihr Handy und es interessiert sie nicht ob du gerade mit deiner Freundin redest oder einfach nur auf den Startschuss wartest. Helft dabei, die alte Magie wieder aufleben zu lassen und packt das Handy in die Tasche und bewegt lieber euern Arm zum Beat. Denn wie sehr würdet ihr es denn bereuen, wenn ihr grad die Trennung des Paares in der Reihe vor euch verpasst und SIE nach dem Konzert knutschend neben IHM steht und verlassene Person den neuen Knutschpartner mit Blicken tötet. Und das nur, weil ihr euch grad anschaut, was Taylor Swift zum Mittag gegessen hat? (Ist wirklich so passiert)

Autorin: Sina Trautmann

Bildquelle: Pixaby

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