Kommentar

Clown oder Joker? Ein Kommentar zu Todd Phillips Kinohit

Wer nicht gerade die sozialen Medien oder das Internet im Allgemeinen meidet, hat sicherlich den Aufruhr um den neuen Blockbuster „Joker“ mitbekommen. Das Prequel zu den Batman-Filmen feierte große Erfolge und stand gleichzeitig viel in der Kritik. Ich hörte von mehreren Freund*innen, dass der Film einer der Besten gewesen sei, den sie je gesehen haben. Viele andere Zuschauer*innen schrieben wiederum auf Twitter, sie mussten den Film vorzeitig verlassen und sprachen sogar Trigger-Warnungen aus. Die Frage die sich nun stellt ist nicht ob „Joker“ ein guter oder schlechter Film ist, sondern eher warum die Meinungen so weit auseinandergehen. 

Der Regisseur Todd Phillips kreiert eine Hauptfigur, die zu Anfang weit entfernt von dem zu sein scheint, was wir als die Verkörperung des reinen Bösen aus den Batman Verfilmungen kennen. Arthur Fleck scheint ein etwas seltsamer Mann zu sein, der an einer physischen Erkrankung leidet, jedoch mit einem guten Herzen. Über viele Szenen hinweg entwickelt man Mitgefühl und Sympathie für diese Figur, vor allen Dingen, weil Arthur doch eigentlich nur seinem Traum Comedian zu werden hinterherjagt und dabei nur Demütigung erfährt.

Quelle: Leipziger Lerche

Wann wird also der Punkt erreicht, an dem Arthur Fleck zum „Joker“ wird? Was veranlasst Zuschauer*innen dazu den Saal schockiert zu verlassen? Ich glaube das spannende und diskussionswürdige an diesem Film ist, dass dieser eine Zeitpunkt wo Mensch zu Monster wird, nicht existiert. Todd Phillips erzählt die Geschichte von Mangel an Empathie in einer entmoralisierten Gesellschaft. Die düstere Stadt Gotham spiegelt das wieder.

Arthur ist, wie man später erfährt, durch ein schweres Kindheitstrauma geschädigt und muss regelmäßig Medikamente nehmen. Im Laufe des Films werden wir immer öfter Zeuge grausamer und trauriger Zwischenfälle. Beginnend damit, dass Arthur auf der Straße ohne ersichtlichen Grund von einer Gruppe Jugendlicher verprügelt wird und daraufhin seinen ohnehin armeselig wirkenden Job als Partyclown verliert. Als außerdem die öffentlichen Mittel für eine therapeutische Beratung vom Staat gestrichen werden, ist der zukünftige Joker ohne jeglichen Halt. Ganz ohne Freunde und ohne Vater, ist die Liebe zu seiner apathischen Mutter das einzige was ihm vor dem Wahnsinn stoppt. Gewalttätige Szenen häufen sich, bis Arthur schließlich aus Notwehr drei Männer erschießt. Aber auch hier ist man noch nicht vollständig überzeugt von seinem Schicksal als Bösewicht, aufgrund der ständigen Erinnerung daran, dass wir unseren Protagonisten bemitleiden sollten. 

Ich kann jedoch nachvollziehen, dass dieser Film nichts für schwache Gemüter ist. Denn als Arthur seine geliebte Mutter mit einem Kissen erstickt, seinen Kollegen brutal mit einer Schere ermordet und eine ganze Stadt in den Bürgerkrieg stürzt, verliert man schnell jegliche Sympathie, oder? Erschreckend langsam wird Arthur Fleck vom Muttersöhnchen zum wahnsinnigen Rächer. Man sollte Ausgrenzung und Mobbing gewiss nicht als Legitimation seiner Taten betrachten, dennoch beginnt irgendwann ein moralischer Disput in einem selbst. Würde ich mich genauso fühlen? Würde ich genauso handeln?

Ob man „Joker“ letztendlich als Meisterwerk oder als Zeitverschwendung bezeichnet – der Film wirft definitiv Fragen auf. Denn all die Umstände, welche Arthur zum Joker machen, sind durchaus realistisch. Was macht Mobbing und Diskriminierung mit Menschen? Warum haben Menschen mit geringen Einkommen oder niedrigem sozialen Stand geringere Chancen auf Hilfe? Gibt es überhaupt ausreichende Mittel, um sich intensiv um psychisch Erkrankte zu kümmern? All diese Fragen wurden und werden nicht zum ersten Mal diskutiert. Vielen fehlt es an Empathie für Menschen mit physischen Erkrankungen. Sie sind oft nur „Freaks“, die nirgendwo dazugehören. Man hat Angst vor dem Kontrollverlust dieser Menschen und begegnet ihnen deshalb oft mit Abstand. 

Vielleicht sollten wir statt Angst vor einer ähnlichen Eskalation, wie sie in Todd Phillips Blockbuster gezeigt wird, öfter Verständnis für Menschen wie Arthur Fleck zeigen. Denn vielleicht hätte er uns dann am Ende tatsächlich zum Lachen gebracht.

Autorin: Allegra Wendemuth

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