Die neue Social Media Wave: BeReal

Meine Erfahrungen mit der Social-Media-Plattform des „Echt-Seins“

Ich bekomme von einer Freundin eine SMS. Komisch, denke ich mir. Wer versendet denn heutzutage noch etwas über SMS? Ich öffne die Nachricht. 

„Füge mich auf BeReal hinzu.”

stand darin. Außerdem war ein Link mit einem Video angehängt. 

Ich fragte sie, was das sei und war besorgt, dass mein Handy mit tausenden Viren übersät sein würde, wenn ich den Link tatsächlich öffne. Sie sagte, es sei eine neue Social Media App. Ich vertraute ihr und lud es runter. –


Was sich einst als Spam-Nachricht, ähnlich wie ein Kettenbrief, anfühlte, ist heute ein Netzwerk mit Millionen Nutzer:innen. Ja, die Rede ist von BeReal. Die App läuft seit einigen Monaten heiß. Nutzer:innen auf der ganzen Welt, vor allem die Gen Z, vernetzen sich darüber. Sie soll das Bedürfnis nach Authentizität befriedigen, dem Instagram mit der Hochglanz-Welt schon lange nicht mehr gerecht werden kann. 

BeReal gibt es zwar schon seit 2019, doch erst dieses Jahr hat sie sich vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda wie ein Lauffeuer verbreitet und über 53 Millionen Downloads generiert. Im August schaffte die in Frankreich entwickelte App auf Platz 1 der Download-Charts im App Store. BeReal ist aktuell kosten- und werbefrei. 

Was genau passiert dort eigentlich? 

Das Prinzip ist einfach: 

User:innen erhalten einmal täglich eine Notification mit dem Text: „Time to BeReal“. Die Uhrzeit variiert dabei, sodass man nie weiß, wann es so weit ist. Anschließend hat man zwei Minuten Zeit, ein Foto von dem, was man gerade tut, zu posten. Die Besonderheit: Vorder- und Rückkamera machen gleichzeitig ein Foto. Dadurch soll laut Entwickler:innen eine authentische, ungefilterte Momentaufnahme aus dem Leben entstehen. Den Moment verpasst, kann man auch zu einem späteren Zeitpunkt ein Schnappschuss festhalten, ein sogenanntes „Late“. Erst sobald man selbst etwas gepostet hat, kann man all die Momentaufnahmen der Freund:innen sehen. 

– Doch schafft es BeReal tatsächlich, dass sich User:innen authentisch in allen Lebenslagen darstellen? Oder erhöht sich nicht eher wieder der Druck, das beste, aufregendste und tollste Leben zu haben oder es zumindest vorzugaukeln, wie es in anderen sozialen Kanälen leider oft der Fall ist? Ich habe es ausprobiert.

Meine persönliche Reise mit BeReal geht weiter

Zu Beginn fand ich die App wahnsinnig toll und zwanglos. Ich hatte 3 Freund:innen, mit denen ich täglich die blödesten Grimassen teilte. Es war alles Spaß, kein Zur-Schau-Stellen, kein Posing – im Gegenteil. 

Im Laufe der Zeit veränderte sich dies, ohne dass ich es bemerkte. Ich fügte immer mehr Menschen zu meinen BeReal Kontakten hinzu und wollte mich auf einmal nicht mehr in Momenten preisgeben, in denen ich die Situation für nicht interessant genug empfand. Der Druck stieg, umso öfter ich anderen dabei zusah, wie sie unterwegs waren und etwas Spannendes erlebten, während ich zu Hause im Bett lag und für’s Studium lernte.

Die Semesterferien standen an und ich reiste. Ich wartete auf die Benachrichtigung mit bedrohlich gelbem Warnzeichen, wenn ich etwas Tolles erlebte. Sobald sie kam, machte mich das Herunterzählen der zwei Minuten leicht nervös. Ein, zwei, nein drei Versuche dauerte es, bis ich ein Bild hatte, welches mir gefiel. Ich wollte zeigen: Hier, ich tue nicht immer nur langweilige Dinge! Dann kam ich zu der Feststellung – das ist nicht real.

Gen Z, zu der ich auch zähle, wünscht sich Authentizität – doch es ist nicht authentisch, wenn ich mich nur von den besten Seiten zeige. Eben nicht dann, wenn ich langweilige Dinge tue. Soziale Kanäle, wie Instagram haben mich augenscheinlich konditioniert für diese Verhaltensweise und Scheinwelt – was sich wohl nicht einfach ablegen lässt. 

Für mich ist auf jeden Fall eins klar geworden

Im Endeffekt zeigt man sich nur in den Momenten, in denen man sich zeigen möchte und diese müssen noch lange nicht das eigene facettenreiche Leben widerspiegeln. Dasselbe gilt im Umkehrschluss dann auch für die Anderen und sollte einen nicht derart beeinflussen. BeReal ist eine Spielerei, um mit Freund:innen digital den Alltag zu teilen – doch nun eben auch nicht immer real

Mein Tipp: Wenn man Lust auf die authentische Verwendung der Plattform hat, sollte man sich auch nur die Kontakte hinzufügen, bei denen man nicht das Gefühl hat, sich zur Schau stellen zu müssen. Mit der Freundin aus der Grundschule oder dem ehemaligen Crush aus der Oberstufe, reicht es schließlich auch auf Instagram befreundet zu sein. 

Ich für meinen Teil lege das Scheinheilige ab, lösche unnötige Kontakte und nutze es wieder, wofür es ursprünglich gedacht ist: um blöde Grimassen und ein morgendliches Bild beim Zähneputzen mit Freunden zu teilen. Ohne Druck und ganz ungefiltert. 


Autorin: Clara Reinhardt
Bildquelle: https://bere.al/en

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