Schlimmer als die Polizei erlaubt!

Am 25. Mai 2020 ging ein Video um den Globus, welches Menschen überall erschütterte. Es zeigt einen Polizisten, welcher neun Minuten und 29 Sekunden lang, mit seinem vollen Gewicht, auf dem Hals des Afroamerikaners George Floyd kniet. Umstehende Polizist:innen schreiten nicht ein, das Opfer stirbt schließlich durch Ersticken.
Diese Tat löste eine Welle der Empörung aus. Etliche Demonstrationen unter dem Motto „Black Lives Matter“ protestierten gegen Polizeigewalt in den USA. Doch was weit weg erscheint, findet sich auch hier in Deutschland. 

„Tatort Polizei – Gewalt, Rassismus und mangelnde Kontrolle“ gibt einen Einblick in das System der deutschen Polizei – und seine Fehler.

Freund und Helfer?

Der Report beginnt mit dem Fall von Sven, welcher 2016 in Düsseldorf nach seiner Teilnahme am Christopher Street Day festgenommen wurde. Er ist Außenstehender eines Streits in einer McDonalds-Filiale und wird aufgrund eines Missverständnisses festgenommen. Doch dabei bleibt es nicht. Die diensthabenden Polizist:innen schlagen und misshandeln ihn. Trotz seiner Verletzungen wird er stundenlang in einer Zelle festgehalten und anschließend nackt vor die Tür gesetzt. Dies ist eines von zahlreichen Beispielen, die sich in kommunalen Institutionen abspielen.

Im Laufe des Buches wird dieser Fall weiterhin begleitet – angefangen von der Traumatisierung von Sven bis hin zu seinem Kampf vor Gericht gegen die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist.

Auch die Geschichte einer Polizeianwärterin, die bei dem betreffenden Einsatz anwesend war und im Anschluss selbst Schikane durch ihren Vorgesetzten erfahren hat, wird beleuchtet.

Doch nicht nur die in diesen Prozess involvierten Personen kommen zu Wort. Auch Polizeigewerkschaften, die Behörden selbst sowie Lehrende erzählen von ihrer Sicht auf die Dinge.

Report mit Ursachenforschung

In dem Report geht es keinesfalls darum, die Polizei im Allgemeinen an den Pranger zu stellen oder etwaige Parolen zu befeuern, die sich zuhauf an den Häuserfassaden in Leipzig-Connewitz finden lassen. Vielmehr geht es um die Aufarbeitung der Gründe, die zu solchen Vorfällen führen – und deren Behebung. 

Von der Ausbildung der Anwärter:innen, über deren Bestehen und Nicht-Bestehen eine einzige Person entscheidet, wodurch viele Polizist:innen ihren Traumberuf gar nicht erst ausüben dürfen. Über die chronische Überlastung der Beamten, der zunehmenden Gewalt gegen sie und den Frust, der nicht abgebaut werden kann. Die Dienstzeiten ermöglichen kein geregeltes Familienleben, ein Austausch mit psychologisch geschultem Personal in Supervisionen bleibt ihnen ebenfalls verwehrt. Besprechungen für das Hinterfragen des eigenen Handelns finden nicht statt und durch den „Kollegen-Kodex“ ist es schwierig für Kritiker:innen, an die Öffentlichkeit zu treten. 

Doch auch den Opfern werden von staatlicher Seite durch entsprechende Gesetzesänderungen, wie zum Beispiel der Aufhebung der Kennzeichnungen von Polizist:innen in einigen Bundesländern, Steine in den Weg gelegt. 

Recherche – das A und O

Die im C.H. Beck-Verlag erschienene Publikation ist – wie bereits angesprochen – ein Report. Während des Buches habe ich mich gefühlt, als würde ich eine Dokumentation „lesen“. Ich konnte mir die einzelnen Situationen bildlich vorstellen, denn auch das Umfeld und das konkrete Verhalten der Beteiligten werden beschrieben. Dies verleiht dem Buch eine gewisse Dramatik und somit umso mehr Spannung.

Die beiden Autoren Jan Keuchel und Christina Zühlke berichten seit Jahren als Redakteur des Handelsblatts sowie als Film-Autorin für ARD und WDR investigativ über Skandale und soziale Brüche, darunter auch Probleme der Polizeibehörden. Die beiden wurden dafür mehrmals mit renommierten Journalistenpreisen belohnt.

Was bleibt

Über dieses Buch bin ich – wie bei den meisten Büchern – durch Zufall gestolpert. Es hat mich in seinen Bann gezogen und nicht wieder losgelassen. Dieser Report ist Pflichtliteratur für alle, die die Zusammenhänge unseres Ordnungsorgans verstehen wollen. Obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, ist es nicht weniger spannend zu lesen als ein Nele-Neuhaus-Krimi – auch wenn ich mir oft gewünscht habe, dass die Geschichten der Menschen nur ausgedacht wären. 

Autorin: Michaela Gerland
Bildquelle: unsplash

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