Studierende im Lockdown

Zwischen „Luxusproblemen“ und realer Verzweiflung

Montag, 22. März 2021. Ein weiterer Tag im Lockdown. Noch haben die Studierenden in Sachsen Semesterferien, doch allein schon der Gedanke an das kommende Semester lässt schlechte Stimmung aufkommen. Ein weiteres Semester Distanz-Lehre ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Öffnungskonzepte und ohne dass auch nur ein Wort über die Situation der Studierenden verloren wird. Ich fahre meinen Laptop hoch und beginne mit der Arbeit, die ich 20 Stunden in der Woche ausführe – im Homeoffice selbstverständlich.

In der Politik werden Studierende aktuell grundsätzlich ignoriert, wir scheinen gar nicht zu existieren. Wir fallen durch jegliche Raster, schließlich sind wir weder in der Entwicklung (wie etwa Kleinkinder und Schüler*innen), noch zahlen wir Steuern (wie die arbeitende Bevölkerung) und zur Risikogruppe gehört die Mehrheit der Studierenden auch nicht. Es werden Konzepte für Kitas und Schulen, den Einzelhandel, die Gastronomie, kulturelle Einrichtungen, Fitnessstudios und sogar den Mallorca-Urlaub besprochen, was ja auch sehr wichtig ist. Das möchte ich absolut nicht bestreiten, jedoch verstehe ich nicht, warum bei all dem unser Studium – unsere (Aus-) Bildung – auf der Strecke bleibt. Man hat das Gefühl, die Politiker würden die Ansicht vertreten, dass Bildung nach dem Abitur aufhört, doch man muss kein Genie sein, um zu wissen, dass dem nicht so ist.

Von Solidarität und Jammern auf hohem Niveau

Während mein Verständnis für die Maßnahmen zu Beginn der Pandemie noch deutlich größer war, verwandelt sich meine Verzweiflung langsam in Wut. Wut über den nicht enden wollenden Lockdown, Wut über die nicht voranschreitenden Impfungen, Wut über das Bild von Studierenden, das in Nachrichten und Kommentarspalten vermittelt wird. Es heißt, Studierende wollen doch nur feiern, sich mit Freunden treffen und liegen den ganzen Tag faul auf der Couch – durch die Online-Uni nun noch mehr als vorher schon.

Wir hätten ja nur „Luxusprobleme“. Wir würden jammern auf ganz hohem Niveau, hätten kein Verständnis für Risikogruppen und könnten keine Solidarität zeigen. Wir sollen uns einfach mehr „zusammenreißen“. Und ja, ich würde gerne wieder meine Freunde treffen und vielleicht auch mal wieder abends weggehen, aber darum geht es mir im Kern überhaupt nicht. Mir geht es um ein vernünftiges Öffnungskonzept für Hochschulen und Bibliotheken (Hausarbeiten Ahoi!), um Verständnis für unsere Situation – und dass wir und unsere Probleme endlich ernstgenommen werden.

„Die beste Zeit unseres Lebens“

Einige Studierende sind sicher zufrieden mit der Online-Uni, das möchte ich gar nicht bestreiten. Schließlich bringt der neue Alltag auch Vorteile mit sich, etwa eine ganze Menge Flexibilität. Aber viele meiner Kommiliton*innen fühlen sich einsam und isoliert, sind seit einem Jahr fast durchgehend in ihren WG-Zimmern eingepfercht, haben ihren Job verloren und können ihre Familie seit Monaten nicht sehen. Mittlerweile fühlt sich für mich jeder Tag wie ein Kampf an. Ein weiterer Tag ohne soziale Kontakte, ein weiterer Tag, den ich alleine damit verbringe auf meinen Bildschirm zu starren. Teilweise sitze ich zwölf Stunden und mehr vor dem Laptop, schaue mir alleine Videos von Lehrveranstaltungen an und weiß gar nicht, wer überhaupt noch mit mir studiert und wer schon aufgegeben hat. Mehrfach habe ich darüber nachgedacht, mein Studium einfach abzubrechen, weil mir komplett die Freude daran vergangen ist.

Mein erstes Semester habe ich noch an der Hochschule verbracht, ich weiß also wie Studentenleben sein kann. Zusammen „mensen“ gehen, sich im Kollektiv von 16 bis 19 Uhr durch die BWL-Vorlesung quälen, im Mathe-Seminar kein Wort verstehen und gemeinsam darüber lachen. Alles Leichte war wunderbar, und alles Schwere war weniger schlimm, weil man es zusammen durchlebt hat. Geblieben ist nur das Schwere. Es gibt keinen Ausgleich, alles besteht nur noch aus Online-Vorlesungen, Prüfungen und Arbeit. Jeglicher Spaß am Studieren ist verloren gegangen und viele Studierende haben mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Fehlendes Verständnis von Seiten der Politik

Natürlich möchten wir unser Leben zurück – wollen wir das nicht alle? Seit Monaten schränken wir unser Leben – wie alle anderen auch – bis auf das Nötigste ein, um die Schwächeren zu schützen und bekommen im Gegenzug kein Stück Solidarität. Über uns wird nicht gesprochen, wir sind der Politik offenkundig egal.

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sagte bei einem virtuellen Treffen mit Studierenden aus Heidelberg Anfang März: „Vergleichen Sie Ihre Situation mit der anderer Menschen. Dann werden Sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, depressiv zu werden.“ Für jemanden, der sich wegen der Pandemie in psychotherapeutische Behandlung geben musste, ist dieser Satz ein Schlag ins Gesicht. Wann darf man denn depressiv werden? Wenn man Krebs hat? Wenn man jemanden an Covid-19 verloren hat? Wenn man seine Existenzgrundlage durch die Pandemie verloren hat? Ja, dann darf man offensichtlich depressiv werden, aber wenn man in einer Situation wie unserer ist, dann darf man das nicht.

Dieser Artikel ist ein Aufruf. Ein Aufruf, uns nicht länger zu ignorieren. Uns ernst zu nehmen. Unsere Probleme nicht als „Luxusprobleme“ abzustempeln, sondern uns zuzuhören und uns als das zu sehen was wir sind: Die Zukunft.

Autorin: Nikola Kraa
Bildquelle: pexels.com

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