Volkstänze — so etwas tanzt doch in Deutschland keiner mehr, oder?

Fröhliche Musik, ausgelassenes Tanzen und bunte Kleider — das kann man von einem Bal Folk Abend erwarten. Hinzu kommen noch eine Menge gute Laune und viele neue Bekanntschaften. Die Bal Folk Szene in Deutschland erfreut sich nach wie vor einer großen Beliebtheit. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff?

„Bal“ bedeutet, aus dem Französischen übersetzt, in etwa so viel wie „Ball“ oder „Tanzveranstaltung“, „Folk“ lässt sich übersetzen mit „folkloristisch“. Beim Bal Folk geht es also hauptsächlich um Volkstanzabende und -veranstaltungen, bei denen alle Besucher:innen gemeinsam Volkstänze tanzen. Dabei hat die Folk-Musik nichts mit der volkstümlichen Schlagermusik gemein und die Tänze nichts mit Aufführungen von Trachtengruppen. Hier trifft sich eher ein buntes Völkchen zu handgemachter Musik.

Entwickelt hat sich der französische Bal Folk im Folk-Revival in den 1970er Jahren, an dem unter anderem auch urbanstudentische, traditionalistische und politisch progressive Parteien beteiligt waren. Heute ist eine Bal Folk Veranstaltung vor allem ein Mitmach-Tanzabend.

Von der Bourrée bis hin zum Fröhlichen Kreis

Getanzt werden in Deutschland hauptsächlich französische, bretonische, englische, schwedische und andere Tänze aus Osteuropa oder vom Balkan. Diese reichen von Kreis-, Reihen- und Gassentänzen bis hin zu Paartänzen, wie der Mazurka, dem Schottisch oder dem Walzer. Die letzten drei gehören dabei zu den sechs Grundtänzen des Bal Folk. Trotz der großen Vielfalt haben alle Tänze eines gemeinsam: den Spaß am gemeinsamen Bewegen, denn dieser steht bei einem solchen Tanzabend im Mittelpunkt. Teilnehmen kann daran prinzipiell jede Person, die Lust auf ein bisschen Bewegung und viel gute Laune hat. In dieser Hinsicht ist die Bal Folk Szene allgemein sehr offen und tolerant. Kenntnisse über die verschiedenen Tänze sind dabei meist nicht notwendig — die Schritte erklären sich oft beim Zusehen oder Mitmachen von selbst. Manchmal wird den Tanzveranstaltungen auch ein Workshop zu den wichtigsten Schritten oder einzelnen Tänzen vorangestellt, bevor der Abend später ins freie Tanzen übergeht. Auch ein:e Tanzpartner:in ist nicht notwendig. Zwar wird man kaum einen Bal Folk Abend ohne Paartänze erleben, es ist jedoch in der Szene üblich, nicht mit festen Tanzpartner:innen zu tanzen, sondern je nach Tanz zu wechseln. Einige der Tänze erfordern sogar den Tausch von Partner:innen. Man kommt also im Laufe des Abends mit sehr vielen Menschen in Kontakt.

Ausgelassene Stimmung bei handgemachter Musik

Getanzt wird sehr häufig zu Live-Musik, wobei die genaue Zusammensetzung und Mischung der Tänze sich nach den jeweiligen Bands richtet und was diese am Abend spielen. Das musikalische Repertoire reicht hier von traditionellen bis hin zu neuen, mitunter auch selbst komponierten Melodien. Dabei ist immer das wichtigste Kriterium die gute Tanzbarkeit der Musikstücke — denn darum geht es schließlich im Bal Folk. Vor allem Akkordeon, Geige, Drehleier, Dudelsack, Gitarre und Flöte sind Bestandteil des Instrumentariums. Das begeistert nicht nur ältere Menschen. Im Gegenteil — der Bal Folk zieht auch besonders viele junge Menschen in seinen Bann. Ich habe einige davon befragt, was ihnen an den Tanzbällen am besten gefällt:

Das Tolle am Bal Folk sind die unglaublich herzlichen Menschen und der einfache Zugang. Es gibt kein richtig oder falsch und man lernt so einfach neue Tänze, dass es ganz schnell nur noch darum geht, sich zu bewegen, die Musik zu genießen und Spaß zu haben.

Gina, 22 Jahre

Ich mag beim Bal Folk vor allem, dass man relativ schnell die Tänze lernen und mit anderen tanzen kann, was sehr viel Freude in der Praxis bringt. Außerdem finde ich es sehr gut, dass in der Gruppe viel miteinander agiert wird und das Ganze auch sehr spielerisch ist beim Tanzen. Insgesamt sind es eher einfache Bewegungen, wo man schnell reinkommt und sehr viel Spaß hat.

Johannes, 23 Jahre

Im Bal Folk geht es nicht darum, alle Tänze perfekt zu können, sondern um Spaß an den Tänzen zu haben. Außerdem ist es auch eine tolle Erfahrung als Gruppe zu tanzen und sich immer wieder auf neue Rollen, Tanzpartner:innen und Tänze einzulassen.

Lou, 19 Jahre

Was auch hier nochmal verdeutlicht wird: Das Wichtigste ist das gemeinsame Tanzen und der Spaß. Zugegeben, man muss sich auf einen solchen Abend einlassen. Für einige mag sich das Wort „Volkstänze“ vielleicht zunächst befremdlich anhören. Die Vorurteile reichen von „Das ist doch nur was für alte Leute“ bis hin zu „Ihr springt da doch bestimmt nur in Trachten rum“. Doch wer sich einmal auf einen Bal Folk Abend einlässt, wird merken, dass es fast unmöglich ist, sich der besonderen Atmosphäre und der ausgelassenen Stimmung zu entziehen.

Neugierig geworden? Auf der Seite https://www.balhaus.de/regiolinks.html#d0 kannst du dich über Bal Folk Initiativen in deiner Nähe informieren.

Autorin: Wanda Hitzing
Bildquelle: freepik.com

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