Open Call – Von der Kunst, auf einer Schnittmenge zu stehen

Es zog uns von dörflich eingemachter Peripherie in die Weiten einer verheißungsvollen neuen Welt – auf Entdeckungsreise begaben wir uns mit dem Ziel, auf unsere Kanten zu stoßen. Bloß nicht so sein wie die, die schon alles wussten und daheimblieben, gewogen in wattiger Perspektive, im Nest des Elternhauses.

Es graute uns vor dem täglichen Metronom–Pendel, welches unausweichlich schien, wenn man diese Sicherheit haben wollte. Nein, wir wollten raus aus dieser K l e i n ö d e, waren gespickt mit den wildesten Traumgespinsten, begaben uns hinaus und dann mitten hinein. Das Dorf hatte doch immer etwas kleinliches, in all seinem Wesen war es so gestrickt: Die kleinen Wege vom Reihenhäuschen führten uns in die überschaubare Schule, kleine Kreise, die man dort zog und eben auch die kleinen Geister, neben uns im beengten Klassenraum oder auch gegenüber, wie sie vor dem Whiteboard hockten.

Die Ketten, die uns umgaben, schienen unzertrennbar, sie verknüpften das gesamtheitliche Leben – von Mutter zu Mutter, zum angeheiratetem Cousin, zur ehemaligen Arbeitskollegin der entfernten Verwandten eines vergessenen Bruders – das Wort reiste hier noch schneller als der Deichwind uns beim Fahrradfahren verlangsamte. Geheimnisse waren nur solche, blieben sie vollständig ungeteilt. Lebensentscheidungen wurden simultan zur gedanklichen Entscheidung bewertet. Im geheimen Gremium Rat der kochenden Schulmütter tagte alsbald die Sitzung, zumeist fiel ihr Urteil ernüchternd aus.

Entrinnen wollte man oder auch nicht, denn scheinbar bot dieses Kettennetz eine Stabilisation der Glieder – man war ja auch gefestigt, die Ziele waren klar, die Bekanntschaften stets stetig. Idylle und Einöde zugleich. Da zog man aber nun doch weg: Aufbruch Ost und Aufbruch Süd und Aufbruch West und bei ein paar wenigen auch der Aufbruch Nord (man glaubte kaum, dass es noch nördlicher ginge, – gab es denn da Universitäten, Ausbildungsstätten?).

Nach beschwerlichen Umzügen in viel zu kleinen PKWs schienen die Möglichkeiten schier unendlich. Die neuen Geister waren auf einmal groß, die Massen überfluteten uns in Zahl und Form. Man selbst glaubte zu schrumpfen und fühlte sich oft klein, obwohl man sich daheim doch so groß gefühlt hatte. Zu gewaltig waren wir für die Enge des Dorfes und noch nicht ganz gewachsen dem Trott der Großstadt und des Erwachsenwerdens. Trotzdem stürzten wir uns hinein, wollten Schritthalten mit dem Puls dieser Masse, versuchten kleine Kreise innerhalb dieses gewaltigen Zirkels zu finden, irgendetwas zur Orientierung, einen Anker setzen als Anhaltspunkt.

Doch die Angst, etwas an sich vorbeiziehen zu lassen, dem Schicksal der Begegnungen und der Erfahrungen zu entrinnen, schien zu groß, um den Fuß gänzlich auf Grund zu setzen. Also schwebte man weiter in verschiedenen Kreisen: Zwei Jam Sessions die Woche mussten sein, um nichts zu verpassen, schwitzendes Rock-n-Roll-tanzen in miefigen Übungsräumen, am liebsten wäre einem ein Studium universale (oder doch für Theater vorsprechen?), die Lesungen hier und dort, immer mit anderen kochen in der WG-Küche … und irgendwo, da studierte man eigentlich etwas.

Doch das Verdrängen dessen schien ganz leicht, man steckte ja eh in einer Sinneskrise, warum also in etwas investieren, was sich zukünftig noch verschiebt? Wir wählten das Abenteuer, entsagten der Sicherheit, da gibt es kein Zurück mehr. Verdrängen, das lernte man zuweil. Die Sinnhaftigkeit des Auf- und Verschiebens von Entscheidungen und das Geißeln eines Zukunftsmomentums ist mir immer noch undurchschaubar: Der Moment erscheint so kurz und bündig und lebendig, doch das Weite wieder groß und unbestreitbar. Also lasst uns doch in den Moment fliehen, kein fliegen mehr davon, es verlangsamen.

Dann kehrte man ja auch wieder zurück, b e g r e n z t, auf Zeit. Fragende Eltern, heimatliche Erinnerung, Gesichter, denen man so froh war, vor kurzem entflohen zu sein. Meine Heimreise erscheint mir oftmals als sinnlos – diese fünf Stunden im InterCity, Regio und Metronom, das hektische Wechseln der Züge und kommt man im alten Kinderzimmer an, so möchte man doch am liebsten gleich die Türe schließen. Aber jetzt ist die Zeit hier gemessen und man steht Rede und Antwort, muss jede kleinste Sekunde einen Nutzen des Zusammenseins aufdrücken und das ist vielleicht das, was es so anstrengend macht. Mal abgesehen von all den anderen Dingen, die noch dazu kommen. Es verschiebt sich etwas wieder ganz gewaltig: Da werden Fragen nach Kindeswünschen, Schultern zum Anlehnen und Karriereperspektiven aufgedrückt. Alles wird plötzlich so fest, erstarrt und hat zu erstarren, und irgendwie verfällt man dieser Starre, wird wieder ein wenig mehr Vergangenheitsmensch.

All diejenigen oder zumindest einige, die in solch einer dörflichen Umgebung und in einer Schicht irgendwo zwischen Arbeiterfamilie und sozialem Aufstieg zum kapitalistischen Grundwohlstand aufgewachsen sind, kennen das Paradox: Das Dorf lässt einen zusammenschrumpfen vor illusionärer Nostalgie an die guten, alten, einfachen Tage und doch verspürt man zugleich diesen Ekel vor der Kleinlichkeit. 

Manchmal nähme ich gern den Wald und den Deich und platziere sie anstelle des Parks, sodass man nicht mehr in den Park gehen muss, um dem Hupen und Dröhnen und den M e n s c h e n m a s s e n
zu entkommen, die ja im Park noch immer opak schimmern, sowie das leise Murren der Musik, auf Kopfhörern des Tramvordersitzenden zu laut gedreht. Manchmal ergibt sich mir der Eindruck, nirgendwo richtig atmen zu können. So als wäre die Stadt eben doch nicht zum Verweilen gedacht.

Schon im letzten Zug bei fröstelnder Dunkelheit erreicht mich ein Anruf, der mich in meine Stadt zurückzieht. Seven little numbers – could they be a start? Doch vielleicht verlaufen sie sich ebenso im Staube der Stadt. Was ich mir wünsche, wenn ich auf die Blätter des Baumes vor meinem Hinterhoffenster blicke, während dröhnend die 60 abfährt, ist diese utopische Balance: das Austarieren, die Linienwanderung zweier Kreise, ja zweier Welten, wie bei so vielem. 

Die Schnittmenge oder auch den Punkt, 
wo sich zwei dünne Linien treffen, 
finden, einen kleinen Raum 
lassen und sich darin
einnisten.

Autorin: Sarah Sterling
Bildquelle: pixabay.com

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