Bücher auf der Leinwand – Literaturverfilmungen: Geheimtipp-Doppelpack

Bücher auf der Leinwand – Literaturverfilmungen: Geheimtipp-Doppelpack

Es ist eine komplizierte Angelegenheit: Filme, die auf Buchvorlagen basieren. Für die traditionellen Leser oft ein Grauen, weil Handlungsstränge gekürzt oder weg gelassen werden und die Schauspieler natürlich nie so wie die Figuren aussehen, die man sich im Kopf ausgemalt hat. Andere hingegen lassen sich von den Filmen dazu inspirieren, das Buch zu lesen, um dann vergleichen zu können. Aus verlegerischer Sicht ein Glücksfall, da sich mit dem Verkauf der Lizenzen viel Geld machen lässt und ein erfolgreicher Film gleichzeitig die Verkaufszahlen der zugehörigen Titel ankurbelt. Diesmal haben wir zwei Geheimtipps zu sehenswerten Literaturverfilmungen, die es nicht ins große Rampenlicht geschafft haben. Film ab!

 

 

Die dunkle Seite des Mondes (2016)

 

Buchvorlage:

Martin Suter – Die dunkle Seite des Mondes

Diogenes, 320 Seiten.

12,00€

Pic Dunkle Seite des Mondes
© amazon.de/Alamode

Der auf Fusionen spezialisierte Wirtschaftsanwalt Urs Blank stürzt nach einem tragischen Zwischenfall in eine Existenzkrise und beginnt seinen Lebensentwurf anzuzweifeln. Auf einem Flohmarkt lernt er die junge Lucille kennen, die ihn in die alternative Szene einführt. Er entwickelt schnell Gefühle für sie und lässt sich dazu überreden, halluzinogene Pilze zu konsumieren, um sein Inneres zu erforschen und Erkenntnisse über sein Leben zu erlangen. Dies geht jedoch gehörig schief und die Persönlichkeitsstruktur von Urs fängt an, sich rapide zu verändern. Der Rausch hat schwerwiegende Folgen und er beginnt die Kontrolle über sein Handeln zu verlieren…

„Die dunkle Seite des Mondes“ stellt den zweiten Teil der „neurologischen Trilogie“ des Schweizer Bestsellerautoren Martin Suter dar, die Persönlichkeitsveränderungen als zentrales Thema haben. Der deutsche Regisseur Stephan Rick hat mit der Verfilmung des Romans exzellente Arbeit geleistet. Moritz Bleibtreu brilliert mit seiner Darstellung des Urs Blank und auch der Rest der Besetzung weiß zu überzeugen. Die atmosphärischen Naturaufnahmen stehen im Kontrast mit der sich immer weiter zuspitzenden Handlung, die in ein fulminantes Finale mündet. Als spannende Mischung aus Psychothriller und Personendrama ist „Die dunkle Seite des Mondes“ darüber hinaus ein Paradebeispiel für einen grandiosen Film „Made in Germany“.

 

Wo zu sehen: Maxdome, Amazon Video, Apple iTunes, auf Blu-Ray und DVD

Trailer: 


 

 

Manhunter (1986)

 

Buchvorlage:

Thomas Harris – Roter Drache

Heyne, 464 Seiten.

9,99€

Pic Manhunter
© amazon.de/Kinowelt/Studiocanal

Will Graham, Ex-Profiler beim FBI, genießt seinen Ruhestand, nachdem er seinen Job beinahe mit dem Leben bezahlt hat. Eines Tages bekommt er Besuch von seinem ehemaligen Chef: Ein letzter, unmöglicher Auftrag. Ein Serienkiller treibt sein Unwesen, welcher stets bei Vollmond zuschlägt und Familien in ihrem Zuhause grauenhaft verstümmelt. Graham entschließt sich, ein letztes Mal auf die Jagd nach einem Mörder zu gehen und benötigt dabei die Hilfe seines einstigen Widersachers: Dem Kannibalen Dr. Hannibal Lecter. Dieser sitzt in Isolationshaft in einer Psychiatrie und will sich an Graham rächen, indem er ihn in die Arme der „Zahnfee“, wie die Presse den Mörder getauft hat, treibt. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die nächste Vollmondnacht naht bereits…

Die Hannibal-Romane von Thomas Harris wurden mit Anthony Hopkins als Dr. Lecter sehr erfolgreich verfilmt und sind bestens bekannt. Die erste Adaption des Stoffes, die zu Unrecht leider nicht besonders hohe Popularität genießt, war bereits 1986 „Manhunter“. Kein geringerer als Michael Mann, welcher später mit Filmen wie „Heat“, „Insider“ und „Collateral“ erfolgreich wurde,  führte damals Regie. Als Will Graham bekommen wir William Petersen zu sehen, welcher ab dem Jahr 2000 Chefermittler in der Fernsehserie „CSI: Den Tätern auf der Spur“ wurde. Dr. Hannibal Lecter wird von Brian Cox gespielt, der dem Charakter eine subtilere Note verleiht, als es Hopkins nach ihm tat. Sehenswert ist der Film aber vor allem wegen seiner für die damalige Zeit visionären Optik. Der kühle Hochglanzlook in Verbindung mit dem hypnotischen Soundtrack prägte das Krimi-Genre nachhaltig. Auch das Herausstellen der Ermittler-Arbeit, welche in andern Filmen oft im Verborgenen stattfindet, ist ein Alleinstellungsmerkmal. „Manhunter“ ist eine vergessene Thriller-Perle und Fans der Bücher, oder die es noch werden wollen, sollten sich den Film nicht entgehen lassen.

 

Wo zu sehen: Amazon Video, Apple iTunes, auf Blu-Ray und DVD

Trailer:


 

Kennt ihr weitere unbekannte Buchverfilmungen, die es nicht verdient haben, in Vergessenheit zu geraten? Welche Filme haben eure Erwartungen enttäuscht oder erfüllt? Welcher Roman muss unbedingt noch verfilmt werden? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

 

Autor: Norman Zwanzig

Eine kurze Geschichte der Horrorliteratur

Eine kurze Geschichte der Horrorliteratur

Wie jedem Gänsehautfan, Gruselspezialisten und Schauerliebhaber bekannt sein dürfte, stellt das 19. Jahrhundert eine Blütezeit der Horrorliteratur dar. Edgar Ellan Poe, Mary Shelley und andere Pioniere dieses Genres lassen bis heute weltweit das Blut in den Adern begeisterter Leser gefrieren. Doch wo liegen die Ursprünge der Schauerliteratur? 

Weird Ficiton, Gothic Novel, Gruselroman, wie man sie auch nennen mag, die Horrorliteratur ist aus dem modernen Sortimentsbuchhandel nicht mehr weg zu denken und füllt Regale, bisweilen sogar ganze Läden. Die Ursprünge für die Lust an der Angst liegen jedoch tief in den Kellern der historischen Anthropologie. Nicht ohne Grund leitet sich der Name dieser Literaturgattung von dem lateinischen horrere – die Haare hochstehen lassen – ab.

So legen Antike Mythen den Grundstein für viele heutige Schreckensgestalten. Denn schon im antiken Rom fürchtete man sich des Nachts vor den blutsaugenden Lamien, dem Ursprung für die Sagengestalt des Vampirs, Inkuben sorgen für Alpträume a la Freddy Krüger und in der griechischen Totenstadt von Kamarina fesselt man Leichen aus Angst vor Ihrer rachsüchtigen Wiederkehr. Die Motive für die heutigen Kassenschlager des Horrorgenres haben also schon damals in der Literatur Anwendung gefunden.

Im dunklen Mittelalter

12188871_897819906967703_2130028380_n
Verfolgte Unschuld © de.wikipedia.org

Auch im Mittelalter waren Schreckensvorstellungen zu Unterhaltungszwecken an der Tagesordnung. Obgleich dieses Zeitalter durch Hexenverbrennung, Inquisition und der Fülle an Gewalt für den zart besaiteten Rezipienten schon wie ein Gruselkabinett wirkt, ließen sich die Menschen auch damals von fantastisch-schaurigen Geschichten faszinieren. Mysterienspiele, kleine fürchterliche Szenerien, dargestellt von Wanderschauspielern, lagen hoch im Kurs.

Schriftlich festgehaltene Werke, wie die göttliche Komödie von Dante Alighieris, finden ebenfalls positive, wenn auch umstrittene Resonanz. Mit Shakespeares Hamlet werden Gruselstücke, wenn auch für die breite Masse verfasst, schlussendlich salonfähig.

Monster und Menschen

Im 18. Jahrhundert bildet sich schließlich durch den Rückenwind der Aufklärung ein breites Angebot an literarischen Erzeugnissen, denn Horace Walpoles The Castle of Otranto ebnet den Weg für den Gothic Novel. Auch deutsche Autoren wie Ludwig Tieck widmen das ein oder andere Werk dem noch jungen Genre. Die Themen gleichen dabei den heutigen: Gewalt, Mord, die Angst vor dem Unbekannten, fantastische Monstren – damals wie heute ein Erfolgsrezept.

Im 19. Jahrhundert ist die Horrorliteratur dann nicht mehr wegzudenken und nimmt immer vertracktere, teils philosophische oder psychologische Formen an. So schreckt Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus doch gerade wegen der paranoiden, selbstzerstörerischen Psyche Viktor Frankensteins, weniger wegen des von ihm erschaffenen Monsters, welches zuletzt eher Mitleid als Angst erregt.

Siegeszug und Kommerzialisierung

Frankenstein © www.bl.uk
Frankenstein © www.bl.uk

Die Verfeinerung der Nuancen und Möglichkeiten des Genres, sowie der kommerzielle Siegeszug während des Viktorianischen Zeitalters führen im 20. Jahrhundert bereits zu einer Ubiquität des Genres. Die reiche Quellenlage von Mythen bis hin zu den zahlreichen Vorreitern des Genres, ermöglichen es Autoren wie H.P. Lovecraft sogar neue Mythenfiguren wie Cthulhu zu schaffen, sich wissenschaftlich mit dem Genre auseinanderzusetzen und kontemporär die Nerven eines breiten Publikums bis zum Zerreißen zu spannen.

Mit dem Beginn der Filmkunst, mit dem fast unmittelbar der erste Horrorfilm entsteht, steht dem Genre nun nichts mehr im Wege. Nichts lockt die Zuschauer mehr in die ersten sporadischen Kinos als der Nervenkitzel eines Gruselstreifens und so wandelt der erste Film-Frankenstein bereits 1910 über die Leinwand. Die nun folgende, fast erdrückende Welle von Autoren, Regisseuren und Künstlern, die Werke aus dem Horrorgenre fast wie am Fließband produzieren, ist nun nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Erfolg wächst natürlich auch die Zahl der Kritiker, denn neben der Horrorliteratur entwickeln sich auch, vor allem in visuellen Medien, Subgenres wie Gore oder Splatter, welche eher die schonungslose Gewalt, als das Gruselerlebnis zum Mittelpunkt machen.

Allgemein lässt sich sagen, dass kaum ein anderes Genre der Literaturgeschichte so viel Begeisterung und gleichzeitig so viel Abneigung auf sich zieht. Dennoch ist es doch gerade dieser Zwiespalt, der der Horrorliteratur seiner Existenzberechtigung verleiht.

Autor: Tankred Hielscher