STILLE NACHT

Was Clubkultur ausmacht und warum sie fehlt 

Früher waren Nächte noch lang und wild. Heute sind sie still. Früher wurde gemeinsam gefeiert, heute wird einsam geschimmelt. Damals waren wir unterwegs, heute ist uns langweilig. Früher, das ist gerade mal eineinhalb Jahre her und trotzdem fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Das kulturelle und soziale Leben vieler junger Menschen steht still. Als feierwütig und drogensüchtig abgestempelt, sollen sie sich mal nicht so haben, es ist doch nur eine Party. Na klar könnten sie Zuhause saufen, tanzen und Drogen nehmen. Aber das ist es nicht. Das ist es nicht was fehlt, seitdem das Nachtleben auf unbestimmte Zeit pausiert wurde und echte Clubkultur nur noch eine verblassende Erinnerung aus besseren Zeiten ist…

Heilige Nacht 

Am 16. März 2020 fing alles an. Plötzlich waren die Clubs zu, niemand wusste so richtig, was das bedeutet und warum überhaupt. Ich war mit Freund*innen auf dem Land, wir wollten, zurück in Berlin, fett gemeinsam feiern gehen. Hä, was Clubs zu? Bars auch? Naja, dann nutzen wir die letzten Tage vor dem Lockdown aber nochmal richtig aus: draußen saufen und Hauspartys. Aber daraus wurde nichts. Das würde dem eigentlichen Grund der Schließung unserer Sehnsuchtsorte widersprechen. Weil es eben nicht nur darum ging verschwitzt nebeneinander in einem bunkerähnlichen Kellergewölbe zu tanzen. Weil jeder soziale Kontakt eine Gefahr darstellte. Und so ging uns das Nachtleben verloren. Von einem Tag auf den anderen. Es wurde verzweifelt festgehalten, an der einen letzten Nacht, von der niemand wusste, dass es die Letzte war. 

Alles schläft

Es sind nicht nur ein paar abgewrackte Clubs, in denen man sich mal eine Nacht lang abschießt, die momentan fehlen. Sondern Räume der Begegnung, des Austauschs und der Erinnerungen. Stunden der Ekstase und der freien Entfaltung, für viele ein sicherer Hafen. Die Party-People: junge Menschen, Studierende, Verpeilte, Überforderte und Suchende. Voller Energie. Jung, wild und frei. Sie sahen ihre Freund*innen in der Dunkelheit, die Feiergemeinde wie eine Familie, so ließen sie sich treiben auf den Wellen der tiefen Nacht, wie auf offener See. Die Clubkultur eine Landschaft, so groß und unüberschaubar wie das Meer. Ein Meer voller Möglichkeiten.

Ein Ort des persönlichen Ausdrucks und der freien Entfaltung. All dessen, was glücklich macht: der Freiheit, der Kunst, der Sexualität, ekstatischer Zustände und kompletter Hingabe. Des Rausches, der Mode und natürlich der Musik. Die DJs legen nicht nur irgendwelche Tracks auf, die es schon gibt. Sie erschaffen etwas Eigenes und Neues. Hier kann jede*r tragen und machen was er oder sie will. In einer sicheren Umgebung mit Security und im besten Fall einem Awareness-Team. Das Nachtleben fängt auf, zieht in seinen Bann, es lebt von Abenteuern und guten Geschichten. Aber auch von Liebe, Freundschaft und spontanen Begegnungen. 

Einsam wacht 

Tausende Existenzen hängen davon ab. Techniker*innen für Licht und Ton, Barpersonal, die Garderobe und der Einlass, Booker und Eventmanger*innen zur Planung im Hintergrund. Wieder feiern zu wollen ist kein egoistisches Bedürfnis, sondern genauso wichtig für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Im Club feiern, als politisches Statement oder auch einfach nur sozial und zwischenmenschlich. Dabei kommt es ganz darauf an, in welcher Szene man sich rumtreibt. Was aber alle Feierkreise gemeinsam haben, ist der Zusammenhalt, das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung. Der Healthy-Lifestyle, zu dem wir in den letzten Monaten des Lockdowns quasi gezwungen wurden, ist nicht für jede*n was. Früh aufstehen, ein strukturierter Tagesablauf, jeden Abend auf der Couch und dann früh ins Bett. Viele leben und zehren vom Clubleben. Sie tanken hier Kreativität, haben einzigartige Ideen, lassen sich inspirieren und kommen mit den Erinnerungen des letzten Wochenendes über die nächste Woche.

Im Club trifft man auf Gleichgesinnte, kann sich austauschen und Energie geben. Die extreme Einschränkung der sozialen Kontakte kann auf Dauer nicht gesund sein, das ist in den letzten Monaten klar geworden. Woher sollen Inspiration und Motivation denn kommen, wenn um uns herum nichts passiert und auch zwischenmenschliche Begegnungen ausbleiben? Für eine riesige Masse von Menschen ist das Nachtleben ein Teil ihrer Identität oder der Reise dahin. Nur hier fühlen sie sich wohl und können sich komplett ihren Bedürfnissen hingeben. Ein Safe-Space. Fernab von verurteilenden Blicken. Doch viele bleiben unsichtbar. Vor der Pandemie sind sie in der Nacht untergetaucht, jetzt müssen sie unglücklich in ihren Wohnungen und WG-Zimmern warten, bis es besser wird. Und darauf hoffen, dass nun mehr Menschen verstehen, warum ihnen genau das, was andere für oberflächlichen Absturz halten, so wichtig ist. Feiern als Lebenseinstellung, aus Liebe und Leidenschaft. 

Autorin: Paula Goos
Bild: unsplash

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